Listet repressive Maßnahmen gegen Künstler auf: die Plattform Art Leaks (Screenshot)

Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen – würden Rezipienten so mit der Kunst umgehen, gäbe es wohl bald keine Kunst mehr. Denn Kunst lebt von Wahrnehmung und Dialog, und selbstverständlich gilt als Kriterium für gute Kunst, dass sie Kritik an der Gegenwartsgesellschaft übt. Wenn allerdings Künstler und Kuratoren das Kunstsystem kritisieren, gibt es Ärger. Die neue Internetplattform ArtLeaks sammelt Informationen über Zensur, Ungleichbehandlung und nicht gezahlte Honorare.

Gegründet wurde ArtLeaks von Corina Apostol, Kuratorin und Doktorandin der Kunstgeschichte an der Rutgers-Universität in New Jersey, Dmitry Vilensky und David Riff vom Künstlerkollektiv Chto Delat? in Russland, Jean-Baptiste Naudy vom französischen Künstlerkollektiv Société Réaliste und anderen. "Wir wollen, dass die Rechte der Kulturschaffenden ernst genommen werden", sagt Apostol, "sie sollen bezahlt werden und ohne Zensur arbeiten dürfen."

Als Beispiele haben die Gründer drei Fälle aus Osteuropa online gestellt. So habe etwa das Management des Pavillons der UniCredit Bank in Bukarest mehrfach "repressive Manöver" gegen Künstler, Arbeiter und Besucher der Kunstausstellungen angewandt. Laut ArtLeaks wurden im März 2011 die rumänischen Künstlerkollektive Postspectacle und The Bureau of Melodramatic Research erst eingeladen, an der Ausstellung Just do it. Biopolitical Branding teilzunehmen. Als sie ein Produktionsbudget von 1.000 Euro forderten und ankündigten, eine Überraschungs-Performance bei der Eröffnung zu zeigen, wurden sie wieder ausgeladen.

Schon jetzt, kurz nach dem Start, hat ArtLeaks weitere Informationen über die Verletzung von Rechten bekommen, zum Beispiel von einem deutschen Künstler, dem 2009 ein New-York-Stipendium entzogen wurde, als er sich künstlerisch mit Guantánamo auseinandersetzen wollte. Ein slowenischer Künstler schrieb, das Museum moderner Kunst in Wien habe ihm mitgeteilt, er solle sich geehrt fühlen, dort ausstellen zu dürfen – ein Honorar zusätzlich zur Ehre brauche er nicht zu erwarten. Anders als es bei WikiLeaks der Fall ist, sollen die ArtLeaks- Whistleblower nicht unbedingt anonym bleiben: "Die Kunstszene ist so klein, dass man sie sowieso finden würde", sagt Apostol. Als Kunstaktion will sie ArtLeaks nicht verstanden wissen: "Es ist uns ernst!"