Künstlerin Rosa Loy"Ich wachte auf und war glücklich. Meine Eltern hatten sich wiedergefunden"

Die Trennung ihrer Eltern war für die Malerin Rosa Loy ein großer Schock. In einem Traum sah sie Mutter und Vater wieder vereint. von Kerstin Walker

Bis heute ist der Septemberanfang für mich die bedeutsamste Zeit des Jahres. Erstmals bewusst wahrgenommen habe ich ihn, als ich etwa sechs Jahre alt war. Damals zog ich mit meinen Eltern und meinen beiden Geschwistern nach Leipzig . In der Woche nach dem Weltfriedenstag am 1. September fing das neue Schuljahr an. Ich liebe noch heute den Geruch dieser Zeit, der mit seiner frischen Luft das Ende des schwülen Sommers ankündigt.

Die Schule begann mit dem Fahnenappell für den Kampf um den Frieden. Gleichzeitig bedeutete der Weltfriedenstag für mich als Kind die Chance auf ein eigenes, aufregendes Leben. Ich dachte: Alles wird gut mit einem Neubeginn. Bis heute trage ich diese Doppelbedeutung in mir. Die Sommerzeit empfinde ich immer noch als laue Ferienzeit. Als Malerin gönne ich mir im Juli und August verlängerte Wochenenden. Aber dann, am Septemberanfang, vertraue ich auf das perfekte neue Jahr, das vor mir liegt.

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Rosa Loy

52, wurde in Zwickau geboren und lebt in Leipzig. Bis zu ihrem 27. Lebensjahr arbeitete sie als Gartenbauingenieurin, danach studierte sie Malerei und Grafik. Unter dem Titel Hinter den Gärten eröffnete sie vorige Woche in Wien ihre erste gemeinsame Ausstellung mit ihrem Mann Neo Rauch.

Ich bin an einem Punkt im Leben angekommen, an dem ich Frieden mit mir und meinen Fähigkeiten schließen möchte. Demutsvoll mit meinem Potenzial zu leben, in jedem Moment bei mir zu sein – ach, wäre das schön. Der große Reiz dieses Gedankens hat mit dem alchemistischen Ansatz zu tun: Innen wie Außen. Ich strahle aus, was ich spüre. Ich kann verzeihen, großzügig sein, geben.

Ich habe einen Traum
Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen  |  © Miss Jones/Photocase

An das Grundgute im Menschen zu glauben lernte ich von meinem Großvater. Richard Scheringer war ein Kommunist in Bayern , er war aber vor allem ein echter Menschenfreund. Seinen inneren Frieden gab er an seine elf Kinder weiter. Zusammenhalt und Unterstützung – das war es, was in unserer Familie zählte. Meine Eltern halfen mir, diese Werte auch für mich zu entwickeln.

Umso schmerzhafter war die Erfahrung für mich als 26-Jährige, als sie sich plötzlich trennten. Es war ein Riss in meinem harmonischen Weltbild. Meine Eltern hatten 27 Jahre miteinander verbracht. Mein Vater war Gärtnereidirektor, meine Mutter arbeitete als Ingenieurin für Landmaschinenerprobung. Gemeinsam war ihnen die Liebe zu den Pflanzen, der ähnliche Beruf. Aber sie scheiterten als Paar und gingen eigene Wege.

Dass beide nur wenige Jahre später starben, war ein weiterer Schock. Mein familiärer Zusammenhalt verlor sein Fundament. Einige Zeit danach hatte ich diesen Traum: Meine Eltern trafen sich in einem großen Rosengarten.

Ich erträumte sie mir als ätherische Wesen, nicht als reale Personen, aber sie sprachen miteinander, wie sie es in meiner Erinnerung oft taten. Sie fachsimpelten über die Blumen. Ihre Differenzen waren unwichtig geworden. Wichtiger war ihnen, vereint zu sein, den gleichen Weg zu haben.

Es war einer dieser Träume, wie man sie morgens um fünf hat, kurz vor dem Aufwachen. Surreal und doch wahrhaftig. Als sei das Erträumte wirklich geschehen. Und so träumte ich, dass meine Eltern über den Rosengarten hinwegschwebten. Mein Vater hielt meine Mutter an der Hand. Ich wachte auf und war glücklich. Meine Eltern hatten sich wiedergefunden. Mein Vertrauen auf einen Neubeginn war wieder erwacht.

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    • Serie Ich habe einen Traum
    • Schlagworte Eltern | Frieden | Geschwister | Liebe | Pflanze | Schule
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