Berliner PhilharmonikerSchon 17.343 "Followers"

Seit einem Jahr ist Martin Hoffmann Intendant der Berliner Philharmoniker. Wie kaum ein anderer wirbt er um das junge Publikum – die Kunst überlässt er dem Orchester. von Christine Lemke-Matwey

Der Wildwechsel rund um die Berliner Philharmonie ist eine Attraktion – besonders im Herbst, wenn für Fuchs und Hase im nahen Tiergarten keine Grillabfälle mehr zu holen sind und der Müll an Saft und Kraft verliert. Füchse werden hier, inmitten der Stadt, tatsächlich regelmäßig gesichtet, Kaninchen, Waschbären, Wildkatzen (könnte man diesen Haus-Zoo nicht in das philharmonische Education-Programm integrieren?). Nur die Wildschweine fehlen, und die Marder zieht es traditionell auf die andere Seite, zum Parkplatz unter dem Intendantenbüro. Der verspricht einfach mehr schmackhafte Schläuche, Gummidichtungen und Zündkabel.

Seit einem Jahr residiert Martin Hoffmann in diesem Büro, und der Parkplatz ist ihm ein Gräuel. Drinnen so viel kühles, klares Design – und draußen eine Sechziger-Jahre-Tristesse, als kämen gleich Karajan und Wolfgang Stresemann persönlich um die Ecke, zum Unkrautjäten. Ein Erweiterungsbau der aus allen Nähten platzenden Philharmonie soll in Planung sein, ein neues Foyer, das den Scharoun-Bau endlich zum Potsdamer Platz hin öffnet. Bislang dreht Berlins prominentester Konzertsaal der Stadt ja das Hinterteil zu, ein Relikt aus Mauer-Zeiten. Sprechen möchte Hoffmann über diese Pläne nicht, aber die Absurdität des Status quo plagt ihn schon. Eine Telefonzelle ohne Telefon, die nicht beseitigt werden darf, ein Fernseher, an dem die Strippen baumeln, damit man nur ja nicht auf die Idee kommt, er sei Hans Scharouns Idee gewesen – tief bohren sich die Daumenschrauben des Denkmalschutzes hier ins Fleisch der Zukunft.

Anzeige

Hoffmann ist 52 und sieht aus, als liefe er Marathon oder betriebe Höhenbergsteigen: fast mager, immer ein bisschen durch den Wind. Das gibt ihm, bei allem Quecksilberfunkeln in den Augen, etwas Sphinxhaftes und leicht Absentes. Visionen kenne er keine, sagt er, »ich habe versucht, das Orchester zu verstehen, ich habe viel zugehört«. Seine erste Amtshandlung? Gespräche mit den »philharmonischen Engeln«, den ehrenamtlichen Helfern im Eingangsbereich, um die Nöte und Sorgen des Publikums kennenzulernen. Und einen Fotoband hat er in Auftrag gegeben, Jim Rakete porträtiert die Berliner Philharmoniker, jeden einzeln: »Ich wollte die Musiker mehr ins Schaufenster stellen. Ich wollte unseren Respekt ausdrücken vor denjenigen, die es sind.« Solche Projekte stoßen bei den philharmonischen Mimosen selten auf spontane Begeisterung. »Darüber habe ich nicht so wahnsinnig lange diskutiert.«

Wenn Hoffmann über das Orchester spricht, zieht er gern Vergleiche zu anderen Topmarken, dem FC Bayern etwa (was ihm schwer verübelt wurde) – oder dem Computergiganten Apple: »Wenn wir auf Apple schauen, dann waren es Hardware-Entwicklungen, die zu inhaltlichen Explosionen geführt haben.« Heißt das nun, dass die Zukunft per se am Tropf der Technik hängt? Dass klassische Musik jede kommunikative Plattform nutzen muss, um sich zu »verbreiten« und zu überleben? Oder dass er, der studierte Jurist und gelernte Medienmanager, lieber auf Facebook und Twitter setzt als auf Abonnements und Einführungsveranstaltungen? Bei Facebook und Twitter haben die Berliner Philharmoniker die Nase derzeit ganz weit vorn, 234.042 Personen »gefällt das« , 17.343 Followers gibt es, Tendenz steigend. Da kann die Konkurrenz einpacken. Und während die unter 50-Jährigen, um die man sich so verzweifelt bemüht, mal hierhin zappen und mal dahin, kriegt es der Musikliebhaber alten Schlags langsam mit der Angst: Sind das noch seine Philharmoniker?

Leserkommentare
    • 3cpo
    • 25. September 2011 13:55 Uhr

    dass Hoffmann diesen Weg geht. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an das Philadephia Orchestra, das zahlungsunfähig ist. Nicht nur, dass so Kultur gesichert, sondern auch, dass auf diese Art und Weise Kultur verbreitet wird. Hoffmann ist ein moderner Mensch, der mit Hilfe moderner Medien ein wertvolles Gut sichert und wahrt. Auch wenn es viele Menschen gibt, die Hoffmanns Mechanik als Kommerzialisierung kritisieren, muss auch die Klassik in einer modernen Gesellschaft neue Wege gehen, um neues Publikum zu erreichen. Für mich wäre es ein schrecklicher Gedanke irgendwann lesen zu müssen, dass man über die Existenz der BP diskutiert.

    Lang lebe die Klassik!

    cu

    2 Leserempfehlungen
    • FranL.
    • 25. September 2011 19:23 Uhr

    Man kann zu Facebook und Twitter stehen wie man will (ich bin aus gutem Grund nicht Mitglied eines sogenannten sozialen Netzwerks) aber wenn es der Sache dient, warum sollen die Berliner Philharmoniker die Möglichkeiten des Internets nicht nutzen? Der Erfolg dieses Orchesters beruht letztendlich auch darauf, daß Karajan oft seiner Zeit voraus war und die jeweils neuesten Techniken nutzte. Er wurde viel gescholten aber der Erfolg gab ihm recht.

  1. "Man wird sich daran gewöhnen müssen, dass sich ein Luxuslabel wie die Berliner Philharmoniker nicht mehr von selbst verkauft – und dass professionelle Vermarktung keineswegs die Verblödung des kulturellen Abendlandes zur Folge haben muss."

    Welch virtueller Sinneswandel, sehr geehrte Frau Lemke-Matwey! Hatten Sie doch im Berliner Tagesspiegel am 17.06.2011 noch just den virtuosen Untergang des philharmonischen Abendkonzertes in düsteren Farben an den Sphärenhimmel von Twitter und co. gezeichnet ....

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Apple | FC Bayern München | Gustav Mahler | Facebook | Orchester | Twitter
  • Die Sopranistin Simone Kermes

    Zurück zu Mozart!

    Simone Kermes gilt als die Ulknudel der Barockoper. Jetzt soll Schluss sein mit Zirkus und Lärm. Eine Begegnung mit der deutschen Sopranistin in Wien

    • Das Echo trauriger Regentropfen

      In New York spielt die Band The xx exklusive Konzerte vor 45 Gästen. Ein neues Geschäftsmodell? Eher eine Kunstinstallation auf der Suche nach Intimität im Pop.    

      • Alaa Wardi singt Khaleds Hit "Aicha" auf YouTube.

        Pop ist, wenn man trotzdem singt

        Was tun junge Musiker, die in Saudi-Arabien nicht öffentlich auftreten dürfen? Mit Glück und Talent werden sie zu weltweiten YouTube-Stars, wie der großartige Alaa Wardi.  

        • Markus Pauli (DJ), Lukas Nimschek (Sänger) und Florian Sump (Schlagzeug) sind Deine Freunde.

          Kinder können mehr vertragen

          Dutzi, Dutzi, heile Segen – welches Kind will sowas noch hören? Die Hamburger Band Deine Freunde macht echten Hip-Hop und fordert ihre wachsende Fangemeinde.  

          Service