Isabelle Huppert im Oktober diesen Jahres

DIE ZEIT: Ein mittlerweile legendäres Buch namens La femme aux portraits zeigt Fotos, die berühmte Fotografen von Ihnen, Madame Huppert, angefertigt haben. Auf der letzten Seite sehen wir eine leere Kinoleinwand, und davor sitzt, nur von hinten zu sehen, ein einzelner Mensch.

Isabelle Huppert: Ja, das hat Hiroshi Sugimoto fotografiert. Er hat sich viel mit leeren Kinosälen beschäftigt, nur diesmal hat er den Saal mit einem ganz kleinen Körper bevölkert, und das ist meiner.

ZEIT: Man sagt Ihnen eine Leidenschaft für die Fotografie nach.

Huppert: Die habe ich nicht. Eher eine Leidenschaft für mich selbst ... ich lasse mich gern fotografieren.

ZEIT: Auf die leere Leinwand kann der Betrachter projizieren, was er will. Genauso wie auf Ihr Gesicht, das die Filmkameras gerne in Großaufnahme zeigen.

Huppert: Jeder Zuschauer erzeugt seine eigene Fiktion. Er stellt eine Verbindung zwischen dem Körper des Schauspielers und seiner eigenen Vorstellungswelt her. Und zugleich erzeugt der Schauspieler eine Fiktion mithilfe der Rolle, die er verkörpert.

ZEIT: Das Kino zeigt nicht nur fiktive, sondern auch wirkliche körperliche Verrichtungen, etwa wenn die Schauspieler essen. Was sie in den Filmen, die Claude Chabrol mit Ihnen gedreht hat, ziemlich oft tun.

Huppert: Eine komplizierte Sache. Die Mahlzeit als soziale Versammlung, das ist ja nun schon weitgehend im Kino dargestellt worden, aber der Umgang mit der Nahrung selbst, das ist etwas anderes. Den hat das Kino bisher nicht richtig gut gezeigt. Für mich sind es zwei sehr verschiedene Dinge, sich zum Essen zu treffen und selbst zu essen. Mir zum Beispiel fällt es eher schwer, mit anderen zu essen, ich esse sehr gerne allein. Mit anderen zusammen, da müssen Sie reden und essen...

ZEIT: ...mit demselben Organ, mit dem Sie außerdem noch atmen...

Huppert: ...eben, und das ist besonders im Film schwierig.

ZEIT: In Ihrem neuen Film I’m not a f***ing princess geht es ebenfalls um den Körper und die Projektionen. Es wird deutlich, dass der Körper eine Doppelexistenz führt: Man hat einen Körper, und man ist ein Körper. Auch wenn man ihn hergibt, bleibt man doch darin.

Huppert: Wie die Schauspieler; sie geben ihre Körper her, aber halten an ihnen fest.