Paul Kirchhof Ohne Maß
Wir dürfen uns vom wild gewordenen Finanzmarkt nicht in die Enge treiben lassen. Plädoyer für eine verantwortete Marktwirtschaft.
Der Mensch ist nicht gierig. Wir erziehen unsere Kinder zu dem Bewusstsein, dass Handeln aus Gier verwerflich ist. Der Verfassungsstaat bindet staatliches Handeln in eine Kultur des Maßes, gewährt Freiheit als definiertes Recht, das auf die Rechte anderer abgestimmt ist.
Doch im wirtschaftlichen Wettbewerb scheinen andere Regeln zu gelten. Der Unternehmer handelt nach dem Prinzip der Gewinnmaximierung; der Zuwachs an Gewinn und Wachstum kann nie genug sein. Diese Maßstabslosigkeit tendiert zur Maßlosigkeit. Der Konkurrent bekämpft seinen Mitbewerber, bis er ihn »schöpferisch zerstört« oder feindlich übernommen hat. Dieses System des Wettbewerbs fördert Erfindungsreichtum, Unternehmermut und kaufmännisches Geschick. Doch der Preis dieses Wettbewerbs ist: Der Schwache wird verdrängt, der Starke bevorzugt.

Paul Kirchhof war von 1987 bis 1999 Richter am Bundesverfassungsgericht. Er ist Direktor des Instituts für Finanz- und Steuerrecht der Universität Heidelberg.
Der Wettbewerb teilt die Bewerber in Sieger und Besiegte und rechtfertigt dieses harte Ergebnis aus der Chancengleichheit aller Beteiligten. Doch dieser Wettbewerb ist nicht grenzenlos. Auch im Wirtschaftsleben gelten definierte Freiheiten, die eine beliebige Herrschaft über andere Menschen – Willkür – ausschließen.
Kaum jemand kann sich dem Sog des Geldes und der Wirtschaft entziehen
Das System des freien Erwerbs setzt voraus, dass der Freiheitsberechtigte auf eigene Chance und eigenes Risiko handelt. Die Kapitalgesellschaft mit beschränkter Haftung war im 18. Jahrhundert insbesondere in England verboten, weil Firmeneigentum (Risiko) und Firmenleitung (Chance) nicht in einer Hand vereint waren. Wer das Geld fremder Leute bewirtschafte, neige zu Nachlässigkeit und Verschwendung, verspreche Anlegern märchenhafte Gewinne. Konkreter Anlass, Kapitalgesellschaften zu verbieten, waren deren Geschäfte mit den Südseekolonien, die zu einer Spekulationsblase führten, die platzte und vielen Menschen Unglück brachte.
Selbstverständlich können heute Finanzierungsaufgaben, etwa der Bau einer Eisenbahn, nur durch große Kapitalgesellschaften erfüllt werden. Doch diese Großunternehmen müssen Ertragschance und Kapitalmacht, Rendite und Haftung in einer Hand vereinen. Wird der Kapitalgeber vom Ankeraktionär, der seinem Unternehmen in Gewinn und Verlust jahrzehntelang verbunden ist, zum flüchtigen Anleger, der ständig seine Beteiligung wechselt, so sucht er hohe Rendite, ohne den Einsatz seines Kapitals zu verantworten. Legt ein Anleger sein Geld in Fonds an, erzielt er Einkommen, ohne auch nur zu wissen oder verantworten zu können, wie seine Kapitalmacht genutzt wird, ob er durch Anbau von Weizen oder Produktion von Waffen sein Geld verdient. Und im Kreditgeschäft geht Verantwortlichkeit verloren, wenn der Bankier einen Kredit nicht ausschließlich der Person gibt, für deren Bonität er einstehen kann, sondern einem beliebigen Kunden ein Darlehen für 6 Prozent Zins gewährt, diese Forderung am selben Tag für 9 Prozent an eine Zweckgesellschaft verkauft, diese die Forderung mit anderen zu einem Paket schnürt und an Anleger verkauft, sodass die Beteiligten ihren Gewinn machen, ohne dass der Kreditschuldner Kreditsumme und Zinsen zurückzahlt.
Das im vertraglichen Einvernehmen angelegte Maß ist umso mehr geschwächt, je weniger die Vertragsparteien Waren und Arbeitsleistungen gegen Geld tauschen und eigenen Bedarf befriedigen, je mehr sie auf eine ungewisse Zukunft wetten. Auf dem Finanzmarkt wird nicht ein Gut zur Befriedigung eigenen Bedarfs erworben, sondern Geld vermehrt. Marktbeteiligte tauschen Geld gegen Geld. Der Spekulant kauft Erwartungen, die weder im Gegenstand noch in der Fantasie des Spekulierenden begrenzt sind. Diese auf Spiel und Wette angelegten Geschäfte sind tendenziell maßlos. Der Finanzmarkt vermehrt sein Gut, das Geld, nahezu beliebig, findet weltweit Kunden, die die Erwartungen, Chancen, Hoffnungen kaufen und kühner und leichtsinniger werden.
Die Grundidee von Markt und Wettbewerb ist eine andere. Freiheitsrechte erwarten die verantwortliche Wahrnehmung von Freiheit, verbinden Chance mit Risiko, Handlungsbefugnis mit Haftung, Freiheit mit Anstand. Das Vertragsrecht wird von Tatbeständen wie »Treu und Glauben«, »Verkehrssitte«, den Prinzipien des ehrbaren Kaufmanns, der ordnungsgemäßen Buchführung, der Erklärung »nach bestem Wissen und Gewissen« bestimmt. Markt und Wettbewerb bauen auf das Verantwortungseigentum.
- Datum 18.09.2011 - 10:38 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.9.2011 Nr. 38
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Egoismus ist für den Egoisten kurzfristig immer lohnend.
Kurzfristige Täuschungsgewinne und Gewinnmaximierung werden im Kapitalismus gefördert, die langfristigen Folgekosten aber ausser Acht gelassen.
Chancengleichheit gibt es schon lange nicht mehr.
Es gilt immer mehr:
Friss oder stirb, der Ehrliche istder Dumme, Gewinner oder Loser, mein Haus, mein Boot, mein Auto...
Dänemark ist an allem schuld!
Dänemark ist an allem schuld!
Zitat:
"Der Konkurrent bekämpft seinen Mitbewerber, bis er ihn »schöpferisch zerstört« oder feindlich übernommen hat. Dieses System des Wettbewerbs fördert Erfindungsreichtum, Unternehmermut und kaufmännisches Geschick."
Zitat Ende
Erfindungsreichtum? Wirkliche Fortschritte im Sinne einer Verbesserung der Produktionsbedingungen und der Produkte oder Erfindungsreichtum dahingehend in Richtung Scheininnovation, Scheinauswahlfreiheit oder Pseudo-Neuigkeiten?
Unternehmermut ? Die Chuzpe zu besitzen mit einem riesigen Kredithebel Produkte zu produzieren oder Dienstleistungen anzubieten, die kein Mensch braucht, etwa:
Noch einen Paketdienst, der die Straßen verstopft ?
Unternehmermut, dahingehend Callcenter und Zeitarbeitsfirmen zu gründen, letztere zur Abgreifung von Subventionen ?
Was ist kaufmännisches Geschick ? Das Geschick als Hersteller von Klorollen, auch Ladder-Swaps zu kaufen :-) Und sich dann doof stellen und vor dem BGH zu gewinnen ?
http://www.wiwo.de/untern...
Nein ! Wer im "Markt" bestehen will, sollte allenfalls gierig und gewissenlos sein! Er sollte irgendwelche Regeln nur dann einhalten, wenn die Einhaltung der Regeln Gewinn bringt oder zumindest Verluste mindert.
Man halte sich an die Regeln der Gewerbeordnung zum Beispiel nur, wenn die Wahrscheinlichkeit einer Sanktion höher ist, als die Wahrscheinlichkeit mit der Übetretung einen Gewinn zu machen. Alles andere wäre ein unwirtschaftlicher und damit marktwirtschaftlich unvertretbarer Verlust von Gewinnchancen.
Blöde Frage, wo ist eigentlich dieser "Markt", von dem immer alle reden ??????
Mir scheint, die ehrenwerten bisherigen Kommentatoren haben Herrn Professor Kirchhofs Worte nur teilweise verstanden oder wenigstens sie nicht alle gelesen. «Beiträge» mag man sie gar nicht nennen, denn sie tragen nichts bei zu einer sinnvollen, massvollen Diskussion über den Artikel, sie sind nicht einmal eine Kritik, bloss unreflektierte Propaganda.
ist überwätigend.
Jetzt werden Sie uns doch bestimmt erklären, zu welchen erhellenden Schlussfolgerungen Sie durch die genaue Lektüre des Artikels gekommen sind, und "zu einer sinnvollen, massvollen Diskussion über den Artikel" beitragen.
ist überwätigend.
Jetzt werden Sie uns doch bestimmt erklären, zu welchen erhellenden Schlussfolgerungen Sie durch die genaue Lektüre des Artikels gekommen sind, und "zu einer sinnvollen, massvollen Diskussion über den Artikel" beitragen.
Demokratie und soziale Marktwirtschaft sind durch Großbanken massiv gefärdet. Die Anreize zur Verantwortungslosikeit müssen beendet werden.
Die Politik muss im Namen der Bürger die Macht einschränken und darf sich nicht erpressen lassen.
Herr Kirchhof denkt wie so viele andere Wirtschaftsleute innerhalb des Systems. Also kann es nur darum gehen, Verwerfungen bzw. Übertreibungen des momentan existierenden Kapitalismus abzumildern.
Der Kapitalismus per se impliziert jedoch all die Probleme für die menschliche Gesellschaft: Konkurrenz bis zum Über-die-Leichen-Gehen, Egoismus, kurzfristige Schielen auf maximalen Profit unter Zerstörung der Umwelt und Raubbau an den Ressourcen des Planeten.
Richtet man den Blick auf den Fehler im Entwurf an sich, merkt man, dass es - verkürzt - an der (gewollten) Struktur des Geldsystems liegt: Mindestreserve, Zinssystem, Geldschöpfung der privaten Banken aus dem Nichts.
BITTE, liebe Leute, schaut Euch folgenden Film an!:
http://vimeo.com/6955657
Er dauert rund zwei Stunden, also nur angucken, wenn genug Zeit und geistige Muse. - Es geht hier nicht um Spinner oder Verschwörungstheorien. Es geht um das Verständnis, was tatsächlich abläuft, inklusive ausführlicher Statements von Insidern.
Dass ich nicht lache :)
Lesen Sie sich mal folgende Analyse von Zeitgeist Addendum durch (gerne auch vom ersten Teil wenn Sie möchten). Dann werden Sie etwas anders auf den Film schauen.
Nicht besser als Loose Change, Gib mir die Welt + 5% und all die anderen sogenannten Enthüllungsfilme oder "wahren Dokumentationen die die Augen öffnen werden".
Zeitgeist Original
http://conspiracies.skept...
Addendum
http://conspiracies.skept...
Hier noch was zu Loose Change
http://www.loosechangegui...
Danke für den Link. Ich gab mir die zwei Stunden Zeit und nehme all das Gesagte und Dargestellte als große Bereicherung meines Denkens auf.
Nochmals Danke!
Dass ich nicht lache :)
Lesen Sie sich mal folgende Analyse von Zeitgeist Addendum durch (gerne auch vom ersten Teil wenn Sie möchten). Dann werden Sie etwas anders auf den Film schauen.
Nicht besser als Loose Change, Gib mir die Welt + 5% und all die anderen sogenannten Enthüllungsfilme oder "wahren Dokumentationen die die Augen öffnen werden".
Zeitgeist Original
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Hier noch was zu Loose Change
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Danke für den Link. Ich gab mir die zwei Stunden Zeit und nehme all das Gesagte und Dargestellte als große Bereicherung meines Denkens auf.
Nochmals Danke!
um zu einem "verantwortlichen" Kapitalismus zu kommen, wäre ein Zinsanstieg, z.B. auf 5 %.
Dann wäre sehr schnell Schluss mit all diesen "Übertreibungen" und Wetten auf die Zukunft.
Warum wird denn so ein Weg nicht eingschlagen?
Das Gegenteil ist richtig.
Die "Abschaffung" des Zins wäre der richtige Weg.
Der Zins als Motor einer irrealen Wachstumsideologie der Religion des Kapitalismus.
Das Gegenteil ist richtig.
Die "Abschaffung" des Zins wäre der richtige Weg.
Der Zins als Motor einer irrealen Wachstumsideologie der Religion des Kapitalismus.
[...] Wer wäre nicht gegen "maßstabslose Gewinnmaximierung, .. Überforderung der Haushalte, .. Verlust der Distanz zwischen Staat und Wirtschaft, .. Übermacht des Finanzmarktes..." (und das ist nur der Anfang der dritten Seite). Alle sind natürlich dagegen! Die Frage ist aber doch, *wann* ist Gewinnerzielung "maßstabslos", *wann* sind Haushalte "überfordert" und *wann* ist der Finanzmarkt "übermächtig" (und tut nicht nur seinen Job). So etwas beantwortet dieser Aufsatz dann aber nicht.
Erfreulich allerdings, dass der Aufsatz klarstellt, dass Marktwirtschaft an sich durchaus funktionieren kann und dass die fortwährenden Eingriffe des Staates sehr problematisch sind, ja manchmal die Menschen eher unglücklicher statt glücklicher machen.
[...]
Gekürzt. Bitte bleiben Sie bei sachlicher Kritik. Danke. Die Redaktion/vn
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