Zum Auftakt der Party-Saison ein Sittengemälde: ein beliebiger Auftrieb zwischen Hamburg und München. Es feiern (sich) die Medien- und PR-Menschen, die "Kreativen", in einer rollenverschobenen Welt. In der Natur schlägt Herr Pfau die Räder, bläht der Erpel den bunten Hals, zeigt Panthera leo mit mächtiger Mähne, wer König der Savanne ist. Die Weibchen sind dagegen unauffällig und bescheiden. Im Rudel des Homo erectus ist es umgekehrt. Die Weibchen kommen aufgedonnert wie eh und je; die Männchen, auch die alten, tragen drögen Einheitslook: dunkles Jackett, weißes Hemd und keine Krawatte.

Dies ist die tausendfache Beleidigung des Oberhemdes, mit oder ohne Manschetten. Denn dieses braucht den Schlips wie Brunelleschis Duomo zu Florenz die Kette um die Kuppel, die der kühnen Konstruktion seit 560 Jahren Halt verleiht. Der offene Kragen aber schlabbert und knickt; er spürt die Absicht, ist verstimmt und lässt sich gehen. Was, so wendet der Entbundene ein, der Sinn der Sache ist; so zeige er, wie cool und entspannt er sei. Aber die textile Falle schnappt trotzdem zu.

Erstens verrät der Gestus Kleinmut. Wenn schon, dann richtig: ohne Kragen, Jackett und Alden- Schuhe, dafür Treter und T-Shirt. Beim Merkel-Bankett im Juni im Weißen Haus wagte Gottschalk nur die bestickten schwarzen Jeans, oben war’s der artige Smoking. Der Held war halbiert. Zweitens ist das offene Hemd Konformismus im Quadrat. So läuft inzwischen die halbe deutsche Männlichkeit herum; 40 Prozent behaupten sogar, keinen Schlips zu besitzen. Selbst amerikanische Kuhhirten tragen Halstuch.

"Mode", doziert der Bildungsnahe, "ist immer ein Statement der Gruppenzugehörigkeit." Aber warum will der Kreative durch den Schlips-Verzicht seine Nähe zu Taliban, iranischen Gottesstaatlern oder lateinamerikanischen Autokraten wie Hugo Chávez signalisieren? Und dann bei Hummer-Häppchen und Heidsieck?

Früher tat es der Mann den Pfauen und Löwen gleich. Er machte sich breiter (Epauletten), größer (Pickelhaube) und schöner (Litzen und Tressen). Heute zeigt er wie ein kleiner Junge den offenen, schlappen Kragen. Will er so an die mütterlichen Instinkte der Frauen appellieren, die sich anschicken, die Weltherrschaft zu erobern – der Jäger, der nicht mehr jagen will? Der 70-Jährige, der Jugend vorspielen will, möge den Kragen lieber schließen, um die Halsfalten zu kaschieren.

Die Krawatte ist kein nutzloses Angebinde. "Eine gut gebundene", lehrte Oscar Wilde, "ist der erste seriöse Schritt im Leben." Sie ist das einzige Schmuckstück neben androgynem Kettchen oder fetter Rolex, das ein Mann noch aufbieten kann, nachdem die Husarenjacke ins Museum verbannt worden ist. Der Halsschmuck signalisiert als seidenes Überbleibsel: So waren wir mal, als wir im Löwenfell (Herakles) oder mit wehendem Federbusch (d’Artagnan) unsere Feinde verputzten. Hier maunzt kein Macho, sondern der historisch geschulte Mode-Soziologe. Es ist kein Zufall, dass die Weltmacht-Karriere der Chinesen erst begann, als sie den Mao-Look ab- und die Krawatte umlegten. Schlips ist Schicksal.