Mit zehn verschiedenen Bahngesellschaften ist unser Autor von Russland bis nach Portugal gereist, mal auf dem Klappbett und mal im Ohrensessel.

Die Strecke MoskauLissabon kann man in fünf Stunden fliegen. Vom einen ans andere Ende Europas. Wirklich erleben wird man auf dieser Reise – wahrscheinlich – nichts. Ich habe es anders gemacht. Im Rahmen von "Va bene?!" , einem deutsch-italienischen Projekt zum Abbau von Vorurteilen, schickte mich das Goethe-Institut mit dem Zug los. Genauer: mit 13 Zügen. 14 Tage dauerte die Reise. Ich fuhr in uralten Schlafwagen, rollenden Luxusklubs, in First-Class- und Regionalkurswagen. Und fragte mich: Was sagen mir die Züge, das Personal, die Mitreisenden über die Länder, die ich durchquere?

1) Moskau–Kiew

Start am Kiewer Bahnhof in Moskau, einem neoklassizistischen Prachtbau aus den letzten Jahren der Zarenzeit. In der Halle scheuchen Uniformierte die Obdachlosen von den Bänken. Der Nachtzug nach Kiew wartet, eine fast unwirkliche Szenerie: eine Reihe von Schlafwagen, neben jedem steht ein Zugbegleiter in hellbeiger Operettenuniform. In den Vierer-Schlafabteilen der zweiten Klasse ist die Atmosphäre dagegen nüchtern: Die Reisenden sitzen sich auf den unteren Betten gegenüber, kauend und an Flaschen nippend. Ich war noch niemals in einem russischen Zug, aber ich bin mir sicher, dass diese Flaschen mindestens Wodka enthalten und dass die hart gekochten Eier von unter dem Bett mitreisenden Hühnern stammen. Und freue mich, dass ich erster Klasse schlafen werde, mit Plüsch, Pomp und Samowars.

Leider trifft nichts davon zu. Der Erste-Klasse-Wagen riecht nach feuchter Gartenlaube, mein Schlafabteil ist karg: zwei schmale Klappbetten, Haltegriffe, an denen man sich wohl hochziehen soll, wenn nachts die Kontrolleure hereinstürmen. Im Gang Videoüberwachung statt Samowars. Herrscherin über den Wagen ist eine blonde Riesin. Sie spricht ebenso wenig Englisch wie ich Russisch. Aber so, wie sie mir ein Einreiseformular für die Ukraine in die Hand drückt, verstehe ich trotzdem, was gemeint ist: Ausfüllen! Jetzt! Teuflischerweise setzt sich nun der Zug in Bewegung, so ruckelnd und stoßend, dass ich Schwierigkeiten habe, mit dem Kugelschreiber überhaupt die winzigen Kästchen zu treffen.

Einheimische Mitreisende sind nur zwei zu sehen: Ein jüngerer Mann liegt bei unvorsichtigerweise offener Abteiltür in einem Bett und schläft wie ein Toter, die Füße auf einem Aktenkoffer. Und ein älterer Mann mit Spitzbauch kommt in weißgrauer Unterwäsche aus dem WC. Er guckt angewidert, kein Wunder: In der einen Zugtoilette läuft kein Wasser, in der anderen steht es. Er zetert auf Russisch, zeigt seine nassen nackten Füße, deutet auf den Schlafenden und macht eine würgende Handbewegung. Ich ziehe mich lieber in mein Abteil zurück und versuche, zu schlafen. Leider stellt sich die russische Bahngesellschaft ihre Kunden kaum größer als Legehennen vor. Wer wie ich nicht in diese Norm passt, stößt beim Auf-dem-Rücken-Liegen mit Kopf und Füßen an. Oder rutscht beim Sich-seitlich-Zusammenkrümmen fast von der Pritsche, zumal der Zug mittlerweile beängstigend schnell über die Gleise holpert.

Ich kralle mich fest, bis meine Arme schmerzen und die Grenzkontrollen kommen. Zu meinem Erstaunen ohne Stiefelgepolter und Kommandoton: Der russische Grenzer trägt Halbschuhe und schließt höflich wieder meine Tür. Und die hübsche ukrainische Kontrolleurin lächelt, als sie mein Einreiseformular entgegennimmt. Erst nachdem ich in Kiew den Zug verlassen habe, erfahre ich, warum: Für die Ukraine benötigt man seit Monaten kein Einreiseformular mehr.

2) Kiew–Krakau

Der Nachtzug von Kiew nach Krakau ist ein Sprung in die achtziger Jahre: Aus dieser Zeit stammt mein durch und durch holzfurniertes Dreibettabteil, das offenbar seither nicht gereinigt wurde. Ich suche das Bordrestaurant, was nicht einfach ist: Der Zug besteht aus Schlafwagen unterschiedlichster Bauart, keiner jünger als 30 Jahre, und zwischen ihnen klaffen potenziell tödliche Lücken. In einem uralten Großraumwagen, dessen Holzbänke an das Innere einer Galeere erinnern, tritt mir ein Alkoholisierter in einer viel zu engen, eher militärisch anmutenden Uniform in den Weg. Er brüllt auf Ukrainisch. Ich brülle auf Englisch. Es dauert lange, bis er versteht, und es dauert noch länger, bis ich verstehe: Es gibt keinen Speisewagen, kein Bistro, nicht mal – der Uniformierte keckert vor Lachen – einen mobilen Brezelverkäufer. Ich gehe ins Abteil zurück und lege mich auf das verstaubte Klappbett, sicherheitshalber in vollständiger Kleidung. In der Furnierwand neben meinem Kopf nagt und raschelt es, bis ich trotzdem einschlafe.