Bergsteigen in GroßbritannienÜber alle drei Berge

Mit Schweiß, Speckbrötchen und Sportsgeist: In 24 Stunden auf die höchsten Gipfel von Schottland, England und Wales von Wolf Alexander Hanisch

Aufstieg zum Ben Nevis in den schottischen Highlands

Aufstieg zum Ben Nevis in den schottischen Highlands

Es gibt Wünsche, mit denen nicht zu spaßen ist. Jetzt zum Beispiel muss ein heißes Bad her. Unbedingt. Dann ein Steak, ein Bier und ein vernünftiges Bett. Immerhin haben wir gerade den höchsten Berg Großbritanniens bestiegen. Der strahlt mit seinen bauchigen Flanken zwar die Arglosigkeit eines adipösen Mönchs aus und ist nur 1344 Meter hoch. Doch weil der Pfad auf seinen Gipfel fast auf Meereshöhe startet, ginge der schottische Ben Nevis in den Alpen locker als Zweitausender durch. Schweißverklebt stehen wir nun wieder unten und beobachten die Letzte unserer Gruppe. Es ist Emily, die sich mit ihren Teleskopstöcken die Geröllzungen hinunterstochert wie eine Spinne in Funktionsklamotten. Als sie endlich auf dem Parkplatz steht, geht alles sehr schnell. Dean setzt sich ans Steuer seines Minibusses und hupt. Minuten später sind wir alle hinter ihm versammelt und rammen die Schiebetür ins Schloss. Keine Badewanne, kein Bier, kein Bett. Und statt Steak gibt es Studentenfutter. Denn jetzt geht es erst richtig los.

Dean und sein mürrisch dreinblickender Kollege werden uns zu zwei weiteren Bergen durch das halbe Land karren. An diesem Wochenende verwandeln wir uns nämlich in Three Peaker: Wir besteigen den höchsten Berg von Schottland, den höchsten von England und den höchsten von Wales – in 24 Stunden. Das ist zumindest das Ziel. "Three Peaks Challenge" nennt sich dieses Rennen gegen Berg und Zeit, das in Großbritannien legendär ist. Man kann es wie wir als Tourpaket bei einer Agentur buchen, die den Transport und zwei Führer pro Berg organisiert. Viele Briten machen sich im Sommer aber auch in Eigenregie auf den Weg: insgesamt 40 Kilometer Fußmarsch über steile Auf- und Abstiege, dazwischen elf Stunden Fahrt.

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Zum Abschied setzt die Abendsonne dem Granitschädel des Ben Nevis noch eine goldene Mütze auf. Dass dieser Brocken jährlich etwa zehn Menschenleben fordert, können wir kaum glauben. Wo sich sonst die Schlechtwetterfronten des Atlantiks austoben, gleißte heute der Himmel vor Gunst. Auf der einen Seite funkelten Seen und Meeresarme, auf der anderen staffelten sich die blau-grauen Kegel der schottischen Munros wie Wogen von fast durchsichtiger Zartheit. Wenn eine Landschaft elegant sein kann, dann diese. Ganz im Gegensatz zur Bergsteigerschar, die uns begegnete. Die war nichts als grell: Männer im Schottenrock und Gruppen im Clownkostüm – ein paar Burschen hatten sich sogar Frauenunterwäsche über die Outdoorkluft gestreift. "Wohltätigkeitswanderer", erklärten unsere Bergführer den Mummenschanz. "Neun von zehn Three Peakern sammeln bei Bekannten Geld für die Tour und spenden es dann." Die Maskerade soll die Beweisfotos aufpeppen.

Großbritannien: Veranstalter

Für ca. 365 Euro organisiert die Agentur "Three Peaks Challenge" die gleichnamige 24-Stunden-Tour auf den  schottischen Ben Nevis, den englischen Scafell Pike und den walisischen Snowdon. Transport und zwei lokale Führer je Berg sind inbegriffen (Tel. 0044-1970/868101, www.threepeakschallenge.org)

Anreise

Per Flugzeug nach Glasgow, dann weiter im Zug Richtung Norden nach Fort William (knapp vier Stunden). Rückflug von Manchester oder Birmingham

Unterkünfte

Vor der Tour am besten in der Nähe des Ben Nevis einquartieren, z. B. im Clan MacDuff Hotel, DZ/F ab 66 Euro (Achintore Road, Fort William, PH33 6RW, Tel. 0044-1397/702341, www.clanmacduff.co.uk). Nach der Challenge ist das berühmte Pen-y-Gwryd Hotel im Snowdonia-Nationalpark ideal: Dort wohnte schon Edmund Hillary, und
Teile seiner Everest-Ausrüstung sind zu besichtigen. Ü/F ab 45 Euro (Nant Gwynant, Gwynedd, North Wales, LL55 4NT, Tel. 0044-1286/870211, www.pyg.co.uk)

Im Bus ist es heiß. Und so eng wie in der Londoner U-Bahn zur Rushhour. Sechs Stunden Fahrt nach England liegen nun vor uns. Überall knistern die lollibunten Verpackungen von Energyriegeln, zischen Dosenverschlüsse von Fitnessdrinks. Es riecht nach Schweiß und Erschöpfung, und der Vauxhall entpuppt sich immer mehr als fahrende Folterkammer. Es ist, als führten wir einen Tanz auf. Er heißt "Wie kann ich sitzen?" und endet nie. Alle fünf Minuten probieren wir neue Stellungen für Beine und Hintern aus. An Schlaf ist nicht zu denken. Draußen prangen die schottischen Highlands. Immer wieder tauchen Pubs auf, deren Butzenscheiben-Gemütlichkeit von Mal zu Mal verführerischer wirkt. Ab Glasgow kommt, was kommen muss: Der Sinn der Sache beginnt zu erodieren. Spaß sieht schließlich anders aus. Also, Leute: Warum tun wir uns das an?

"Weil Reiseabenteuer heute nur noch in alten Berichten vorkommen", erklärt der schlaksige Chris und beißt ein Gähnen weg. "Wenn du wirklich etwas erleben willst, musst du deine Grenzen spüren. Darum geht es hier." Matt, Dave und die milchblonde Tess sehen das ähnlich. Kein Glücksgefühl ohne Leistung, sagen sie. Außerdem machen auch sie in Benefiz: Jeder hat 1.000 Euro für Asthmatiker und Krebskranke gesammelt. Sash hingegen, der indische Banker aus London, will bald den Kilimandscharo besteigen und sieht die Tour als Test. Am Ben Nevis war er kaum schneller als Emily. Auf dem nächsten Berg aber, da ist er sicher, werden seine Qualitäten schon zum Vorschein kommen: Immerhin sei er geübt im Wandern bei Dunkelheit – er habe im nächtlichen Hyde Park mit Stirnlampe trainiert.

Leserkommentare
  1. ... erzählen, auf dem Gipfel des Snowdon gewesen zu sein, wo doch jedermann weiß, daß es diesen gar nicht gibt, weil ihn im Nebel noch nie, hören Sie: noch nie jemand gesehen haben kann.

    Schöner Bericht, der hoffentlich viele vom Nachahmen abhält. Auf dem Snowdon ist es schon seit Jahrhunderten viel zu voll.

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