Filmfestspiele Tanz der verlorenen Seelen
Es müssen nicht immer die ganz großen Bilder sein. Aber Teufel auch, die Mischung macht’s! Eine Bilanz der 68. Filmfestspiele von Venedig.
Man muss nicht an den Teufel glauben, um ihn zu sehen. In Venedig konnte man ihn erleben, ganz wirklich und leibhaftig. In Alexander Sokurows vogelfreier Faust-Adaption, die den Goldenen Löwen der 68. Filmbiennale gewann, sieht man Mephisto beim Besuch in einem überfüllten Badehaus. Ins Wasser gleitet ein unförmiger nackter Körper, umspannt von hauchdünner Pergamenthaut. Ein weißlich fahles Wesen ohne Geschlecht, dafür mit einem kleinen Schweinsschwänzchen. Die anderen Badenden starren diesen Teufel an und blicken zugleich durch ihn hindurch.
Es ist eine Szene, die den Betrachter erschauern lässt, weil sie alles sagt über die monströse Normalität des Bösen. Zwei Stunden lang wanzt sich Mephisto in Sokurows Film an Faust heran, kriecht und schleicht und klammert und glitscht. Genauso kriecht er auch in unsere Erinnerung und setzt sich im Rückblick auf dieses Festival wie eine böse Klette fest.
Faust ist ein weiteres Monumentalwerk des russischen Regie-Exzentrikers Sokurow, der sich schon immer an ganz großen Figuren, archaischen Mythen und letzten Fragen abarbeitete. Sein Faust steht am Ende eines mehr als zehn Jahre umspannenden Autorenprojekts, einer Tetralogie über die Macht und das Böse: Taurus (1999), Moloch (2000) und Solntse (2005) heißen Sokurows Filme über Hitler, Lenin und den japanischen Kaiser Hirohito.
Nach realen Diktatoren und Machtmenschen mündet dieser auf sinfonischen Klangteppichen und im weichgezeichneten, manchmal wie vernebelten Licht dahinschwebende Bildertrip nun also in den deutschen Theaterklassiker schlechthin. An Goethes Faust interessiert Sokurow jedoch nicht der Drang nach Macht, Wissen und Welterkenntnis. Sein abgerissen gekleideter Faust wirkt eher wie ein historischer Hartz-IV-Empfänger, der sich ein bisschen Sex erkaufen will.
Damit steht dieser Titelheld auch quer zur russischen Literatur- und Theologiegeschichte, die in der Faust-Gestalt jene anmaßend weltenlenkenden zerstörerischen Kräfte walten sah, die dann zur Oktoberrevolution führen sollten. Sokurows Faust ist aber kein Menschenformer, sondern ein depressiver Hedonist.
Von Anfang durchwandert er ein mephistophelisches Reich: ein rattenverseuchtes, höhlenhaft verschattetes, mittelalterlich anmutendes deutsches Städtchen, durchpulst von körperlichen Säften und Kräften. Hier inszeniert Sokurow den dialogischen Kampf um Fausts Seele als symbiotisch verklammerten Pas de deux. Mit einer genialischen Tonregie: Indem Sätze aus dem Bildhintergrund nach vorn drängen, Nebenfiguren die Zeilen der Hauptcharaktere aufnehmen, fortführen, überlagern, entsteht der Eindruck einer Welt ohne Koordinaten, Orientierungen, Maßstäbe.
Es mag sich zunächst paradox anhören: Aber Sokurows abgehobene Vision hat im zugleich wuchtigsten und realistischsten Film des Wettbewerbs einen Seelenverwandten gefunden. Auf den ersten Blick scheint Cai Shangjuns People Mountain People Sea , der im ärmeren Südwesten Chinas gedreht wurde, Lichtjahre entfernt von der phantasmagorischen Umsetzung eines deutschen Klassikers zu sein.
- Datum 14.09.2011 - 17:51 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.9.2011 Nr. 38
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