Der 5. November 2011 soll ein Tag werden, den niemand vergisst. Hacker haben angekündigt, dass sie Facebook aus dem Internet verbannen wollen. Großspurig schreiben sie: »Bürger der Welt, das Medium der Kommunikation, das Sie alle so lieben, wird vernichtet.« Mehr als 600 Millionen Menschen nutzen das Soziale Netzwerk. Es ist eine der wichtigsten Drehscheiben für den Austausch von Nachrichten, Fotos und Terminen geworden, und nun wollen ein paar Hacker darüber entscheiden, ob Facebook existieren darf – weil es ihnen nicht passt, dass die Firma gelegentlich mit dem FBI zusammenarbeitet?

Noch gibt es Zweifel, ob es dazu kommt. Hacker-Aktivisten verwirklichen nicht alle ihre Pläne. Aber wenn, dann heben sie die vertraute Internetwelt aus den Angeln. Zuletzt haben sie das fast jede Woche getan.

Es begann, als Konzerne wie MasterCard und Amazon im Dezember 2010 bei der erdumspannenden Jagd auf den WikiLeaks-Gründer Julian Assange halfen. Kurz darauf traf sie ein spektakulärer Großangriff aus dem Internet : Von einer Sekunde auf die andere standen ihre Netze und Computer unter Datenbeschuss, und viele Dienste fielen tagelang aus. Aktivisten vom losen Zusammenschluss Anonymous bekannten sich zu dieser »Operation Payback«, und bald suchten sie sich neue Ziele. Eines war der Unterhaltungskonzern Sony. Sein beliebtes Playstation-Spielenetzwerk wurde im April von Hackern unterwandert , und Daten seiner Benutzer wurden offengelegt, sodass der Konzern das vernetzte Spielen mehrere Wochen lang abschalten musste.

Facebook zahlt für gefundene Sicherheitslücken

Die Sache ist also ernst, und das wissen auch die Verantwortlichen bei Facebook. Sicherheitschef Joe Sullivan belohnt deshalb gutwillige Hacker, die eine Sicherheitslücke entdecken, seit vier Wochen mit Prämien. Bug bounty nennt er sie, und 40.000 Dollar hat er inzwischen bezahlt. Zuvor zahlte Facebook nichts, sondern lobte die Helfer nur und trug sie auf einer Ruhmesliste ein, die gar nicht so rühmlich ist, weil sie tief im Netzauftritt versteckt ist. Warum? Die Liste ist mit 52 Namen schon verflixt lang, und es soll nicht jeder sehen, dass die populärste Kommunikationsplattform der Welt ihre Nutzer nicht allein schützen kann.

Wer sich in diesen Tagen an den Treffpunkten der Hackeraktivisten im Internet herumtreibt, bekommt ein gemischtes Bild von der »Operation Facebook« . Nicht alle Aktivisten halten die Sache für aussichtsreich; längst nicht alle halten sie für eine gute Sache; dafür ereifern sich andere umso mehr. Zurzeit stacheln sie sich vor allem im spanischen und englischen Sprachraum an.

»Am 5. November zeigt Anonymous der Welt: Dies ist die Rache der Unschuldigen!«, schreibt ein gewisser VetaTato.

»DESTROOOOOOOOOOOOOOY!«: Fabricio Mendez reicht ein Wort. »Zerstört!«

»Ich kenne mehrere Sicherheitslücken, die im Augenblick auf Facebook funktionieren. Ich sammele sie für den richtigen Moment«, schreibt ganz kühl leec85.

Halbstarke Computerfreaks mit Großunternehmen im Visier sind im Herbst 2011 zu einer Bedrohung für jeden Konzern geworden, der sich bei der Abwicklung seiner Geschäfte auf das Internet stützt. Und doch sind sie eine vergleichsweise kleine Gefahr. Mächtiger ist das Organisierte Verbrechen, mächtiger sind Hacker in staatlichen Diensten. Die Zwischenfälle, die ihnen zugeschrieben werden, wiegen mittlerweile so schwer, dass sie die Sicherheit und den Wohlstand der westlichen Welt bedrohen.

So mussten Verteidigungsexperten der USA eingestehen, dass Baupläne für das neueste Kampfflugzeug der amerikanischen Streitkräfte über elektronische Datenkanäle gestohlen worden waren. Sie gaben chinesischen Hackern die Schuld.

Das Netz versagt im großen Stil

Dann zerstörten Staatshacker mithilfe eines Computerwurms Tausende Zentrifugen im iranischen Atomprogramm, und die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte: Der digitale Erstschlag ist erfolgt .

Kurze Zeit später wurde im Frühjahr 2011 die New Yorker Technologiebörse Nasdaq zum Ziel eines Cyberangriffs . Gleichzeitig klauten Hacker in mehreren europäischen Ländern Zertifikate zur Klimagasemission und verkauften sie für nahezu 50 Millionen Euro blitzschnell an der einschlägigen Spezialbörse weiter.

Seither vergeht praktisch keine Woche, in der nicht eine große Firma oder Behörde zugeben muss: Daten sind abhandengekommen, wir wurden gehackt, unsere Onlinedienste sind ausgefallen, unsere Kunden sollten sich zur Sicherheit neue Kreditkarten zulegen. Getroffen hat es: die Finanzgruppe Citigroup und die Hotelgruppe Hilton, Neckermann und Nintendo, die CIA und den Senat der USA. Auch die deutsche Bundespolizei ist unter den Opfern.

Für die heutige Nutzung ist das Netz gar nicht ausgelegt

»Ist da eigentlich eine Hackerepidemie ausgebrochen?«, fragte kürzlich Bruce Schneier , ein renommierter Sicherheitsexperte aus der amerikanischen Hauptstadt Washington.

Eine andere, viel wichtigere Frage lautet: Wie konnten diese Hacker überhaupt so erfolgreich sein?

Die unbequeme Antwort lautet: Die wichtigste Infrastruktur unseres Planeten ist zu schwach für das, was sie leisten soll. Die Computer, das Netz, ja die ganze Informationstechnik versagt nun im großen Stil. Nie war das Internet dafür vorgesehen, solche Massen hochgradig privater, wirtschaftlich unentbehrlicher und überlebenswichtiger Daten zu befördern und zu verwalten. Seine Protokolle und Programme sind nicht dafür ausgelegt. Seine Benutzer haben nicht gelernt, die Risiken zu beherrschen, weder Unternehmen noch Bürger, noch Staaten – und vielleicht werden sie es auch nie tun. Der Mensch ist nicht als Computerexperte geboren.

Inzwischen benutzen schätzungsweise 2 der 6,7 Milliarden Menschen das Internet. Im Westen könnte niemand das Internet abschalten und dann erwarten, dass sein Leben einfach wie gewohnt weitergeht. Kabelstränge und Computer vernetzen Verkehrsleitsysteme, Handys, Stromzähler, Kriegsflugzeuge; sie verbinden Menschen im Büro, Soldaten im Kampfeinsatz und Teenager beim Flirt.

Wir verlassen uns darauf, dass die Rechenhirne immer da sind, immer antworten und wahlweise den freundlichen Helfer, die Inspirationsquelle, das Nachschlagewerk, den Nachrichtensprecher, den Botschafter oder das kollektive Gedächtnis geben. Selbst wer zu Hause noch ein altes Telefon mit Drehscheibe der Bundespost nutzt, dessen Telefonate gehen spätestens an der nächsten Straßenecke in den riesigen, unsichtbaren Datenstrom ein. Wer seine Bankfiliale aufsucht, schaut im Zweifelsfall einem Menschen dabei zu, wie dieser Daten aufnimmt, nickt und sie in einen Computer speist. Wer ein modernes Handy mit sich herumträgt, muss schon sehr gewieft damit umgehen können, damit das Ding nicht ständig im Internet surft. Wer Energie sparen will und sich vom Elektrizitätswerk einen »smarten Stromzähler« in den Keller hängen lässt, teilt unter Umständen bereits seine Verbrauchsdaten über das weltweite Computernetz mit.

Zusammenbruch in der Größenordnung von Fukushima ist denkbar

Tiefer, immer tiefer gräbt sich das Netz in unseren Alltag und in unser Leben hinein. Und schneller denn je verbreitet es sich um den Globus, wird zum Weltnetz, das seine Tentakel wahrhaft in alle Winkel ausstreckt. »Die heutigen Schwellenländer werden bis 2025 mehr als die Hälfte der Internetwirtschaft ausmachen«, sagt das kalifornische Unternehmen Cisco voraus , das den Großteil der Internetinfrastruktur gebaut hat. Cisco leitet daraus gigantische Wachstumsprognosen für sich selbst, für die Internet- und Elektronikwirtschaft und überhaupt für die Welt ab. Schon heute setze die digitale Wirtschaft zehn Billionen Dollar im Jahr um, schätzt die Washingtoner Denkfabrik Information Technology & Innovation Foundation. Damit trüge sie mehr zum zählbaren Wohlstand bei als der Verkauf von Arzneimitteln, die Investitionen in erneuerbare Energien und die staatlichen Forschungsausgaben zusammen.

Visionäre der Branche bereiten sich schon auf die Geburt eines Homo internet vor. »Je mehr wir diesen Megacomputer benutzen, der uns überall umgibt«, schreibt der amerikanische Zukunftsforscher Kevin Kelly , »desto mehr wird er die Verantwortung für unser Wissen übernehmen. Dann wird er unser Gedächtnis. Und dann unsere Identität.«

Doch nicht alle glauben, dass das schon ausgemachte Sache ist.

Viktor Mayer-Schönberger steht in einer weißen Leinenhose am See und spricht über den Zusammenbruch des Internets. Seine nackten Füße sind vom Tau noch feucht, so früh ist es. »Ich glaube, dass es einen Zusammenbruch geben kann, der die Größenordnung von Fukushima hat und die Debatte über das Netz so verändern würde, wie Fukushima die Debatte über die Atomkraft verändert hat«, sagt der Wissenschaftler.

Mayer-Schönberger stammt aus Zell am See, einem idyllischen Ort südlich von Salzburg. Von dort ist er aufgebrochen und zu einem der führenden Internetexperten geworden: Softwareunternehmer, Professor in Singapur, Harvard-Professor, heute leitet er das Internet Institute im englischen Oxford. Er ist gerade mal 46 Jahre alt, ein schlanker Mann, dessen Haare grau werden, aber in dessen Augen die Neugier leuchtet.

Auch im Sommer, zu Hause am See, begleiten ihn die großen Fragen: Was wird aus dem Internet? Und brauchen wir ein neues? »Wir haben das Netz nach dem Good enough -Prinzip gebaut«, urteilt Schönberger. »So, dass es stets gerade noch funktioniert. Das hat die Kosten gedrückt und die schnelle Ausbreitung erst ermöglicht.«

Die Architekten der Knoten- und Netzwerkstrukturen verfahren gleich; Facebook, Amazon, Sony, ja sogar die Militärs dieser Welt arbeiten oft auf diese Weise.

Bei Bankgeschäften bricht das Internet gerade zusammen

Doch wie lange ist »good enough« noch gut genug? »Das Internet ist kaputt.« Das sagt nicht irgendein selbst ernannter Experte, sondern David D. Clark, ein Gründervater des Internets und Professor am angesehensten Technologieinstitut der Welt, dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) bei Boston. Eine andere graue Eminenz, Larry Petersen von der Universität Princeton, nennt das Netz ein »zunehmend komplexes und zerbrechliches System«. Und Vint Cerf, auch ein Geburtshelfer des Internets, hat sich angesichts explodierender Internetkriminalität zu seiner Angst bekannt, dass »die internationale Gemeinschaft eines Tages sagt, online zu sein lohnt sich nicht mehr«.

Beim Onlinebanking , glaubte Marion Schmidt-Rutenbeck (Name geändert) immer, man könne ihr nicht viel vormachen. Die Vertriebsassistentin aus Frankfurt erzählt von ihren Vorsichtsmaßnahmen: »Ich habe eine Firewall auf meinem Rechner und ein aktuelles Antivirenprogramm.« Ihr WLAN hatte sie auch verschlüsselt. »20 Jahre lang mache ich schon Onlinebanking«, sagt sie. »Und es ist nie etwas geschehen.« Bis der 14. Juni 2010 kam.

Ihr Kontoauszug von der Deutschen Bank in Frankfurt wies an diesem Tag eine Überweisung von 4.375 Euro an eine Person namens Mindia Kashibadze aus, wohnhaft in Prag. Schmidt-Rutenbeck kannte nicht mal jemanden in Prag. Und noch merkwürdiger: Die Obergrenze für Überweisungen hatte sie selbst auf 1.500 Euro festgesetzt. Aus Sicherheitsgründen. Wie konnte das alles geschehen?

Heimliche Überweisungen

Schmidt-Rutenbeck war erst einmal blank. Die betrügerische Überweisung hatte ihr Guthaben und ihren Überziehungskredit abgegriffen. Ihr Sommerurlaub musste ausfallen, weil auch die Deutsche Bank ihr kühl mitteilte, »dass die Deutsche Bank PGK AG nach Überprüfung des Sachverhaltes sich an dem Ihnen entstandenen Schaden nicht beteiligen wird«.

Die computererfahrene Frau brachte ihren Rechner zur Frankfurter Polizei, wo er von einer Spezialabteilung untersucht wurde, und die fand schließlich 14 Trojanische Pferde auf dem Rechner. Es handelte sich um Software, die ihr schaden sollte, alles trotz Virenschutz. Eines der Programme hatte sich beim Onlinebanking raffiniert und unbemerkt zwischen Kundin und Bank mogeln können.

Am 14. Juni 2010 muss es so gelaufen sein: Schmidt-Rutenbeck machte eine Reihe kleinerer Überweisungen, gab die entsprechenden Geheimnummern ein, aber der Schädling in ihrem Rechner führte heimlich eine ganz andere Überweisung aus. Er erhöhte eigenmächtig ihr Überweisungslimit, und dann überwies er alles verfügbare Geld nach Tschechien.

Durch einen Zufall hat Schmidt-Rutenbeck später noch einen Teil ihres Geldes wiedergesehen: Tschechische Mittelsleute wurden von der dortigen Polizei festgesetzt, und sogar das Geld wurde sichergestellt; ein äußerst seltener Fall. Auf Anwalts- und Gerichtskosten von mehr als 2.000 Euro blieb sie freilich sitzen.

Auch mTAN ist kein sicheres Verfahren

Homebanking kommt für die hessische Bankkundin heute nicht mehr infrage. Und ihr werden andere folgen. Bei Bankgeschäften bricht das Internet gerade zusammen.

44 Prozent aller erwachsenen Deutschen wickeln Überweisungen und mehr übers Internet ab. Man kann sagen, mit dem Onlinebanking haben viele erst einen Sinn im Internet entdeckt – so auch Marion Schmidt-Rutenbeck. Doch nun werden die Gefahren unkalkulierbar, und die Banken haften seltener als früher. Es ist wie verhext, Kriminelle knacken jede gängige Sicherheitstechnologie : »Mit einem Trojaner kann man fast jedes System aushebeln«, sagt Markus a Campo, ein Computerexperte aus Aachen. »Auch die neuerdings verbreiteten mTANs, bei denen Ihnen eine Geheimnummer vor jeder Transaktion per SMS aufs Smartphone geschickt wird. Auch die Authentifizierung mit dem neuen Personalausweis und so weiter.«

A Campo weiß das alles aus praktischer Anschauung. Er gehört in Deutschland zu den führenden Experten, die bei Gerichtsverfahren rings um Bankgeschäfte als Sachverständige geladen werden. A Campo sagt, er persönlich betreibe auch kein Onlinebanking mehr. Zu gefährlich.

Inzwischen manipulieren Kriminelle sogar das Verhalten der Bankkunden. Die neueste Masche: Infiltrierte Computer melden ihrem Benutzer mitten im Homebanking, dass ihre Bank dem Kunden fälschlicherweise 2.500 Euro überwiesen habe. Das müsse nun korrekterweise rückgängig gemacht werden – und viele Kunden tun das. »Solche Angriffe sind der Trick der Zukunft, davon gehen Banken und Polizei aus«, sagt Professor Georg Borges, der IT-Recht an der Uni Bochum lehrt. Er warnt: »Wenn man so geschickt getäuscht wird und dafür unbegrenzt haftet, dann kann das Internet zu einem unkalkulierbaren Risiko werden.«

Das Risiko lässt sich nur vermeiden, wenn man es sein lässt mit dem Onlinebanking. Und mit anderen Dingen auch. Die Computersicherheitsfirma Symantec meldet, dass sie 2010 mehr Softwareschädlinge gefunden habe als zusammengerechnet in allen Jahren zuvor. Die Schädlinge lauern überall: in E-Mails, auf Webseiten, in Chaträumen, in Suchergebnissen bei Google. Eingeschmuggelt zwischen Nachrichten, versteckt zwischen Klatsch und Tratsch auf Facebook. Man kann ihnen kaum entgehen.

Deutschland errichtet seine Internetwacht

Wer völlig schutzlos und unbekümmert in diesem Netz herumsurft, erlebt ein blaues Wunder: Im April stellte die Polizei im niedersächsischen Rotenburg auf einem einzigen Rechner 3.800 Schadprogramme fest; die Besitzerin konnte wohl von Glück sagen, dass ihr am Ende bloß 650 Euro abhandengekommen waren.

»Angesichts der Computerkriminalität kann man sich nur schwer des Eindrucks erwehren, dass Informationssicherheit gerade scheitert«, sagt Adam Shostack, ein ehemaliger Hacker, der heute als Sicherheitsexperte bei Microsoft arbeitet.

Ob das Internet als Waffe gedacht war oder als drogenfreier Trip für langbärtige Ingenieure, ist nicht ganz ausdiskutiert. Tatsache ist: Das amerikanische Verteidigungsministerium hat die Entwicklung bezahlt. Tatsache ist auch: Es hat dafür ein paar denkbar ungewöhnliche Typen angeheuert.

Vint Cerf . Larry Roberts. Robert Kahn. John Postel. David D. Clark . Es ranken sich viele Geschichten um diese Männer – die Erfinder des Internets. Jene Gruppe von Ingenieuren, die in den sechziger und siebziger Jahren die Sammlung technischer Übereinkünfte entwarfen, die man heute das »Internet-Protokoll« nennt. Bis heute gibt es den Rahmen für jeden Datenaustausch im Netz vor, ob es nun um den Versand einer Kurznachricht geht, die Übertragung eines Films auf YouTube, um Geschäfts- oder Staatsgeheimnisse.

Gründerväter ließen Anarchie zu

Das Pentagon wollte ein Netzwerk für seine Computer haben, das unter den widrigsten Bedingungen funktioniert. Die Antwort der Gründerväter auf diese Herausforderung lautete: Anarchie zulassen! Schon im Vorläufer des Internets (Arpanet) wurden Daten aller Art in kleine Pakete zerhackt, und die fanden ihr Ziel, ohne dass eine zentrale Poststelle ihre Strecke geplant und überwacht hätte. Sie suchten sich ihren Weg durchs Netz.

So etwas konnte nur in den Sechzigern passieren: Ausgerechnet im Dienste der Armee schufen die Gründerväter eine Welt frei von Hierarchien.

Die Eliten aus Akademikern und Ingenieuren behielten lange Zeit die Kontrolle. »Wir lehnen Könige und Präsidenten ab«, sagte Gründervater David D. Clark großkotzig, »und Abstimmungen auch. Wir glauben an groben Konsens und an funktionsfähige Programme.«

Erst als in den neunziger Jahren der große Internetboom begann, übernahmen Staaten und die schnell gewachsenen Internetkonzerne das Sagen. Aber die bis dahin geschaffenen Grundlagen haben sich im Kern nicht verändert.

Aus Teenagern werden Riesen

Was die Gründerväter unterlassen haben, damit ärgert sich Kriminalrat Helmut Picko heute regelmäßig herum. Er kennt sie gut, die Saboteure des Internets. Verhöre mit frisch ertappten Hackern könnten gut und gerne zehn Stunden am Stück dauern, und hinterher sind sämtliche Beteiligte vollkommen am Ende. Manchmal kann der Düsseldorfer Kriminalbeamte, der das Dezernat für schwere Cyberverbrechen leitet, gar nicht fassen, wer seine Widersacher sind. »Da sitzt dann vielleicht ein junger Mensch vor Ihnen«, sagt er und fügt dann schnell hinzu, dass das aber keineswegs etwas zu bedeuten habe.

Wenn man den Erzählungen von Picko und seinen Kollegen lauscht, dann werden aus Teenagern Riesen mit Muskelpaketen, sobald man ihnen in der Parallelwelt des Cyberspace begegnet. Dann sind das anonyme Bösewichte, die binnen 15 Minuten ein Hintertürchen programmieren, in Computer eindringen und riesige Schäden anrichten. »Es wird heute nicht nur ein bisschen gehackt«, sagt der Kriminalrat.

Sein Kollege, der leitende Kriminaldirektor Markus Röhrl, ergänzt: »Es sollte bei niemandem der Eindruck entstehen, wir hätten es hier überwiegend mit jungen Leuten zu tun, die nur spielen wollen. Hinter denen stehen auch andere, ältere Leute. Wir reden auch von Organisierter Kriminalität. Wir reden von Straftaten und Straftätern.«

Picko und Röhrl arbeiten beim Landeskriminalamt in Düsseldorf – das jetzt einen großen, demonstrativen Schritt tut: Die Behörde gab bekannt, dass Nordrhein-Westfalen ein polizeiliches Cyber-Abwehrzentrum bekomm t. Gut 100 Beamte aus bisher fünf verstreuten Abteilungen werden einer neuen Einheit unterstellt. Das Personal wird aufgestockt.

Selbst ein Milliardenbudget reicht nicht zum Schutz

Deutschland errichtet seine Internetwacht am Rhein. 40 Autominuten von Düsseldorf entfernt, in der alten Bundeshauptstadt Bonn, baut das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) ein brandneues »Lagezentrum«. Von dort aus will es laufend die strategisch wichtigen Internetverbindungen des Landes prüfen. »Manipulationsversuche auf die Hard- und Software unserer deutschen Infrastruktur? Die gibt es«, sagt Harald Niggemann, der Cyber Security Strategist des BSI, ein Mann mit kurzen, grauen Haaren, fleischigen Lippen und einer randlosen Brille; ein Hackerschreck im Dienste des Bundes.

In einem Bonner Vorort betreibt das BSI außerdem mit dem Katastrophenschutz, dem Verfassungsschutz, dem Bundeskriminalamt, dem Bundesnachrichtendienst, dem Zoll und anderen Behörden ein Informationsdrehkreuz für Netzbedrohungen. Und im malerischen Rheinbach schult die Bundeswehr um die hundert Mann in den neuesten Methoden des Cyberkriegs. Dort wird die Doktrin inzwischen so formuliert: »Der Cyberspace ist neben Land, Luft, See und Weltraum zum fünften Operationsraum geworden.«

100 neue Cyberwächter sind gut. 1.000 wären besser. Aber die Wahrheit ist: Selbst ein 15-Milliarden-Budget zur Verteidigung des Cyberspace, wie es sich die USA leisten, schützt nicht.

Die USA konnten auch damit nicht verhindern, dass ihr Baupläne für ein neues Kampfflugzeug gestohlen wurden. Dass dort Stromnetze gehackt werden. Dass Cyberkriminelle bei ihren Einbrüchen Jahr für Jahr höhere Summen erbeuten. Richard A. Clarke, der ehemalige Cybersicherheitsberater von George W. Bush, sagt: »In jedem großen Konzern haben Hacker ihre Türchen in den Computersystemen hinterlassen, damit sie dort aus- und eingehen können.«

Experten fordern Trennung der Netze

Das alles ist nur möglich, weil Industrieanlagen, Finanzinstitute, Militärs und das große weite Internet überhaupt an so vielen Stellen miteinander verbunden sind. Aus Kostengründen wurden all diese Dienste und Funktionen auf die gleiche wacklige, aber vorhandene Infrastruktur aufgeladen.

Jeden Tag werden mehr Menschen und noch mehr Dinge daran angeschlossen. Kein Tag vergeht, an dem nicht frisch erfundene Internetdienste online gehen. Täglich wird eine neue Softwareschicht auf die alten Schichten gelegt.

So geht es nicht weiter. »Wir müssen die unterschiedlichen Informationsflüsse unterschiedlich schützen. Eine Möglichkeit ist die Trennung der Netze«, sagt der Leiter des Oxford Internet Institute Mayer-Schönberger.

Die Internetgesellschaft und ihre Visionäre sind schon einmal abgestürzt. Ende der neunziger Jahre, im überschwänglichsten Boom des vergangenen Jahrhunderts, übersahen Unternehmer, Politiker und Intellektuelle den großen Schwachpunkt des Booms: Die hochgejubelten Unternehmen schrieben keinen Gewinn. Ihren Geschäftsplänen fehlte das Fundament.

Im Spätsommer 2011 wird deutlich, dass dem ganzen Internet das Fundament fehlt. Es könnte zum neuerlichen Rückschlag kommen.

Diesmal braucht die Welt keine anderen, stabileren Unternehmen, sie braucht ein neues Netz.

Ab 13 Uhr diskutieren die beiden Autoren ihre These gern mit Ihnen in den Kommentaren.