Papst Benedikt XVI. während einer Messe im Petersdom

DIE ZEIT: Herr Richter, wenn Sie die Auftritte des Papstes betrachten – was fällt Ihnen dabei auf?

Klemens Richter: Dass die Auftritte viel stärker inszeniert sind als bei seinen Vorgängern. Es gibt eine Gesamtdramaturgie, in der eine hierarchisch gegliederte Kirche betont wird, die sich mit Elementen der ebenso hierarchischen Popkultur verbindet. Auf der Bühne stehen die Stars, der Papst und die Bischöfe. Darunter die jubelnde Menge.

DIE ZEIT: Das war früher doch auch so.

Richter: Die mediale Vermarktung des Papstes hat enorm zugenommen. Auch die liturgischen Zeichen sind andere. Bei Papst Benedikt reichen sie weit zurück ins 19. Jahrhundert. Denken Sie nur an die Ferula, den Papststab. Seine Vorgänger Paul VI. und Johannes Paul II. benutzten einen schlichten Stab, der oben ein Kreuz trägt. Benedikt aber benutzt die Ferula von Pius IX., der selig gesprochen wurde.

DIE ZEIT: Pius IX. war ein rabiater Anti-Demokrat und ein harter Kritiker der modernen Gesellschaft.

Richter: Zumindest wird damit nicht zufällig auf einen Papst verwiesen, unter dem die päpstliche Unfehlbarkeit dogmatisiert wurde.

DIE ZEIT:Der Papst trägt Prada, titelte die SZ einmal. Jedenfalls trägt er im Winter eine Hermelinmütze.

Richter: Ja, den roten Camauro aus dem 17. Jahrhundert. Er trägt auch rote Schuhe. Und an den liturgischen Gewändern in Rom finden Sie verstärkt einen Spitzenbesatz, der zurückgeht bis ins Barockzeitalter. Merkwürdig ist auch die Erfindung von Traditionen. Der jetzige Chef der Rota Romana, Kardinal Burke, hat ein neues Kardinalshütchen, einen Galero, kreiert. Das wurde historisch nie getragen, sondern ist nur im Wappen der römischen Titelkirchen der Kardinäle sichtbar. Man knüpft also an eine Tradition an, die es nie gab. Seit dem 18. Jahrhundert war übrigens die Schneiderei Gamarelli für die Papstkleidung zuständig, inzwischen hat der Papst zu einer Firma mit einem etwas sportiveren Stil gewechselt. Aber das kann man ja auch positiv sehen.

DIE ZEIT: Ist bei Benedikt auch das Private inszeniert?

Richter: Muss flottere Kleidung unbedingt Inszenierung sein? Als Ratzinger noch nicht Papst war, trat er in der Öffentlichkeit sehr zurückhaltend auf – er trug nur dezente schwarze Kleidung. Auch die Liturgie nach dem Tod von Johannes Paul II. war äußerst zurückhaltend und hat mich tief beeindruckt. Ich vermute, dass die Inszenierung seines Auftretens in der Öffentlichkeit weniger von ihm ausgeht als von seinem Umfeld, so von seinem Zeremoniar Marini, der beim jetzigen Deutschlandbesuch jede Einzelheit exakt vorgibt.

DIE ZEIT: Der Vatikan ist ein modernes Unternehmen und kennt die Gesetze des Marketings. Rom soll zur Marke werden.

Richter: Der Vatikan war immer unverwechselbar in seinen Riten und Formen. Das gilt auch für den Farbkanon der liturgischen Gewänder. In der evangelischen Kirche ersetzen zunehmend farbige Gewänder den schwarzen Talar. Dagegen ist nichts einzuwenden, solange es nicht um Prunk geht.

DIE ZEIT: Welche liturgischen Veränderungen beobachten Sie noch?

Richter: Beim Weltjugendtag in Madrid stand die Anbetung stark im Vordergrund. Der Papst macht sie wieder zum zentralen Moment der Liturgie, während das Zweite Vatikanische Konzil den Dialog zwischen Gott und Mensch betonte. Außerhalb des Gottesdienstes fällt mir auf, dass es seit 2010 ein neues Papstwappen gibt. Darin taucht die alte Papstkrone, die Tiara, wieder auf.

DIE ZEIT: Wofür steht die Tiara?

Richter: Die Tiara ist aus der phrygischen Mütze der römischen Kaiser entstanden. Sie ist ein monarchisches Hoheitszeichen für die absolute Machtfülle der Kirche und die Überhöhung des Papstes. Zuletzt hat sie Paul VI. bei der Krönung verwendet, doch er legte sie während des Zweiten Vatikanischen Konzils ab – als Zeichen einer neuen Demutshaltung der Kirche. Seitdem gibt es die Papstkrone nicht mehr. In den Wappen von Johannes Paul II. und Paul VI. wurde sie nur mit drei goldenen Querstreifen in der Mitra angedeutet, wie eine letzte Erinnerung an die Geschichte. Benedikts Wappen enthält wieder die Tiara. Hier wird erkennbar, dass er die Machtfülle des Papstamtes neu bewertet. Theologisch gesehen, ist das ein Schritt zurück.