Skelett des Australopithecus sediba © Alexander Joe/AFP/Getty Images

Vergangene Woche haben die Urmenschenforscher wieder ihr Lieblingsschauspiel aufgeführt. Mal wird es als Komödie gegeben, mal als Tragödie. Das Stück hat zwei Akte: Im ersten gelingt einem Paläoanthropologen ein bedeutsamer Fossilfund, und die Kollegen gratulieren inbrünstig. Im zweiten Aufzug streitet die Zunft, erst mit dem Entdecker, dann untereinander. Der Zwist geht um die Frage, was die geborgenen Knochenreste für die Entstehungsgeschichte des Menschen zu bedeuten haben. Und insgeheim hofft fast jeder der Gebein-Experten, selber der Finder jenes Wesens zu sein, aus dem die Gattung Homo entstanden ist.

Auch dieses Mal geht es um eine aufsehenerregende Entdeckung. Vor drei Jahren barg der südafrikanische Forscher Lee Berger von der Universität Witwatersrand mit seinem Team die ersten Knochen eines unbekannten Wesens aus der Vorzeit: Australopithecus sediba . Ein Jahrhundertfund, denn offenbar liegen in den Bodenschichten der Malapa-Höhle, 40 Kilometer von Johannesburg entfernt, bemerkenswert vollständige Skelette von mindestens fünf Exemplaren. Zwei der Individuen, eine Frau und ein halbwüchsiges Kind, sind nun detailliert untersucht worden.

Die Befunde, veröffentlicht in gleich fünf Fachartikeln in Science , sind spektakulär. An Hirnschale, Hüften, Händen und Füßen von A. sediba fand sich eine Mischung aus anatomisch primitiven und menschenähnlichen Merkmalen. Die unterschiedlichen Schlussfolgerungen, die sich nun daraus ziehen lassen: Sind die Malapa-Geschöpfe womöglich jenes lange gesuchte Bindeglied zwischen den noch affenähnlichen Australopithecinen und den ersten Vertretern der menschlichen Gattung Homo ? Oder handelt es sich bei den Fossilien um die Reste einer ausgestorbenen Seitenlinie der Menschenevolution , die zu einer Zeit lebte, als die ersten Hominiden längst existierten?

Den Disput prägen Eitelkeiten. Jeder Forscher, der irgendwo das Stück eines möglichen Ahnen aus dem Untergrund gekratzt hat, kämpft um einen Ehrenplatz für sein Fossil. Doch aus den unzähligen Funden schließlich einen Stammbaum zu fabrizieren, den alle akzeptieren, ist unmöglich. Auch die Knochen aus der Malapa-Höhle haben ihren endgültigen Platz im Verwandtschaftsgefüge des Menschengeschlechts längst nicht gefunden.