Die einen werden der Gnade teilhaftig, und die anderen haben Pech. Denn Gnade, wie sie uns in Deutschlands berühmtestem Wallfahrtsort Altötting bis heute verkauft wird, ist kein Gottesgeschenk an alle, sondern ein Willkürakt. Man erwirbt sie vielleicht durch das Bereuen der Sünden und das Rutschen auf Knien, immer im Kreis um die Kapelle der Schwarzen Madonna herum, »Mea Culpa!« rufend. Es gibt aber keine Garantie, dass das hilft. Wenn ja, nennen die Frommen es ein Wunder: so wie anno 1489 bei dem ertrunkenen Knaben, den seine Mutter auf den Altöttinger Marienaltar legte und mithilfe inbrünstiger Gebete wieder zum Leben erweckte. Wenn nein, dann ist das Kind halt verloren: so wie Andreas Altmann , der zwar auch in dem Wunderort geboren wurde, sogar als Devotionalienhändlerssohn, den aber kein Gott vor seinem sadistischen Vater und seinen brutalen Lehrern rettete, sodass er die Gnadenlosigkeit auskosten musste.

Dafür rächt er sich jetzt, indem er sein katholisches Martyrium in Literatur verwandelt. Dieses Buch ist aber keine modische Vatermordprosa, sondern ein Tatsachenbericht über die Abwesenheit Gottes. Der Autor will den Katholizismus nicht abschaffen, aber dagegen anstinken. Seine Litanei der Stunde trägt den Titel Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend , und handelt davon, dass man sich nur selber aus der Scheiße seiner Herkunft befreien kann.

»Kein Kind wird je fassen, dass es sich ohne Liebe zurechtfinden muss, dass die einen geliebt wurden und die anderen nicht. Verfügt jener, der leer ausging, aber über genug Nerven, wird er die Hintergründe aufspüren, warum seine Eltern ihn nicht liebten.« Altmann hatte die Nerven, ein Bannbuch gegen die Lieblosigkeit, ein Hassbuch gegen die Bigotterie und ein Rettungsbuch gegen die Angst zu schreiben. Wie das Jüngste Gericht bricht der Vater immer wieder über das Kind herein. »Aufschlag auf meiner rechten Gesichtshälfte. Dann eine gepflegte Rückhand auf die linke Seite. Aufschlag, Rückhand, Aufschlag, Rückhand …« Der alte Rosenkranzfabrikant schlägt wie ein junger Tennisspieler und exekutiert die Sündenstrafenlogik. Ohne Strafe keine Demut. Ohne Demut kein Heil. Damit der Sohn das kapiert, befiehlt der Vater: »Knie nieder!« Und: »Hose runter!« Dann haut er mit dem Stock zu, bis der zerbricht.

DIE ZEIT: Herr Altmann, haben Sie als Kind geglaubt, dass Gott Ihnen helfen kann?

Andreas Altmann: Ich war neun oder zehn, als ich anfing zu zweifeln. Wenn ich in meinen Tagebüchern stöbere: Natürlich konnte ich es nicht artikulieren, aber das Christentum stieß mich früh ab.

ZEIT: Haben Sie trotzdem noch gebetet?

Altmann: Nein. Ich konnte ja an meinem Vater beobachten, dass Gebete überhaupt nichts bewirken. Und meine Religionslehrer waren Götter der Scheinheiligkeit. Keine Wärme, kein Verzeihen, keinen Funken Liebe für uns Kinder.

ZEIT: Aber Sie gingen weiter in die Kirche ?

Altmann: Gezwungenermaßen, aber der Glaube war schon weg. Nur Weihrauch und das Niederknien vor dem heiligen Stuss. Mein Gott ist auch nicht tot, es gab ihn nie. Der spirituelle Firlefanz hatte sich schnell als Fata Morgana erwiesen.

ZEIT: Ihr Vater verkaufte Rosenkränze und sang im Kirchenchor. Sie bezeichnen sich als hoffnungslos irdischen Menschen. Fehlt Ihnen Gott nie?

Altmann: Nein, und ich glaube, Gott ist auch an mir nicht interessiert.

ZEIT: Sie sind Atheist.

Altmann: Ich bin Existenzialist. Kann sein, dass das Leben sinnlos ist, also dränge ich alle intensiven Gefühle, alle Kreativität und Unkeuschheit hinein. Walser sagte mal: Der liebe Gott wurde erfunden, wie alles erfunden wird, was uns fehlt.