Hatte Mubarak doch recht mit seiner Warnung vor dem Chaos nach ihm? Oder ist der Westen mit den Tyrannen einen Teufelspakt eingegangen? Wir kriegen Ruhe, Öl und Berechenbarkeit; im Gegenzug kriegen die Diktatoren unsere Rüstungsgüter, garniert mit beflissenem Schweigen – sogar jene Reverenz, die sich in der pompösen Gastfreundschaft für Gadhafi in Rom und Paris niederschlug.

Ja, es war ein Teufelspakt; die Rechnungen werden seit Jahresbeginn von der "Arabellion" in Tunis und Tripolis, in Kairo und Damaskus präsentiert – wie schon vor dreißig Jahren in Teheran, als unser guter Freund, der Schah, von den Chomeinisten vertrieben wurde. Doch diese Revolution ließ schon ahnen, dass auf Despotismus nicht unbedingt Demokratie folgt. Stattdessen ergriff die Macht eine klerikale Gewaltherrschaft, die das Volk effizienter unterdrückt, als es Reza Pahlevi je konnte. Noch schlimmer: Iran, einst ein strategischer Pfeiler des Westens, ist zur größten Bedrohung der Stabilität in Mittelost herangewachsen – Nettogewinn negativ.

Wer im Westen hat nicht mit den Demonstranten auf dem Tahrir-Platz gebangt, wer nicht applaudiert, als Mubarak fiel? Stefan Zweig hätte in diesen heroischen Wochen seinen Sternstunden der Menschheit ein 15. Kapitel hinzugefügt: Die arabische Morgenröte. Doch die verdunkelt sich, wie der Sturm auf die israelische Botschaft in Kairo zeigt. Ein hässliches Paradox. Begonnen hatte es mit einer Routine-Demonstration gegen das Militär auf dem Tahrir-Platz; dann zog eine mit Brecheisen bewaffnete Meute los, um die Botschaftsmauer niederzureißen; die Sicherheitskräfte ließen sie stundenlang gewähren. Der Mob habe "Dampf ablassen" wollen, hieß es, doch das Muster ist vertraut: Wer sich gegen den Stärkeren – das Militärregime – nicht traut, schlägt auf den Schwächeren ein. Kommentar des Bloggers Wael Ghonim, eines Taktgebers der Revolution: "Was wir heute sehen, ist das Gegenteil von meinem Traum."

Welche Theorie steht denn hinter dem Traum? Wir können sie nachlesen bei Kant und Tocqueville, bei den Liberalen des 18. und 19. Jahrhunderts. Ganz knapp verhieß sie: "Demokratien sind friedfertig." Weil, so Kant, das gemeine Volk nie einem Krieg zustimmen würde, dessen Blutzoll es selber, nicht König oder Fürst, entrichten müsste. Weil, so Tocqueville, die "kriegerischen Leidenschaften" schrumpfen, wenn die "Gleichheit der Lebensbedingungen" wächst. Beide: Mitsprache schafft Frieden.

Tatsächlich haben Demokratien nie Krieg gegeneinander geführt, es sei denn, man bezeichnet England und Amerika anno 1814 als Demokratien; damals haben die britischen Invasoren Washington niedergebrannt. Krieg haben die Demokratien nur gegen Autoritäre und Totalitäre ausgefochten. Das ist geradezu ein historisches Gesetz, welches allerdings nicht ausschließt, dass Demokratien im Namen der Demokratie in den Krieg gezogen sind: Amerika unter Wilson 1917 und Bush 2003, der Westen als solcher in Libyen 2011.

Wahlen bedeuten noch lange keine liberale Demokratie

Hinter diesem Gesetz lauert aber noch ein anderes: Am gefährlichsten werden Regime im Übergang zwischen Despotie und Demokratie. Denken wir an Deutschland: demokratisch 1918, totalitär 1933, Weltkrieg ab 1939. Oder an Russland: erst Kerenski, dann Lenin, dann Krieg gegen Polen, dann Stalins Verschwörung mit Hitler gegen den Westen. Oder an die befreiten Völker Osteuropas nach 1918. Kaum als Demokratien wiedergeboren, zettelten sie Grenzkonflikte an, begannen sie ihre Minderheiten zu verfolgen; bald setzten sich im Inneren die Marschälle und Faschisten durch. Dito in Italien. Keiner von ihnen hatte Kants Ewigen Frieden im Sinn.

Warum das so ist? Was durch die Diktatoren mit Gewalt zusammengehalten wird, zerfällt im Übergang im Klassen-, Rassen- und Regionalkonflikt. Was dann kommt, hat Shakespeare in Heinrich IV. beschrieben, der seinem Nachfolger rät: "Beschäft’ge stets die schwindlichten Gemüter / Mit fremdem Zwist..." Diese Logik darf man auch dem ägyptischen Militärregime unterstellen, das den Mob stundenlang gegen die israelische Botschaft toben ließ, bevor es eingriff.