Philipp Rösler weiß genau, wie er die FDP aus ihrer Not führen kann. Er kennt den Unmut der Leute über Griechenland-Hilfen und Euro-Rettung, über hart erarbeitetes deutsches Steuergeld und leichtlebige europäische Schuldenmacher, über immer mehr Rettungsschirme und immer weniger Rettungsaussicht. Die frei flottierende Zukunftsangst der Deutschen kanalisieren, der Euro- und Europaskepsis eine Heimat geben, die FDP in eine Partei verwandeln, die Wut und Angst einsammelt und im demokratischen Spektrum bindet – das wäre eine Strategie.

Philipp Rösler weiß aber auch etwas anderes. Er kennt das Selbstverständnis der FDP als Pro-Europa-Partei. Er sieht, dass eine euroskeptische Strategie unweigerlich zum Bruch der schwarz-gelben Bundesregierung führt. Er hat erkannt, dass eine auf diesem Weg gerettete FDP eine ganz andere FDP wäre – und somit auch eine verlorene. Und das Wissen um den Verlust zählte stets mehr als das Wissen um die vermeintliche Rettung. Bis zum vergangenen Wochenende.

In Mecklenburg-Vorpommern ist die FDP nach den Landtagswahlen noch halb so stark wie die NPD , in Berlin droht sie von der Piratenpartei überflügelt zu werden. Rechtsextreme und Internetnerds sind nun die politischen Vergleichsgrößen der Liberalen. Unter Westerwelle stürzte die FDP ab, unter Rösler schlägt sie im Niemandsland politischer Skurrilitäten auf. Ihre Existenzkrise verschärft sich. In dieser Lage – und mit Blick auf die Berlin-Wahl – hat Rösler den Versuch gestartet, das Schicksal der FDP zu wenden. Indem seine Partei nun die Euro-Skepsis aufgreift, zugleich aber den prinzipiellen proeuropäischen Rahmen nicht verlassen soll. Ein Versuch, der scheitern muss.

Keine Denkverbote

Rösler wettert gegen Denkverbote bei der Euro-Rettung und schließt eine »geordnete Insolvenz« Griechenlands nicht aus . Damit zielt er auf eine weit verbreitete Grundstimmung in der Bevölkerung. Doch nicht die Menschen, die Märkte reagierten umgehend: Der Dax stürzte unter die 5000-Punkte-Marke. Hat Rösler das nicht bedacht, unterschätzt er die Bedeutung des Vizekanzlers der größten europäischen Wirtschaftsmacht. Hat er es in Kauf genommen, stellt er das Schicksal der FDP über das Schicksal des Landes.

Die Ressentiments gegen die Schuldenstaaten bedienen, die Vorbehalte gegen Euro-Bonds ansprechen und die Leute gleichzeitig bei Europa-Laune halten – ein solcher politischer Kraftakt übersteigt alles, was Rösler und die FDP zu leisten in der Lage sind. Die Fliehkräfte der Wut und der Angst können nicht von der Anziehungskraft einer Partei ausbalanciert werden, von der sich die Wähler gerade in Scharen abwenden.

Röslers tapsender Versuch mit dem Populismus beflügelt die Fantasie in jenem Teil der FDP, der sich die Euroskepsis nicht erst bei der Bevölkerung abgucken muss. Er trägt sie längst in sich. Diesen Liberalen war die ordnungspolitische Klarheit im Zweifel stets wichtiger als die europäische Gesinnung. Per Mitgliederentscheid wollen sie die FDP-Spitze auf ein Nein zum dauerhaften Euro-Rettungsschirm ESM festlegen. Manche dieser euroskeptischen Liberalen steuern einen Kurs, wie ihn die Tories in Großbritannien verfolgen: sich der weiteren europäischen Integration verweigern, den Ordnungsrahmen national abstecken – splendid German isolation. Anderen in der FDP geht nicht einmal das weit genug.