Archäologie Zenturios Schädel
Die Kelten ehrten die Köpfe ihrer Ahnen, die ihrer Feinde dienten ihnen als Trophäen: Neue Funde in der Eifel
Die Zeit drängte. Die Arbeiter wollten weitergraben und wertvollen Bimsstein aus dem Untergrund fördern. Also schulterte Axel von Berg sein Werkzeug und fuhr zur Abbauregion Kobern-Gondorf. Im porösen glasigen Vulkangestein der Osteifel hatten die Baggerführer die Überreste einer alten Siedlung freigelegt. Von Berg machte sich mit seinem leichten Gerät an die Arbeit. Schon bald stieß der Archäologe auf ein auffälliges Objekt. Ein knochiges Gebilde kam zum Vorschein, mit schwerem Kies gefüllt, ein uralter Schädel. Und mitten durch die Kalotte hatte man einen massiven Eisennagel getrieben. Dem Wissenschaftler dämmerte sogleich, was für ein Fundstück er in den Händen hielt: eine Schädeltrophäe aus keltischer Zeit.
Es war nicht der erste eisenzeitliche Knochen, den von Berg, Chef der Koblenzer Landesarchäologie, eigenhändig aus dem Untergrund geborgen hatte. 42 Schädel »im Keltenkontext« zählt seine Sammlung mittlerweile – viele davon mit auffälligen Löchern drin. Die Spuren an deren Rändern verraten, dass die Öffnungen in den Schädeldecken nicht zufällig bei einem Unfall oder im Gemetzel einer Schlacht zustande kamen. Mit roher Gewalt zwar, doch erst post mortem wurden sie in die uralten Crania gehämmert. Das Koblenzer Denkmalamt besitzt nicht nur die umfangreichste Sammlung gelochter Keltenschädel, sondern mit dem genagelten Haupt auch den einzigen deutschen Fund, in dem noch immer das rostige Eisen steckt. Von Bergs bizarre Kollektion belegt, dass im Siedlungsgebiet der eisenzeitlichen Hunsrück-Eifel-Kultur die Knochen von Ahnen und Opfern besondere Wertschätzung genossen haben.
Die archäologischen Preziosen, ab Oktober erstmals in der Ausstellung Schädelkult in Mannheim zu sehen, sind Zeugen einer besonders morbiden Gepflogenheit vor Christi Geburt. Der antike griechische Chronist Diodor beschrieb in seinem fünften Buch den Schädelkult, dem die keltischen Stämme huldigten: »Den gefallenen Feinden schlagen sie die Köpfe ab und hängen diese ihren Pferden an den Hals. Diese Kriegsbeute nageln sie dann an die Eingänge ihrer Häuser an, gerade so, als ob sie auf der Jagd Wild erlegt hätten. Die Köpfe der vornehmsten Krieger balsamieren sie ein und bewahren sie sorgfältig in einer Truhe auf.«
Da die Gegend um das heutige Koblenz zur Eisenzeit zu den dicht besiedelten Gebieten gehörte, war und ist das Schädelvorkommen hier besonders groß. Eine Art »Silicon Valley für Headhunter« sei die Region damals gewesen, sagt von Berg, ein Mann von hünenhafter Statur: »Nirgendwo war es leichter, seinen Kopf zu verlieren.« Doch der Archäologe will nicht ernsthaft das alte Klischee von den Kelten als skrupellose Kopfjäger bemühen. Im Gegenteil: Wie andere Forscher zeichnet auch er ein neues, friedlicheres Bild der angeblichen Wilden. Die makaberen Überbleibsel, von denen sich Jahr für Jahr mehr in den Koblenzer Amtsstuben stapeln, verweisen zwar auf einen gewöhnungsbedürftigen Umgang mit Knochenmaterial – nicht aber zwingend darauf, dass die Akteure blutrünstige Schlächter gewesen wären.
Ihre Vorform des Jolly-Roger-Kults pflegten die Kelten im Rheinland fast ein Jahrtausend. Während dieser Zeit veränderte sich der Brauch deutlich, hat von Berg festgestellt. Vom Beginn, in der Eisenzeit im 8. und 7. Jahrhundert vor Christus, zeugen rundlich zugeschliffene und gelochte Schädelfragmente. Sie wurden womöglich als Amulett getragen – Hinweise darauf, wem die Knochenstücke zu Lebzeiten gehört haben, gibt es nicht.
- Datum 19.09.2011 - 16:55 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.9.2011 Nr. 38
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... emo, diese Kelten!
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