Öffentlich-rechtlicher Rundfunk Das A bis Z des MDR
20 Jahre nach seinem Start versinkt der Mitteldeutsche Rundfunk in einer Serie von Skandalen. Ein neuer Intendant soll bald für Ordnung sorgen. Mit was für einer Anstalt bekommt er es zu tun?
Anfang. Zum Sendestart am 1. Januar 1992 sah man im MDR-Fernsehen zwei aufgekratzte Moderatoren mit Sektgläsern in Leipzig stehen und sprechen, doch keiner verstand sie – zu hören waren Töne aus Potsdam, wo parallel der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg anfing. Die Panne war schnell behoben; einige Geburtsfehler blieben. Binnen eines Jahres musste der neue Sender aufgebaut werden. Zur eilig rekrutierten Belegschaft zählten viele DDR-Altlasten und weggelobte Westkader. Und die knappe Anschubfinanzierung von 560 Millionen DM besserte man mit riskanten Börsengeschäften auf. Es wurde improvisiert ohne Ende. Nicht nur in der Anfangszeit.
Besenrein. So wollte MDR-Intendant Udo →Reiter, der nun vorzeitig sein Amt abgibt, die skandalgebeutelte Anstalt an einen Nachfolger übergeben. Kritiker schimpfen: Reiter, der sein Büro in einem früheren Schlachthof hat, hinterlasse einen "Saustall".
CDU. Regierungspartei in allen drei MDR-Ländern, auch im äußerst sendungsbewussten Sachsen. Dessen Staatskanzleichef Johannes Beermann (CDU) koordiniert seit Kurzem die Medienpolitik der unionsregierten Bundesländer – und versucht sich bei der Kür einer neuen MDR-Führung als Strippenzieher, auch mit brachialer Polemik. "Kaum eine Instanz in diesem Sender ist intakt", sagte Beermann. Er ließ offen, wie das sein kann, da doch seine Partei in den Kontrollgremien seit jeher maßgeblich mitredet.
Dreiländeranstalt. Der fünftgrößte ARD-Sender hat 8,7 Millionen Menschen im Einzugsgebiet. Neben der Zentrale in →Leipzig mit einer Betriebsstätte für den Hörfunk in Halle gibt es Landesfunkhäuser in Dresden, Magdeburg, Erfurt. Das Programm "soll der Information und Bildung sowie der Beratung und Unterhaltung dienen".
Escher, Peter. Robin Hood Mitteldeutschlands. Seit 1995 präsentiert der selbst erklärte "Journalist mit großem Gerechtigkeitsempfinden" sich und seinen wöchentlichen MDR-Ratgeber, bekannt geworden als Ein Fall für Escher. In einer weiteren Sendereihe, Die Spur der Täter, ist der 57-Jährige mit der Kripo Verbrechern auf den Fersen. Die Aufklärung dubioser →Machenschaften in seinem Sender ist hingegen kein Fall für Escher, sondern für Ingmar Weitemeier, früher Direktor des Landeskriminalamts Mecklenburg-Vorpommern. Ihn hat der MDR als Chefermittler eingesetzt.
Foht, Udo. Spitzname "Ufo". Kommt vom DDR-Fernsehen und überstand die Wende. Stieg zum MDR-Unterhaltungschef auf und galt bald als bieder-bizarres Genie, als Entdecker von Volksmusikstar Florian Silbereisen und Erfinder quotenstärkster Schunkel-Shows. Foht wurde einer der Mächtigsten beim Sender. Bis man ihn Ende Juli 2011 suspendierte: Der 60-Jährige soll von Produktionsfirmen und Geschäftsfreunden Zehntausende Euro gepumpt und mit den Leihgaben des einen die Schulden beim anderen beglichen haben – teils soll er sein persönliches Schuldenmanagement auf Briefpapier des MDR betrieben haben. Die "Briefpapier-Affäre" und sein Konstrukt aus Schuld und Schein brachten Foht die fristlose Kündigung. Karola Wille, die Juristische Direktorin, soll den Fall aufgeklärt haben – was ihr bei der →Intendantenwahl aber nicht genützt hat.
Gebühren. Ein Drittel aller Hartz-IV-Empfänger lebe in seinem Sendegebiet, beklagt Intendant Reiter: "Das ist gut für die Quote, weil die den ganzen Tag fernsehen, aber schlecht für die Einnahmen, weil sie alle gebührenbefreit sind." Dadurch entgingen dem Sender etwa 80 Millionen Euro pro Jahr.
Hilder, Bernd. Seit 2003 Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung, nun designierter MDR- Intendant: Hilder, geboren 1959 in Bückeburg (Niedersachsen), steht dem Rundfunkrat zur Wahl – als einziger Kandidat. DDR-Verhältnisse? Nicht ganz, denn das Gremium könnte noch renitent werden: Selbst manchem in der CDU ist Hilder zu offenkundig CDU-nah. Weil Sachsens Staatskanzlei seine Ernennung mit aller Kraft betreibt, soll er den Machtzirkeln Thüringens und Sachsen-Anhalts eher suspekt geworden sein. Hilders Vorteil jedoch in Skandalzeiten: Er kommt von außen, könnte aufräumen (→Besenrein). Von seiner Zeitung erhält er eigentümliche Rückendeckung. Es kursiert der Scherz: Kein Mitarbeiter werde jetzt schlecht über Hilder reden. Um bloß sicherzustellen, dass er auch wirklich weggeht.
Intendantenwahl. "Eine Intendantenwahl ist kein Wunschkonzert", sagte jüngst Udo Reiter. Stattdessen läuft es nach strenger Playlist: Der Verwaltungsrat (sieben Mitglieder) sucht einen Kandidaten aus. Über diesen – Bernd →Hilder setzte sich gegen Karola Wille durch – wird nun vom Rundfunkrat abgestimmt. Darin sitzen 43 Vertreter aus Politik, Verbänden, Kirchen. Der MDR-Staatsvertrag regelt nicht nur exakt, wie viele Mitglieder welcher Landesregierung im Gremium mitmischen. Sondern auch, dass etwa ein "Mitglied der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, und zwar aus Sachsen" dazuzugehören habe. Das Gremium entscheidet am 26. September über Reiters Nachfolge; dabei ist eine Zweidrittelmehrheit nötig.
Jubiläum. 20 Jahre nach der Unterzeichnung des Staatsvertrags für den MDR am 30. Mai 1991 sollte eine große Gala in der Leipziger Messe das Jubiläum feiern. "Das passt jetzt nicht in die Landschaft", sagte Intendant Reiter im Mai und blies die Sause ab. Wenige Monate zuvor war ein Betrugsskandal beim →Kika bekannt geworden.
Kika. Kinderkanal von ARD und ZDF mit Sitz in Erfurt und unter Federführung des MDR. Hier flog Ende 2010 der bislang größte Betrugsfall des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf: Über fünf Jahre hinweg hat ein damaliger Kika-Manager über Scheinrechnungen mindestens 4,6 Millionen Euro veruntreut. Eine interne Prüfung brachte beim MDR eine "Kultur des Wegschauens" an den Tag.
Leipzig. Hauptstadt des MDR. Hier, abseits der Machtzentren Dresden, Magdeburg und Erfurt, sollte die Medienmetropole des Ostens erwachsen. Es reichte nur zur sündhaft teuren, großmannssüchtig benannten "Media City" nebst MDR-Studiogelände. Da entstehen Riverboat , In aller Freundschaft und Hier ab vier. Sowie der Tatort mit Simone →Thomalla.
Machenschaften, dubiose. Die Geschichte des MDR ist auch eine Geschichte der Skandale. Wie sich später herausstellte, wurde mit viel Geld der Gebührenzahler gezockt (illegal, aber überwiegend erfolgreich); Stichwort: Ecuador-Anleihen. Serienweise entpuppten sich MDR-Gesichter als Stasi-Fratzen. Es gab Schleichwerbung, den Korruptionsfall um Ex-Sportchef Wilfried Mohren, den Skandal im →Kika und zuletzt die ständig sich weiter auswachsende Affäre um Udo →Foht und mögliche Vetternwirtschaft.
Nörgelei. Verspottet und verhöhnt wird der Mitteldeutsche Rundfunk, seit es ihn gibt. Über die "Bedürfnis-Anstalt der neuen Bundesländer" schrieb der Spiegel: "Seien wir höflich: Wer ein paar Tage nonstop MDR schaut, träumt danach nicht sofort von einem Kurzurlaub im Sendegebiet." Aber MDR-Bashing ist längst erwartbarer, als es das Programm des Senders je sein könnte.
Ostalgie. Ist Markenkern. Das zeigen Sendungen wie Mahlzeit DDR: Kosta, Rondo, Kaffeemix. Verschiedentlich formuliert wurde der Vorwurf, die Anstalt halte sich aus Quotengründen eine Art DDR im Kleinen aufrecht. Als "TV-Soljanka". Wohlmeinende interpretieren das anders: Der MDR habe sein Publikum eben besonders sanft an den neuen Staat herangeführt und wolle es auch nach zwei Jahrzehnten noch nicht so doll mit all der marktwirtschaftlichen Härte konfrontieren.
Publikumslieblinge. Hat der MDR zuhauf. Unsere Stars! Jede Aufzählung kann nur ein Versuch sein: Florian Silbereisen, Petra Kusch-Lück, Peter →Escher, Frank Schöbel, Tierpfleger Michael Ernst ( Elefant, Tiger und Co. ). Und Achim Mentzel. Oder gehört Letzterer dem RBB? Und wären diese Typen im Westen nicht entweder Bundesfreiwilligendienstleistende (Silbereisen) oder Hartz-IV-Empfänger (Mentzel)? Eben. Noch nicht ganz verstanden hat dies der MDR-Neuzugang Waldemar Hartmann, der seit Kurzem aus Leipzig Waldis Club moderiert. In einem Interview verweigerte er den Vergleich mit Achim Mentzel: "Der ist mir a bissl zu populistisch."
Quote. Rechtfertigung allen Übels, Lebenselixier jedes MDR-Intendanten: Quote? Da haben wir die beste! Man ist ja sogar beliebter als der Bayerische Rundfunk. Unter den Dritten hat das MDR-Fernsehen 2010 mit 8,7 Prozent Marktanteil wieder den besten Schnitt gemacht. Viele der Zuschauer tragen auch schon die Dritten.
Reiter, Udo. Gründungsintendant des MDR. Geboren 1944 in Lindau, ein Bayer, längst aber assimilierter Sachse – fällt jedenfalls mitunter durch wessifeindliche Witze auf. Kam vom Bayerischen Rundfunk, erhielt bei Gründung des MDR den Mitarbeiterausweis Nummer 0001. Soll damals direkt von Kurt Biedenkopfs Staatskanzlei hergelotst worden sein. Kein ARD-Intendant amtiert länger. Ende Oktober hört Reiter vorzeitig auf. Offiziell aus gesundheitlichen Gründen.
Sachsenklinik. Das Anstalts-Krankenhaus, bekannt aus der ARD-Serie In aller Freundschaft. Wöchentlich schalten rund sechs Millionen ein. Und sehen etwa Defa-Star Dieter Bellmann als Dr. Simoni: den Arzt, dem nicht nur mitteldeutsche Frauen vertrauen.
Thomalla, Simone. Actrice, geboren 1965 in Leipzig. Wurde berühmt als jene Frau, die Schalkes Manager Rudi Assauer Bier holte. Übernahm 2008 überraschend von Peter Sodann die Hauptrolle im Leipzig-Tatort. Durfte sich dann sogar für den Playboy ausziehen. Eine Mittvierzigerin ersetzt einen Senioren: Der erste Vorbote neuen Jugendwahns beim MDR?
Unikate. Das haben nur wir. Seit 1992 gehört das – so die PR – "einzige Fernsehballett Europas" zum Sender. Ebenfalls einzigartig: der MDR-Kinderchor. Es kann also, wer möchte, sein ganzes Leben musizierend in dieser Anstalt verbringen. Bis er in einer →Volksmusik-Sendung endet.
Volksmusik. Noch vor dem Schlager die Melodie des Hauses. Für die ARD richtet der MDR die Feste der Volksmusik aus, große Shows am Samstagabend, fünfmal jährlich. Die wenigsten bedenken: Florian Silbereisen ist Bayer! Und außerdem gucken, heimlich, ja auch Westdeutsche zu. Und buchen sogar Volksmusikreisen in den Osten.
Wir-Gefühl. Mei Sachsen, mei MDR! Stammzuschauern des Heimatsenders geht das Herz auf, wenn das Vater-Sohn-Duo Schmiedel-Pfeif’n in der Wernesgrüner Musikantenschenke die Quetschkommode nudelt: "Vom Arzgebirg, da kommen wir"! Darüber kann man sich belustigen. Aber es funktioniert: Der MDR schafft Identität. Auch im seriöseren Programm – Sendungen wie der Sachsenspiegel erzielen glänzende →Quoten von mehr als 20 Prozent. Was das Bayern-Fernsehen mit Dahoam is Dahoam krampfig versucht, gelingt dem MDR im Osten spielend: Leitmedium für kollektive Identität zu werden.
Zukunft. "Zukunft im Osten" hieß neulich ein Kongress des MDR. Die Probleme des Sendegebiets sind die des Senders: Abwanderung, Überalterung. Die Zeiten würden härter, sagt Udo Reiter. Sein Nachfolger erbt eine Anstalt in der Krise. Doch man kann die gute Nachricht sogar im MDR-Shop kaufen. Einen Schlager von Monika Martin: Jedes Ende ist ein Beginn.
- Datum 08.09.2011 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 8.9.2011 Nr. 37
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Ich lebe erst seit 1993 im o. g. Sendegebiet - muss aber zu meiner Verteidigung eingestehen, dass ich von Anfang an im `Herz der Finsternis´ gelebt habe (gemeint ist Leipzig) und auch einige der o. g. Akteure in Veranstaltungen, Beratungen etc. erlebt habe.
Um es kurz zu machen:
Ich schäme mich ... zutiefst und nachhaltig für das Programm des mdr und für viele seiner Protagonisten. Eine Ausnahme mache ich nur für den mdr-Figaro, welcher morgens und abends meine Seele mit mal smoothiger - mal klassischer Musik und ordentlichem Regional-Feuilleton streichelt.
Ich lebe seit 1993 in einem Sendegebiet, welches die trübe Vergangenheit durch Volksmusik und mdr-Lebensberatung a la Escher wegzuzaubern versucht und dies auch für viele Menschen wirklich erfolgreich versteht.
Wir haben hier vielfältige Politik -,Finanz- und Wirtschaftsskandale - vornehmlich in Gods own land Saxonia. Allein jedoch; diese sind nicht existent im mdr-Gebiet, weil der Sender nicht darüber berichtet. Insbesondere Sachsen erinnert mich an einen Staat wie Singapur, eine gelenkte Parteien-Diktatur, die in der Hand von einem alternden Männer-Klüngel aus Partei, Kirche, Sozialverbänden, abgehalfterten Gewerkschaftlern und Möchtegern-Revolutionären (Es gab 1989 keine Revolution!) besteht.
Der o. g. Chefredakteur der LVZ - B. Hilder - ist das Beispiel für die Situation: Die LVZ musste journalistisch immer zum Jagen getragen werden ... dann doch lieber Artikel über den Leipziger Zoo.
Nicht ist gut in Sachsen!
[...] Und das alles unter der Regie eines fürstenhaft residierenden Intendanten aus Bayern. Diesem wurde allerdings der Stuhl zu heiss - und siehe da: Unmittelbar nach verkündetem Abgang aus "gesundheitlichen Gründen" kocht der MDR-Topf sofort über.
Inmitten der "Aufklärungsphase" erlaubt sich die ARD die notwendige Aufstockung ihrer Einnahmen (Zwangsgebühren, eingeholt von der GEZ) anzukündigen, was von absoluter Nervenstärke zeugt.
Wer schwindelerregende Beträge in Personal, Fremdproduktionen, und überbordende Internetauftritte steckt, sollte mit Nachdenken beginnen, wo ernsthaft gespart werden kann, anstatt den gelangweilten Zuschauern immer mehr wirklich flaches und wiederholtes Programm zuzumuten.
Eine Reform der öffentlich-rechtlichen Anstalten ist längst überfällig. [...]
An selbsternannten Medienfürsten, wie Reiter und ihren vielseitigen Hofnarren, muss ein Exempel statuiert werden.
Das beginnt bei klarer Ermittlung wegen Untreue und damit zusammenhängender Delikte. Leuten wie Reiter, Foth, oder Verantwortlichen der MDR-Rechtsabteilung weiter Gehälter und nachfolgend noch eine üppige Altersversorgung zu bezahlen, ist das Letzte, was der Gebührenzahler versteht.
Die Sender und die Aufsichtsgremien sind gefordert - wollen sie nicht durch massiven "Beschuss" ihre Positionen und Ämter verlieren.
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und diskutieren Sie sachlich zum Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/vn
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