Krebsessen in SchwedenBei den Panzerknackern

Ein Krebs, ein Lied, ein Aquavit – in Schweden verabschiedet man den Sommer mit einem großen Fressgelage von Wolfgang Gehrmann

Der Leuchtturm Långe Erik überragt den Norden der Insel Öland.

Der Leuchtturm Långe Erik überragt den Norden der Insel Öland.  |  © Anders Johansson

Sabine hält den knallroten Krebs mit links zwischen den Spitzen von Daumen und Zeigefinger. Die rechte Hand, die nun beherzt zufassen müsste, um das Schalentier irgendwie zu knacken, verharrt aber reglos an der Tischkante. Der eben noch unternehmungslustige Blick irrlichtert mutlos zwischen den Tischnachbarn, dem Tier und dem Teller, auf dem weitere Exemplare bereitliegen, verspeist zu werden. Schließlich sagt sie: "Ich kann es nicht tun. Er sieht mich an."

"Das Problem löst du so", sage ich und setze das kleine Spezialmesser gleich hinter den Augen des Krebses auf meinem Teller an. Ein kräftiger Schnitt, und der Kopf ist abgetrennt. Der hier sieht niemanden mehr an. Nun lässt sich der Rückenpanzer von der Bauchseite her gut aufklappen, und man ist dem als schmackhaft gepriesenen Schwanz des Tieres schon ein wenig nähergekommen. Sabine hilft das erst einmal wenig. "Zeig’s noch mal", sagt sie, "ich glaube, bei mir geht das nicht."

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Ein schwedisches Krebsessen stellt den ungeübten Mitteleuropäer vor Herausforderungen. Mit der traditionellen Kräftskiva feiern die Nordländer alljährlich den Abschied vom Sommer. Neben Weihnachten und der Mittsommernacht ist es die beliebteste Festivität des Jahres, manche nennen sie auch den schwedischen Karneval. Bei gutem Wetter feiert man im Freien, hängt Lampions in die Bäume und setzt bunte Papierhüte auf. Das Motto der Übung lautet: "Ein Krebs, ein Lied, ein Schnaps". Und entsprechend wieder von vorn, solang die Kräfte reichen. Neben dem gekonnten Umgang mit der scheren- und panzerbewehrten Hauptspeise sind Sangesfreude und Aufgeschlossenheit für ein etwas eigenwilliges Liedgut gefragt. Die dritte Ingredienz, die für gewöhnlich in Form von Aquavit gereicht wird, erleichtert nach unserer ersten Erfahrung die Bewältigung der Gesamtaufgabe.

Småland: Anreise

Nach Småland gelangt man mit der Fähre von Travemünde nach Trelleborg. Von dort aus weiter mit dem Auto oder der Bahn. Flüge (mit FlySmaland) von Berlin nach Växjö. 

Krebsessen

Tofvehult-Kafé (Tovehult 3, 59093 Gunnebo), Tel. 0046-490/26351, www.tofvehult.se.

Eine andere gute Möglichkeit zum Krebsessen bietet der Zuchtbetrieb Klintakräftan (Klintagatan 1, 38750 Köpingsvik) auf der Insel Öland, Tel. 0046-485/77803, www.klintakraftan.com

Wir sind zum großen Krebsessen nach Tofvehult gereist. Im tiefen Wald von Småland, fünf Kilometer südlich des gemütlichen Ostseehafens Västervik, betreiben Lena und Peter Göransson ein Idyll von einem Café . In dem zweistöckigen, hinter alten Obstbäumen verborgenen Haus am Bachlauf hat schon Lenas Großmutter die Arbeiter des kleinen Wasserkraftwerks nebenan bekocht. Der Dauerregen dieses Sommers, der Schweden nicht verschont hat, ist an diesem Abend in ein gnädig warmes Geniesel übergegangen. Vom Flusslauf steigt milder Nebel auf, der das Anwesen in eine wattige Stille hüllt. Ein Kiesweg führt am Ziegenstall vorbei zum hundert Schritte entfernten Ålsjö. Auf den vom Eiszeit-Eis glatt gehobelten Granitrundungen des Ufers liegen die Reusen, mit denen Peter unsere Abendmahlzeit gefangen hat.

Der Wirt sieht etwas übernächtigt aus, stoppelbärtig und leicht grau das asketische Gesicht. Er hat die vergangenen fünf Nächte darauf verwendet, den Fang für unsere Mahlzeit zusammenzubringen. "Es war ein schlechtes Jahr für Krebse", sagt er. "Wir hatten zwei harte Winter nacheinander, die haben die Bestände dezimiert." Die Zeiten, in denen die Schweden die kräftor für das Sommerabschiedsfest in Fülle aus Flüssen und Seen ziehen konnten, sind längst vergangen. Eine Pest hat Anfang des vergangenen Jahrhunderts den heimischen Astacus astacus weitgehend hingerafft. Was heute auf den Teller kommt, sind aus Amerika eingeführte Signalkrebse, die in künstlichen Teichen gezogen werden müssen und bei den Züchtern 60 Euro das Kilo kosten. Peter Göransson allerdings will seinen Gästen den echten Flusskrebs aus dem eigenen See servieren.

Wie sie da leuchtend rot unter grüngelbem Krondill auf dem Küchentisch liegen, sind sie hübsch und appetitlich anzusehen. Die Schüssel allerdings ist nicht eben groß, und unter den acht Gästen macht sich eine gewisse Sättigungssorge breit. "Nein", sagt Peter, "satt werdet ihr nicht davon. Wenn ihr nur Krebse äßet, würden sie euch auch viel zu schwer im Magen liegen. Ihr müsst ordentlich von all den anderen Dingen nehmen, die zur Kräftskiva gehören. Denn eine gute Basis werdet ihr brauchen."

Leserkommentare
  1. "In den Seen Smålands ist der heimische Flusskrebs selten geworden. Ihr traditionelles "Kräftskiva" lassen sich die Schweden trotzdem nicht nehmen." – sozusagen: Nach uns der Signalkrebs ...

    • Eisfee
    • 15. September 2011 11:30 Uhr

    ...aber dieses Jahr können sie nicht in Schweden gewesen sein, denn es gab keinen Dauerregen ;) Ich war 2 Monate da und hatte einen bei Weitem besseren Sommer, als ich ihn daheim in Deutschland gehabt hätte...

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