In David Cronenbergs neuem Film "A Dangerous Mind" spielt Keira Knightley die junge Russin Sabine Spielrein, die Frau zwischen Sigmund Freud und Carl Gustav Jung. © Giuseppe Cacace/AFP

Wer wissen will, wie schnell unsere kleine Zivilisation zur Hölle fahren kann, der muss zum Lido di Venezia fahren. Hier, in der nach Eiscreme und Campari Spritz duftenden Welt der Strandhütten, Tretboote und Cafébüdchen, ist es nur ein winziger Schritt vom Ferienfrieden zur Eskalation. Wehe dem, der es wagt, sich zaghaft über eines der vielen durch und durch verzogenen, dicklichen, schreienden, mit Sand um sich werfenden, italienischen Monsterkinder zu beschweren. Nur knapp entkommt man einem sich rasch formierenden Lynchmob aus empörten Müttern, mit Goldschmuck behängten Großmüttern und alten Männern, die aussehen, als hätten sie die Badehose ihres kleinen Enkels angezogen.

Aber vielleicht muss man solche Strandschlachten sportlich nehmen. Oder als Einstimmung in ein Festival betrachten, in dem ein zivilisatorischer Zusammenbruch den nächsten jagt. Fast ohne Unterlass wird auf diesem Festival der Dialogschlachten in den mal aggressiven, mal perversen, mal absurden Abgründen unseres Daseins gewühlt. In Roman Polanskis Film Carnage brauchen vier gut erzogene und gebildete New Yorker 90 Minuten, um vom umgänglichen, aber spitzmündigen Miteinander ins titelgebende Gemetzel zu kippen.

Kate Winslet und Christoph Waltz, Jodie Foster und John C. Reilly spielen in Polanskis Film, der auf Yasmina Rezas Theaterstück Der Gott des Gemetzels beruht, zwei Ehepaare, die durch einen gewaltsamen Streit ihrer Teenie-Söhne aneinandergeraten. Wie immer bei Reza geht es um die Dekonstruktion der bürgerlichen Oberflächen. Und wie immer wird diese Zerstörung mit einer Mischung aus Grausamkeit und Slapstick betrieben. 

Eigentlich wollen die konservativ adretten Cowans die sich angestrengt liberal gebenden Longstreets nur besuchen, um sich im Namen ihres Sohnes zu entschuldigen. Aber aus einer Meinungsverschiedenheit entwickelt sich ein Streit, aus dem Streit eine Schreierei, aus der Schreierei ein Krieg der Selbst- und Weltbilder. Es wird viel Kuchen gegessen und viel Whisky getrunken bei dieser Schlacht der Paare und der Geschlechter, irgendwann erbricht sich Kate Winslet in hohem Bogen auf den Tisch. Wir erleben eine geysirhafte Entladung, bei der eine Frau ihre Wut, ihren Frust, ihr Leben auskotzt – mitten auf Jodie Fosters teure Kunstbände, die als Insignien verbissener Bildung ebenfalls irgendwie zum Kotzen sind.

Polanski selbst, der Herr der Paranoia, der seine Figuren schon immer gerne in beengte Räume sperrte, war auf dem Lido nicht anwesend und trotzdem da. Er schien hinter den Türen und Wänden seines Kammerspiels zu lauern, um mit sardonischen Regieanweisungen ganz langsam den Druck auf seine Darsteller zu erhöhen. Bis zum Totalzusammenbruch von Christoph Waltz, dessen Handy von Winslet in die Blumenvase geworfen wird. Und bis hin zu Fosters wut- und verzweiflungsverzerrter Fratze, aus der 40 Jahre Sublimierung mit einem Schlag weichen.

Wie praktisch, dass sich das Festival nach diesem Wohnzimmer-Eklat gleich auf die Couch legen konnte. David Cronenbergs A Dangerous Method über die Rivalität zwischen Sigmund Freud und C.G. Jung lieferte sozusagen die Tiefenbohrung zu Yasmina Rezas sprachlicher Zerstörungsarbeit. Der Film springt zurück in jene Zeit, in der die Pioniere der Psychoanalyse den verdrängten Trieben, Affekten und Impulsen den Weg in ihre Behandlungszimmer bahnten.