Ohne Gepäck, nur in Polohemd und Jeans, drängt sich der Bauingenieur Sudhir Bansal durch die dichten Menschenmengen auf dem Bahngleis in den 1.-Klasse-Liegewagen des Dhauladhar Express von Pathankot nach Delhi. Der Wagen ist muffig, die Polster sind abgenutzt, aber die Klimaanlage funktioniert, und die Bettlaken sind frisch und sauber. Der 51-Jährige zieht seine Sandalen aus und macht sich für die Nacht auf der Liege lang. Kurz darauf bringen Angestellte seiner Baufirma das Gepäck ins Abteil. Bansal rührt sich nicht. Er entspannt.

Hinter ihm liegt eine Woche Baustellenleitung. Bansal baut in Pathankot, einer aufstrebenden Provinzstadt am Fuße des Himalayas, eine neue Villen- und Apartmentsiedlung für 800 Familien. Einmal in der Woche fährt er zurück zu seiner Familie nach Delhi. Er könnte auch drei Stunden mit dem Firmenwagen zum nächsten Flughafen nach Amritsar fahren, um einen 40-Minuten-Flug nach Delhi zu nehmen. Doch er ruht lieber 10 Stunden im Zug. Er hat seinen Rhythmus. Auch auf der Baustelle. »Befehle nützen nichts«, sagt Bansal. »Die Baustelle läuft nur, wenn jeder sein Geld bekommt.« Er zahlt deshalb die Tagelöhne für den Großteil der Bauarbeiter immer im Voraus. Auch die Angestellten, die sein Gepäck bringen, haben ihren Lohn schon in der Tasche. Sie machen ihre Arbeit jetzt wie von allein.

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»Als Bauleiter muss ich das System beherrschen«, sagt Bansal. Auch die Politiker in Pathankot? Bansal nickt. Ihm ist nicht unwohl dabei. Seine Siedlung kommt gut voran. »In Europa möchte ich nicht Bauingenieur sein. Was gibt es da schon noch zu bauen?«, sinniert er. Der Zug bewegt sich nicht. Er hat schon bei Abfahrt über eine Stunde Verspätung. Bansal stört das nicht.

Der Bauingenieur gehört in Indien zu den Erfolgreichen. Er beschäftigt Hunderte von Arbeitern. Vor seiner Villa in Delhi stehen zwei Luxuslimousinen. Sein Sohn studiert im amerikanischen Berkeley Politik. Bansal verfolgt in diesen Tagen besorgt das Weltgeschehen – vor allem die fallenden Börsenkurse. Wer aber mit ihm eine lange Nacht im Zug verbringt, beginnt zu verstehen, warum in Indien die Uhren dieser Tage so anders gehen als in großen Teilen der krisengeschüttelten Welt . Was in unseren Augen rückständig wirkt – der langsame Zug, die servilen Gepäckträger, dem gewinnt Bansal mit seiner Gelassenheit einen eigenen Wert ab. Dieser Wert nährt sich aus dem Wissen, dass die Dinge in Indien am Ende doch funktionieren. Dem Land werden trotz der globalen Finanzkrise noch sieben bis acht Prozent Wachstum bis Ende 2012 vorausgesagt.

Dabei ist sich Bansal bewusst, dass Indien für ihn nur funktioniert, wenn er die Infrastrukturprobleme, Armut und Not mit ins Kalkül nimmt. Er nimmt die Langsamkeit des Zuges in Kauf. Er bezahlt Tagelöhner nach ihren Bedürfnissen – nämlich im Voraus. Dafür erhält er dann Annehmlichkeiten, die es anderswo gar nicht mehr gibt: ergebenes Personal, das ihm sogar die Handtasche mit dem Portemonnaie nachträgt, oder eine gemächliche Zugfahrt wie im Orient-Express alter Zeiten. Das alles tut dem Wachstum keinen Abbruch. Das zu erkennen ist schon wieder ein Stück Systembeherrschung.

Diese Art der Inder, den Widrigkeiten Vorteile abzugewinnen, gibt heute dem Land ein erstaunliches Selbstbewusstsein. Indien hat weder global operierende Banken noch große Exportfirmen. Aber sogar die kritischsten Analysten stört das nicht mehr. »In unserer erschütterten neuen Welt, in der der Westen langsam untergeht, leuchtet Indien wie eine Oase in der Wüste«, sagt Abhay Laijawala, der dynamische Forschungschef der Deutschen Bank in Mumbai, dem früheren Bombay, an einem Samstagmorgen um neun Uhr früh. Für Laijawala ist das eine normale Arbeitszeit. Freie Wochenenden kennt er nicht. Er hat auch nichts gegen Mumbais überfüllte Bahnstationen. »In Bombay sind Züge immer noch am schnellsten«, sagt Laijawala. Wie es in den Zügen aussieht – die Massen, der Schweiß, der Dreck –, darüber spricht er nicht. Stattdessen schwärmt er von »Indiens Binnenwirtschaftsmodell«. Wichtigstes Merkmal des Modells in Zeiten der globalen Krise: Eigenständigkeit. »Wir sind absolut zuversichtlich, was das Wachstum im indischen Hinterland betrifft. Dort ist es völlig egal, welche Bank in Europa gerade Bankrott geht«, sagt Laijawala. Exporte, so rechnet er Indiens Vorteil vor, machen nur 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus.

»Glücklicherweise« sei das so, sagt auch Gunit Chadha, der oberste Chef der Deutschen Bank in Indien. Glücklicherweise? So ändern sich die Zeiten. Mit dem Einbruch im Westen wird die Exportabhängigkeit der Schwellenländer plötzlich zur Last. Indien hat dieses Problem nicht.