ver.di Die Mitglieder laufen davon

Die Lage der Gewerkschaft ver.di ist desolat. Trotzdem wird Frank Bsirske wohl als Vorsitzender bestätigt.

Frank Bsirske, Chef von ver.di, war einmal Vorsitzender der größten Gewerkschaft in Deutschland. Keiner konnte im Namen von mehr Arbeitnehmern sprechen. Dann aber liefen ihm zuhauf die Mitglieder davon, sodass 2005 die IG Metall zur Nummer eins wurde. Ein Desaster, für Bsirske aber ohne Folgen, noch heute führt er die Dienstleistungsgewerkschaft. Und alles deutet darauf hin, dass er beim Bundeskongress in der kommenden Woche erneut zum Vorsitzenden gewählt wird.

Die Situation von ver.di sei heute viel besser, heißt es allenthalben. Bsirske gilt als unangefochten. Dabei sind viele Erfolgsmeldungen, die der Gewerkschaftsboss derzeit verbreitet, schlicht irreführend. Seine Organisation befindet sich nach wie vor in einer dramatischen Lage. Sie verliert weiter Mitglieder, zuletzt war der Schwund fast doppelt so groß wie im Durchschnitt des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

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Eine Trendwende ist nicht in Sicht.

Seit ihrer Gründung vor zehn Jahren hat ver.di schon ein Viertel der Mitglieder verloren. Der sogenannten Multi-Branchengewerkschaft gehören heute nur noch knapp 2,1 Millionen Menschen an. Frank Bsirske hält mit guten Nachrichten dagegen: »Bei den Erwerbstätigen verzeichnen wir das dritte Jahr in Folge mehr Eintritte als Austritte«, verkündet er bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Das wäre in der Tat ein großer Erfolg, denn schließlich sind es die berufstätigen Gewerkschafter, auf die es wirklich ankommt: Sie bestimmen über die Stärke in Arbeitskämpfen und bezahlen – anders als Rentner oder Arbeitslose – volle Mitgliedsbeiträge. Doch wer glaubt, ver.di gewinne in den Betrieben immer mehr Mitglieder hinzu, sieht sich getäuscht. Zwischen 2006 und 2010 gingen ver.di sieben Prozent der Berufstätigen verloren, 120.000 Mitglieder insgesamt. Allein 2010 betrug das Minus 33.000 Köpfe.

Wie passt das zu Bsirskes Erfolgsmeldungen? Man habe nur Eintritte und Austritte der Erwerbstätigen verglichen, heißt es bei ver.di. Wenn aber ein Berufstätiger zum Beispiel in den Ruhestand wechsele, sei das eben kein Austritt – auch wenn es dann tatsächlich ein erwerbstätiges Mitglied weniger gebe. Mit anderen Worten: Übergänge in die Rente blendet Bsirske einfach aus.

Gerne berichtet der ver.di-Chef auch davon, wie erfreulich die Mitgliederentwicklung »im Osten« und hier »insbesondere bei der Jugend« sei. Kein Wort verliert er über den alarmierenden Rückgang gerade bei den Jüngsten: Die Zahl der organisierten Azubis sank in den vergangenen fünf Jahren um 33 Prozent.

Das alles schlägt sich auch in den Finanzen nieder. Zuletzt gab ver.di 1,5 Millionen Euro mehr aus, als die Gewerkschaft einnahm. Dabei fehlen in diesem offiziell ausgewiesenen Defizit noch allerlei Sonderausgaben. Allein durch sogenannte Projektmittel verdreifacht sich das Defizit.

Das alles erscheint umso enttäuschender, als der Teich, in dem ver.di fischt, eigentlich immer voller wird. Seit Jahren steigt die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland, sie hat mit 41 Millionen einen neuen Rekord erreicht. Und sie wächst gerade dort, wo sich ver.di zuständig sieht: in den Dienstleistungsbranchen. Dass ver.di davon nicht profitiert, begründen ihre Funktionäre vor allem mit einem Hinweis: Die vielen prekären Jobs sind schuld. Statt guter Arbeit gebe es heute immer mehr Leiharbeiter und Minijobber, und die ließen sich eben nur schwer organisieren. Das Argument gehört zum Glaubenskern der für staatlich festgesetzte Mindestlöhne kämpfenden Organisation.

Leser-Kommentare
  1. Haben mit dem realen Arbeitsmarkt nichts mehr gemeinsam.
    Sind Sie doch Mitschuldig am 2.Arbeitsmarkt!
    Durch Kündigungsschutz,Tarifverträge,usw.
    suchen Firmen in Zeitarbeitsfirmen ihr heil.

  2. "Die Mitglieder laufen davon

    Die Lage der Gewerkschaft ver.di ist desolat."

    -

    Wo waren die Gewerkschaften bei den Tarifauflösungen

    bei den Lohnsklaven
    bei der Leiharbeit
    bei den prekären Arbeitsverhältnissen
    bei der gesellschaftlichen Spaltung
    bei den Renten
    bei der Generation Praktika
    bei den Arbeitslosen

    ...

    ...

    =

    Wen wundert`s?

    Vielleicht hätten die Gewerkschaften an einem Generalstreik arbeiten müssen.

    Eine Gewerkschaft, welche nicht mehr die Interessen der Arbeitnehmer vertritt, hat ein Problem.

    13 Leser-Empfehlungen
  3. Maxigewerkschaften wie ver.di oder IG Metall sind viel zu unflexibel um die differenzierten Verhältnisse in den einzelnen Betrieben oder Bundesländern so zu behandeln, dass zumindest ein nennenswerter Teil der Berufstätigen sinnvoll vertreten werden kann, Minigewerkschaften wie die der Lokführer oder der Piloten sind zu egoistisch und unsozial um überhaupt ernst genommen werden zu können. Wir brauchen stärkere Betriebsräte und keine Gewerkschaften die nur Tarifvertragsrituale spielen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Also, diese Minigewerkschften, Lokführer streiken jetzt seit langer Zeit dafür, dass bei den Privatbahnen ( deren Eigentümer aber nicht wirklich privat sind , HHA, Städte u.a. )die gleichen Löhne gezahlt werden wie bei der Bundesbahn.
    Das fördert auch den Wettbewerb wenn die Bedingungen gleich sind.
    Ähnlich war es auch bei den Piloten.
    Diese Gewerkschaften haben Erfolg, da sie ihre Mitglieder hautnah vertreten .Ist das jetzt unsozial ?

    Also, diese Minigewerkschften, Lokführer streiken jetzt seit langer Zeit dafür, dass bei den Privatbahnen ( deren Eigentümer aber nicht wirklich privat sind , HHA, Städte u.a. )die gleichen Löhne gezahlt werden wie bei der Bundesbahn.
    Das fördert auch den Wettbewerb wenn die Bedingungen gleich sind.
    Ähnlich war es auch bei den Piloten.
    Diese Gewerkschaften haben Erfolg, da sie ihre Mitglieder hautnah vertreten .Ist das jetzt unsozial ?

    • abc...
    • 16.09.2011 um 18:44 Uhr

    ...und war da sonst noch... was... ?

    DIE GEWEKSCHAFTEN disqualifizieren sich
    langsam aber beständig.

  4. Ich finde es erschreckend, dass sich offenkundig wengier Arbeitnehmer in Gewerkschaften organisieren, als das noch vor 50 Jahren der Fall war.

    Naja aber ich habe seit einigen Jahren eh das Gefühl, dass die Neoliberalen schon gewonnen haben. Einige Indikatoren dafür:

    1) Extreme Politikverdrossenheit in der Bevölkerung, aber sehr wenig Bürger, die sich auch engagieren.
    2) SPD wird immer schwächer
    3) Gewerkschaften laufen die Mitglieder davon (scheinbar treten wenig neue Mitglieder ein).

    Naja so ging das in den USA und so wird das auch hier bald sein. Also immer drann denken:

    1) Gewerkschaften haben nur Bonzen als Funktionäre
    2) Gewerkschaften vernichten Arbeitsplätze durch ihre überzogenen Forderungen
    3) Wer in einer Gewerkschaft ist macht sich angreifbar, da es vom Chef als negativ angesehen werden könnte
    4) Gewerkschaften sind nicht flexibel genug um auf die Bedürfnisse der Arbeiter einzugehen

    --> Gerwerkschaften sind nutzlos und wir vertrauen in Zukunft nur noch den Kaptialisten und Bossen und wohl und wehe an.

    Eine Leser-Empfehlung
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    die von Ihnen aufgeführten Argumente sind alles andere als billige Polemik.
    Beisiel?

    Frank Steibli:
    Vormals Pressesprecher der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag und Pressesprecher und Vorstandssekretär ver.di-Landesbezirk Hessen.
    Jetzt tönt Herr Steibli für die RHÖN-KLINIKUM AG.

    Klassischer Seitenwechsel.

    Er hat dort auch keine Probleme das Vorhandensein von RFID-Chips in der vom Klinikum gestellten Arbeitskleidung zu rechtfertigen. Dadurch können jetzt endlich die Mitarbeiter zeitlich wie räumlich lückenlos überwacht werden.
    Tja, so jemanden hat man doch gerne mit Mitgliedsbeiträgen jahrelang durch gefüttert.
    Ein gaaanz überzeugter Genosse.

    Was soll man denn da machen - da bleibt doch nur der Austritt.

    die von Ihnen aufgeführten Argumente sind alles andere als billige Polemik.
    Beisiel?

    Frank Steibli:
    Vormals Pressesprecher der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag und Pressesprecher und Vorstandssekretär ver.di-Landesbezirk Hessen.
    Jetzt tönt Herr Steibli für die RHÖN-KLINIKUM AG.

    Klassischer Seitenwechsel.

    Er hat dort auch keine Probleme das Vorhandensein von RFID-Chips in der vom Klinikum gestellten Arbeitskleidung zu rechtfertigen. Dadurch können jetzt endlich die Mitarbeiter zeitlich wie räumlich lückenlos überwacht werden.
    Tja, so jemanden hat man doch gerne mit Mitgliedsbeiträgen jahrelang durch gefüttert.
    Ein gaaanz überzeugter Genosse.

    Was soll man denn da machen - da bleibt doch nur der Austritt.

  5. kein arbeitnehmer muckt noch auf, alle haben angst um ihr bißchen wohlstand und schlucken somit jede bittere pille der arbeitgeber!

    bald haben wir arbeit auf abruf, bei einigen betrieben wird schon der stundenlohn bei leerlauf und urlaub drastisch gekürzt - macht ja nix, das betrifft ja nur die anderen und hauptsache wir haben arbeit!

    es lebe der ausbeuter!!!!

  6. Denk ich an Gewerkschaften, dann denke ich an das da oben.

    Ich fühle mich von den Gewerkschaften in den letzten 10 Jahren verraten und verkauft. ...und wer will schon was mit Kollaborateuren zu tun haben - oder sagt man jetzt neudeutsch "Quisling" dazu?

  7. Ich war ungefaehr 20 Jahre Mitglied bei Verdi und zeitweise sogar Betriebsrat (Expressfracht), und wenn ich mir so ueberlege, wieviel ich einerseits bezahlt habe und andererseits bekommen habe, da kann ich nur sagen, gelohnt hat es sich nicht. Woran ich mich allerdings gut erinnern kann, das Verdi unbedingt wollte, dass das Unternehmen eine AG wird, um dann schoen Aufsichtsratsmandate zu sichern. Ich habe mich auch immer gefragt, warum muessen Gewerkschaftsvorstaende immer mehr verdienen, als die Mitglieder. Auch frage ich mich, warum sollte jemand der einen Zeitvertrag hat, bei verdi Mitglied werden? Ich habe noch nie gehoert, dass Verdi bei Tarifverhandlungen fordert, dass Zeitvertraege beschraenkt. Meine Frau arbeitet jetzt schon das 12te Jahr an einer Uni-Bib. immer mit Zeitvertraegen, warum sollte die bei Verdi eintreten? Verdi setzt sich zunaechst einmal dafuer ein, Pfruende der etablierten Arbeitnehmer zu bewahren, zum Teil auch skrupellos gegen die Interessen der Bediensteten die Zeitvertraege haben. Aber was mich am meisten bei Verdi gestoert hat, war die Tatsache, dass ein normales Mitglied niemals zu irgendeiner Wahl eingeladen wird. Spaetestens nach der Hawaii-Lufthansa Affaere haetten viele Mitglieder Herrn Birske wahrscheinlich liebend gerne in die Wueste geschickt. Und ueber die ausgehandelten Tarifvertraegen in manch einem Dienstleistungssektor braucht man garnicht sprechen.

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