Stillstand bei sieben Beaufort. Die langen Rotorblätter der Windkraftanlage verharren starr trotz dieser frischer Brise. Weil jede weitere Kilowattstunde die Stabilität des Stromnetzes gefährden würde, wurde dieses sichtbare Symbol der Energiewende zwangsweise abgeschaltet. Ein widersinniger Zustand, der immer häufiger eintritt: Vergangenes Jahr gingen laut Bundesnetzagentur fast 74 Millionen Kilowattstunden so verloren. Einzelne Betreiber im Norden Schleswig-Holsteins mussten ein Viertel ihrer Gesamtproduktion abschreiben. »Ausfallarbeit« heißt das euphemistisch im Behördendeutsch. Nach Paragraf 12 des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) wurden dafür gut sechs Millionen Euro Entschädigung gezahlt, Tendenz steigend.

Was fehlt, ist ein Speicher für den Strom . Einer, der so groß ist, dass er die Republik über Wochen versorgen kann, der überall verfügbar und kostengünstig ist. »Wir haben ihn schon«, sagt Stephan Rieke von Solar Fuel Technology, »Deutschlands größter Speicher ist das Erdgasnetz.« Statt wie bisher Erdgas in der Turbine eines Kraftwerks zu verfeuern, um über einen Generator elektrische Energie zu erzeugen, geht es auch umgekehrt – allerdings nicht auf demselben Weg. Eine Demonstrationsanlage läuft bereits beim Zentrum für Sonnenenergie und Wasserstoffforschung in Baden-Württemberg (ZSW).

Die Umwandlung von überschüssigem Strom zu Erdgas erfolgt in zwei Schritten. Zuerst wird Wasser mit dem Strom in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten. Nach dieser Elektrolyse reagiert der Wasserstoff mit Kohlendioxid zu reinem Methan, dem Hauptbestandteil von Erdgas. Dieser Sabatier-Prozess ist altbekannt und wurde nun wiederentdeckt. Die Versuchsanlage produziert etwa einen Kubikmeter pro Stunde; eine zehnmal größere ist im Bau. Ulrich Zuberbühler vom ZSW ist zuversichtlich, damit nicht nur einen entscheidenden Ansatz für die Stromspeicherung, sondern für die Energiewende insgesamt zu haben. »Ein wichtiger Vorteil liegt in der Austauschbarkeit zwischen den Märkten für Strom, Wärmeerzeugung und Mobilität.« Denn Erdgas kann nicht nur wieder zu Strom umgewandelt, sondern ebenso zum Heizen von Wohnungen und Häusern sowie zum Autofahren genutzt werden. Deshalb hat sich etwa auch der Autobauer Audi hier engagiert.

Wie dringend ein Speicher für die fluktuierende Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen in die Realität umgesetzt werden muss, zeigen die Ausbauziele: Gerade wurde die Quote von 20 Prozent im Strommix überschritten. Selbst die schwarz-gelbe Bundesregierung erwartet für das Jahr 2020 einen Anteil von knapp 39 Prozent. 2030 werden 50 Prozent angepeilt, 2050 sogar 80 Prozent. Dann werden nicht mehr die Engpässe im Leitungsnetz, sondern ein Wechsel von langen Phasen der Überproduktion – zum Beispiel im windreichen Herbst – und Zeiten des Mangels, etwa im tiefsten Winter, die entscheidende Herausforderung sein. »Das Erdgasnetz hat heute eine Kapazität von über 220 Terrawattstunden«, sagt Stephan Rieke vom Start-up-Unternehmen Solar Fuel Technology, »damit kann Deutschland über zwei Monate lang versorgt werden.« Zum Vergleich: Heutige Pumpspeicherkraftwerke reichen nur für Stunden. Rieke rechnet damit, schon 2015 die kommerzielle Vermarktung starten zu können.

Ein ökonomischer Haken ist der Wirkungsgrad bei der Methanisierung. Etwa 60 Prozent gelten als möglich. Zwar erscheint das alles besser, als den mühsam erzeugten Ökostrom wegzuwerfen. Für den unternehmerischen Erfolg ist aber mehr notwendig. »Wir brauchen die politischen Rahmenbedingungen, um diese neuen Entwicklungen zur breiten Anwendung zu bringen«, fordert darum Björn Klusmann, Geschäftsführer des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE). Die Bundesregierung habe zwar in ihrer Koalitionsvereinbarung von 2009 einen Anreiz für Speichertechniken angekündigt, mit der aktuellen Flexibilitätsprämie aber nur einen sehr kleinen Schritt zur Förderung unternommen. Klartext: Der Staat soll dafür sorgen, dass sich die Methanisierung rechnet.

Eine weitere Möglichkeit der Finanzierung wäre, die Zahlungen für die Entschädigung der Ausfallarbeit umzuschichten. Die sechs Millionen Euro, die 2010 dafür gezahlt wurden, sind aber viel zu wenig und erscheinen angesichts der gigantischen Summen im Energiesektor fast läppisch.