Charles Schumann Der alte Mann und die Bar am Meer
Charles Schumann, Deutschlands bekanntester Barmann, wird in dieser Woche 70. In Südfrankreich suchte unser Reporter mit ihm nach der Erfüllung eines Traums.
Er steht da an der Espressobar im Flughafen München und zieht gleich voll die Show ab: gleich bisschen peinlich, gleich voll cool. Die Leute sehen ihn an, und er weiß, dass die Leute ihn gerade ansehen: blaugrauer Anzug, sein berühmtes silberweißes Haar, die aufrechte Gestalt, die tänzelnden Schritte: hin zur Bar, von der Bar weg. Zu seinen Füßen liegen zwei schwarze Stoffbeutel, das soll wohl sein Gepäck sein. Wie alt ist er noch mal – 69 Jahre, schon weit über 70, noch keine 60 Jahre alt? Er hat kein Alter, der Mann, der in dieser Woche 70 Jahre alt wird.
»Un caffè macchiato, per favore.«
Dieser Charles Schumann – Deutschlands bekanntester Barmann, eine Barlegende, Typ aus der Baldessarini-Werbung, der im Gegensatz zu den jungen und jugendlichen Männern auf der Welt wie ein echter, wie ein erwachsener Mann aussieht – er ist der Mann, der gerade eine Riesenfreude daran hat, hier am Flughafen München auf Italienisch einen Espresso zu bestellen. Er ist der Mann, der jetzt erst mal volle Pulle angeben muss. Angeben, das versteht der Mensch im Anblick des Charles Schumann – das ist eine Kunst, die aus der Lust am Spielen kommt: ein helles, leichtes, harmloses Vergnügen. Diese Angeber, die wollen ja alle nichts Böses. Gute Angeber, das denkt der Reporter im Anblick des Charles Schumann, nehmen sich selber nicht ganz ernst (sonst wird es eng, sonst wird es ganz furchtbar). Charles Schumann sagt, den Espresso in der Hand, den Reporter von oben bis unten abschätzend, mit dem er fünf Tage auf Reise gehen wird: »Wurscht.« Dann sagt er: »Schaun mer mal, sagt der Beckenbauer.« Dann, das berühmte Charles-Lächeln lächelnd, das gleichzeitig eine Freundlichkeit und eine Unverschämtheit, eine Herausforderung ist, irgendwo dazwischen: »Verstehst, ich hab’s nicht gerne, wenn zu viel Milch auf dem Espresso ist.«
Sieben oder acht Jahre ist es her, dass Charles Schumann in der berühmten Bar Schumann’s am Odeonsplatz am Münchner Hofgarten, im Vorbeigehen, das Tablett mit dem Bier und dem Espresso durchs Lokal tragend, über eine Schulter seiner Kellnerschürze zum Gast gesagt hatte: »Wir fahren mal ein paar Tage zusammen nach Marseille, das machen wir.« Das hatte dann als Ansage, als Erklärung für die anstehende Reise vollkommen genügen müssen: Wir fahren mal nach Marseille. In Ordnung, dann machen wir das. Vor bald 40 Jahren, in den Jahren 1971, 72, 73, das hatte der Reporter unter den vielen Gerüchten gehört, die über Charles Schumann erzählt werden, da hatte der Barmann in Diskotheken und Nachtlokalen in Südfrankreich gearbeitet, in Montpellier, Toulon, Perpignan. Ein gutes, weil verboten klingendes Gerücht lautete, dass der Charles Schumann an der spanischen Grenze mal ein Erotiklokal betrieben habe – das war natürlich alles ganze Urzeiten her: 40 Jahre. Aus Frankreich hatte der Charles Schumann, der als Bauernbub Karl Georg Schuhmann in der Oberpfalz geboren worden ist, den Charles, den fremd klingenden Vornamen mitgebracht: Der Charles wurde merkwürdigerweise immer englisch, also wie der Prince of Wales, nie französisch ausgesprochen. Und dieser Charles hatte natürlich immer ein Gefühl dafür gehabt, welchem Gerücht er besser nicht widersprach. Kaum jemand hatte mit dem Charles Schumann je länger als zehn Minuten geredet – das waren die Minuten, in denen er sich, wenn er die Kellnerschürze trug, ein wenig zu seinen Gästen setzte und irgendeinen schönen, flüchtigen, gekonnt gleichgültigen Kram erzählte. Es schien, zwischendrin, unwahrscheinlich, dass der Mann, der kein Leben außerhalb seiner Bar zu haben schien, den kaum je ein Mensch an einem öffentlichen Ort, in einem Restaurant, einem Kino, bei einer Party, Galerieeröffnung, Preisverleihung gesehen hatte, die Wände seiner Bar verlassen und eine Reise an die Orte seiner Vergangenheit antreten würde.
Charles Schumann: Muss man den eigentlich kennen? Er ist die klassische Halbberühmtheit (das heißt, man muss ihn nicht kennen, gleichzeitig kennt ihn ja praktisch jeder). 1982 eröffnete er auf der Münchner Maximilianstraße das Schumann’s, die American Bar, in der es die klassischen amerikanischen Drinks gibt und in der die Kellner gut aussehen und weiße Kittel tragen, in die mit roter Schreibschrift die Vornamen eingenäht sind. Er wurde damals »der Charles« – jeder, wirklich jeder, der sein Lokal betrat, durfte ihn duzen (eine andere Frage war, ob er, der Boss, eine Antwort gab). Innerhalb weniger Jahre hatte es der Charles zu nationaler Berühmtheit und seine Bar zu einer Institution gebracht, was auch daran lag, das es die goldenen achtziger Jahre in München waren: Die Drinks waren echt gut, die Kellner sahen echt gut aus, und die Menge der Tische im alten Schumann’s, die nur an Stammgäste gingen, war begrenzt. Zu den guten Drinks gab es einige wenige gute Gerichte zu bestellen, das Schinkenbrot, Käsebrot, das Roastbeef mit Bratkartoffeln. Vor acht Jahren war das Lokal an seinen heutigen Standort am Münchner Hofgarten gezogen (mehr Tische, Kellner, Gerichte), etwa zur selben Zeit hatte es Charles als Model zu Bekanntheit gebracht: Sein Gesicht mit dem Werbespruch What separates the men from the boys hing auf der ganzen Welt, in Los Angeles, in Tokyo und Moskau.
Charles Schumann erklärt nun, während das Flugzeug nach Südfrankreich fliegt, dass er keinen Bock hat, sich bei unserem Ausflug nach Südfrankreich wie ein verdammter Tourist zu benehmen, er sagt »keinen Bock«, weil er offensichtlich wirklich keinen Bock hat. Natürlich: Wir wollen wenig, kein Hotel und kein Sternerestaurant testen, keine Kirche besichtigen, keine hochinteressante Sozialforschung in Problemvierteln betreiben. Charles sagt den erfrischenden Satz: »Von mir aus können wir fünf Tage lang nicht einmal gut essen gehen, kein Problem.« Um was geht’s dann auf dieser Reise? Wir wollen, Entschuldigung, einen gescheiten Scheiß erzählen. Wir wollen angeben, Zeit verplempern, an einer Hausecke stehen, an der nichts ist, und wenn da weiter nichts passiert: super.
Schon 1985, also wenige Jahre nach Eröffnung des ersten Schumann’s, hatte Charles einem Reporter erklärt, dass er mit seiner American Bar etwas aufgemacht habe, das es so eigentlich gar nicht mehr gebe. So etwas wie Barkultur gebe es nicht mehr – die Idee, dass ein Mann Abend für Abend ein Lokal betrete, wo er seinen Drink hingestellt bekomme und von der lauten Welt da draußen für ein paar Stunden seine Ruhe habe: Das sei alles hoffnungslos von gestern. Deshalb, so erfuhr der verdutzte Reporter, wolle er seine Bar auch bald dichtmachen und lieber etwas aufmachen, wo er als Barmann seine Ruhe habe: irgendein kleines Lokal, einen Sandwichladen in Südfrankreich zum Beispiel. Den Sandwichladen gibt es in Gesprächen mit Charles bis heute, mal heißt er »Sandwichladen am Meer«, mal »Sandwichladen in Deauville«, mal ist es ein Hotel in Bordeaux. Wenn wir nun also in Südfrankreich unterwegs sind, dann wird es nebenbei auch immer die Suche nach dem ewigen Sandwichladen sein.
- Datum 16.09.2011 - 10:21 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 15.9.2011 Nr. 38
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In unserer stromlinienförmigen Gesellschaft haben Charaktere wie Charles Schumann Seltenheitswert. Ich erfreue mich an seiner einzigartige Umgangsmethode, mit der er sich nicht immer nur Freunde geschaffen hat. Trotzdem kommen sie in sein Cafe und bewundern ihn bei der täglichen Arbeit - obwohl er sich schon lange auf das Altenteil zurückziehen könnte. Ein ganz besonderes Vorbild!
Herzliche Grüsse
Klaus Metzger
HILDESHEIM
Mir viel er damals nur als Dressman auf. Die damalige Herrenmode stellte er gut dar, weil er für 10 Sekunden eine gute Ausstrahlung hatte.
So bleibt Charles Schumann für mich nur eine weitere wahrgenommene Oberflächlichkeit.
Der Mann und der Artikel!
Immer wieder einmal scheint die ZEIT meinen zu wollen, irgendwelchen Schmarrn als Zeitgeist verkaufen zu müssen. Was soll es uns sagen, diesen eigentlich sympathischen Barkeeper aus München, der auch wegen seines Halbpromistatus mal Modell war, der von den anderen Ganz- und Halbpromis, die in seiner Bar herumhingen hochgehypt wurde, als das rebellisch, unangepasste Original in einer scheinbar authentischen Reportagestrecke als alterndes Gegenexemplar zu den schnieken Bank-, Mode-, Werbe- oder Schauspielfuzzis reiferen Alters darzustellen. Schumann ist wie viele andere ein Gastronom und eben ein professioneller Cocktailmixer, ich kenne einige, die weit mehr Lebensgeschichte liefern können als er, geht man in mittelgroße Provinzstädte wie Freiburg oder Lübeck, oder in kleinere Provinzstädte zwischen Perpignan und Calais findet man mehr nonkonformistische, turbulent gelebte Alkoholschüttler als es sich Herr von Uslar überhaupt auszudenken vermag. Nichts gegen Charles Schumann, der Mann ist sicherlich interessant und einzigartig als Münchner Original der hin- und herfloatenden Schickeria, mich wundert nur, dass Schumann diese Schnapsidee überhaupt mitgemacht hat, zu den im Prinzip dürftigen Wurzeln seines Kellnerlebens in Südfrankreich zurückzukehren. Ein wenig kauzig, ein wenig grummelig und ein wenig aufmuckend ist noch lange kein Cocktail, der einen Kenner der Szene anschickern könnte. Hemingway und andere, die in Bars gelebt haben, lachen dröhnend in ihren Gräbern.
Nicer
Ihrem schlechte Laune, pseudoliterarischen Beitrag sagen ?
Es wäre vielleicht unterhaltsamer gewesen Sie hätten einen 5 Seiten Artikel über einen der von Ihnen geschätzten Cocktailmixer aus der Provinz geschrieben. Vielleicht.....
Dann ist es gleich schlechte Laune, haha, und auch noch pseudoliterarisch, oho, wahrscheinlich stimmt es eher, wenn man unter Berücksichtigung der Psychologie davon spricht, dass Sie nicht von sich auf andere schließen sollten. Ja klar, den schreibe ich noch, diesen Artikel, aber 5 Seiten, wohlgemerkt DIN A 4 bekomme ich von der sparsamen ZEIT mit ihrer 1500 Zeichen-Restriktion nicht gebacken. Schon mal was vom Panzerwagen und seiner Entstehungsgeschichte gehört, das ist wahrlich eine spannende Story, aber das kann man ja nicht erwarten. Ich erinnere mich, dass in einem Buch über Cocktails oder Barmixer ein Zitat von Bunuel angeführt wurde, das sollten Sie sich mal anschauen, vielleicht "guggeln" Sie den mit den entsprechenden Keywords. In einer Bar - ich nenne mal die Splendid-Bar in Zürich - vor 20 Jahren, hält man das Maul und hört dem Pianisten zu, weil man sich von der Welt entspannen will, in einem ZEIT-Magazin Artikel will ich keine affektiert schnoddrig geschriebene Reportage lesen, denn die haben Schumann und alle Liebhaber der Bars und der diversen Cocktails nicht verdient. Ich empfehle: Trinken Sie weiter Pils oder Spätburgunder oder Kaffee Togo, als Tipp. probieren Sie mal einen "Affen im Winter", wenn Sie nach Frankreich kommen sollten, kann auch geguggelt werden, Stichwort Gabin und Amer. OK. Prost denn auch und nicht gleich mit der Birne auf dem Tresen aufschlagen.
Nicer
Dann ist es gleich schlechte Laune, haha, und auch noch pseudoliterarisch, oho, wahrscheinlich stimmt es eher, wenn man unter Berücksichtigung der Psychologie davon spricht, dass Sie nicht von sich auf andere schließen sollten. Ja klar, den schreibe ich noch, diesen Artikel, aber 5 Seiten, wohlgemerkt DIN A 4 bekomme ich von der sparsamen ZEIT mit ihrer 1500 Zeichen-Restriktion nicht gebacken. Schon mal was vom Panzerwagen und seiner Entstehungsgeschichte gehört, das ist wahrlich eine spannende Story, aber das kann man ja nicht erwarten. Ich erinnere mich, dass in einem Buch über Cocktails oder Barmixer ein Zitat von Bunuel angeführt wurde, das sollten Sie sich mal anschauen, vielleicht "guggeln" Sie den mit den entsprechenden Keywords. In einer Bar - ich nenne mal die Splendid-Bar in Zürich - vor 20 Jahren, hält man das Maul und hört dem Pianisten zu, weil man sich von der Welt entspannen will, in einem ZEIT-Magazin Artikel will ich keine affektiert schnoddrig geschriebene Reportage lesen, denn die haben Schumann und alle Liebhaber der Bars und der diversen Cocktails nicht verdient. Ich empfehle: Trinken Sie weiter Pils oder Spätburgunder oder Kaffee Togo, als Tipp. probieren Sie mal einen "Affen im Winter", wenn Sie nach Frankreich kommen sollten, kann auch geguggelt werden, Stichwort Gabin und Amer. OK. Prost denn auch und nicht gleich mit der Birne auf dem Tresen aufschlagen.
Nicer
Ich persönlich habe den Artikel mit Freude gelesen.
Die Kritik (in Kommentar Nr. 4) mag berechtigt sein. Aber trotz aller Interpretation immer noch ein Artikel, der sich wohltuend von den sonstigen Trash- und Lifestyleberichten, die auch in dieser ZEIT leider inflationär erscheinen. Lieber ein kauziger Ex-Trend Barkeeper in Retrospektive als App-Talk, Gentrifizierung- und Beziehungskolumnen.
»Reisen kann so einfach sein, wenn du ohne Frauen unterwegs bist.«
Reinste Wahrheit. (Feministen mögen bitte nicht zur Steinigung aufrufen, sondern ebenfalls ohne Mann reisen.)
Außerdem schön zu sehen: Der Trend geht zum Eigen-Sandwich-Bau.
Auch im Ausland. Vor diesem Hintergrund halte ich die Sandwich-Bar-Geschichte für satirisch dazu erdichtet. Oder Schumann-Humor.
Sonst alles drin: Product-Placement (H&M) Migrationshintergrund, auch Du kannst es schaffen-Phrase (Ibi), Bistrokritik, Keine-Macht-den-Drogen und französische Lässigkeit und ein bisschen über Frauen.
Charles Schumann - das Herrengedeck unter den Alco-Pops.
Es hat mir behagt. Danke.
Dann ist es gleich schlechte Laune, haha, und auch noch pseudoliterarisch, oho, wahrscheinlich stimmt es eher, wenn man unter Berücksichtigung der Psychologie davon spricht, dass Sie nicht von sich auf andere schließen sollten. Ja klar, den schreibe ich noch, diesen Artikel, aber 5 Seiten, wohlgemerkt DIN A 4 bekomme ich von der sparsamen ZEIT mit ihrer 1500 Zeichen-Restriktion nicht gebacken. Schon mal was vom Panzerwagen und seiner Entstehungsgeschichte gehört, das ist wahrlich eine spannende Story, aber das kann man ja nicht erwarten. Ich erinnere mich, dass in einem Buch über Cocktails oder Barmixer ein Zitat von Bunuel angeführt wurde, das sollten Sie sich mal anschauen, vielleicht "guggeln" Sie den mit den entsprechenden Keywords. In einer Bar - ich nenne mal die Splendid-Bar in Zürich - vor 20 Jahren, hält man das Maul und hört dem Pianisten zu, weil man sich von der Welt entspannen will, in einem ZEIT-Magazin Artikel will ich keine affektiert schnoddrig geschriebene Reportage lesen, denn die haben Schumann und alle Liebhaber der Bars und der diversen Cocktails nicht verdient. Ich empfehle: Trinken Sie weiter Pils oder Spätburgunder oder Kaffee Togo, als Tipp. probieren Sie mal einen "Affen im Winter", wenn Sie nach Frankreich kommen sollten, kann auch geguggelt werden, Stichwort Gabin und Amer. OK. Prost denn auch und nicht gleich mit der Birne auf dem Tresen aufschlagen.
Nicer
Kenne Charles persönlich. Der Artikel hat ihn perfekt beschrieben.
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