Joseph Haydn ist im Irak angekommen. Etwas behäbig schlurft er durch den Saal, zieht ein Bein nach und zeigt den Besuchern seine schiefen Zähne: »Welcome, welcome!« Das ist das Bild vom alten Meister aus Wien, das die Musiker an ihrem ersten Probentag vermitteln. Der Dirigent mag das nicht. »Nein, nein, nein! Zu gewichtig.« Er sinkt in die Knie, um sie gleich darauf wie ein Tänzer vor dem Sprung wieder durchzudrücken. »Denkt nach oben. Nach oben!« Als die Musiker nacheinander absetzen, hört man immer deutlicher den Muezzin durchs geschlossene Fenster des Konferenzsaals zum Nachmittagsgebet rufen: »Allahu akbar, allahu akbar.« Der Dirigent hebt die Arme, und Haydn hinkt leichtfüßiger über den plüschigen Teppich.

Flankiert von zwei jungen Männern mit Zahnspange, die akzentfrei englisch sprechen – einer für die kurdischen Musiker, der andere fürs Arabische –, bereitet Paul MacAlindin das National Youth Orchestra of Iraq auf seinen größten Auftritt vor – ein Konzert beim Beethovenfest in Bonn. Die jungen Musiker proben in einem der vielen neuen Hotels im nordirakischen Erbil, in deren Eingangshallen Kunstblumen prangen, auf Flachbildschirmen glutäugige Sänger pathetische Melodien singen und unübersichtlich viele junge Männer herumsitzen, allezeit bereit, einen Plastikbecher Wasser anzubieten. Für die meisten der 43 jungen Musiker ist diese Konzertreise nach Deutschland die erste Reise ins Ausland überhaupt. Dabei ist es für viele schon ein weiter Weg, nach Erbil zu kommen.

Google Maps kann nicht angeben, wie lange eine Autofahrt von Bagdad im Süden des Landes bis nach Erbil dauert. Das Programm kennt die Strecke nicht. Tuqa Saad Awai sagt, sie habe sechs Stunden im Taxi gebraucht. Die Straße ist durchlöchert, immer wieder wurde sie gestoppt und musste an einem Checkpoint ihre Papiere vorzeigen, den Ausweis und ein Begleitschreiben der Regierung für das Cello, damit sie nicht bei jeder Kontrolle den Instrumentenkoffer öffnen muss, denn Sonne und Sandstaub strapazieren das empfindliche Holz. Aus dem Fenster im Wagen hat Tuqa nur Wüste gesehen. Und bewaffnete Männer. Tuqa ist 17 Jahre alt und die einzige junge Frau im Orchester, die ein Kopftuch trägt. »Es schickt sich nicht, dass ich Cello spiele«, erzählt sie auf Arabisch in einer kurzen Probenpause. »Aber ich mache es trotzdem.« Sie mag Beethoven, sie mag Haydn, die Musik öffne ihr Herz, sagt sie. Ihr schüchternes Stimmchen entlässt nur knappe Sätze.

Auf den Fensterscheiben des Konferenzraums hat sich millimeterdick Sandstaub abgesetzt, den teure Karossen und klapprige Taxis in der Hitze aufwirbeln, die Anfang September über der nordirakischen Provinz Kurdistan liegt. Am Horizont kann man die Umrisse des Gebirges erahnen, davor breitet sich Erbil aus. Auf der trockenen Ebene zwischen dem neuen Flughafen und der Stadt ziehen Kräne zwischen Öltanks Häuser, Wohnblocks und Einkaufszentren hoch. Die Regierung lässt in einer Geschwindigkeit bauen, als fürchte sie, die Zeit dafür könne bald wieder vorbei sein. Dabei will jeder nach Erbil: Kurden, die aus dem Exil zurückkehren, Iraker, die im südlichen Teil des Landes die Unsicherheit nicht mehr aushalten; sogar Firmen aus dem Ausland zeigen Interesse. Erbil gilt als die sicherste Stadt im Irak.

Deshalb trifft sich hier das National Youth Orchestra für seine intensive, aber auch einzige Probenphase im Jahr. In Bagdad, der wunden Metropole, wäre es noch immer zu gefährlich. Die Oboistin Duaa Majid Azawi übt nur bei geschlossenen Fenstern, weil die Nachbarn schon zweimal nach dieser seltsamen Stimme fragten, die aus ihrem Elternhaus drang. Wenn sie auf die Straße geht, versteckt sie ihre Oboe in einem Rucksack. Es wurde schon auf Musiker geschossen, wenn sie sich mit ihrem Instrumentenkoffer zeigten. Für manche in Bagdad ist die Melodie des Muezzins auf dem Minarett Musik genug.

Für Duaa ist das Orchester nicht nur ein Ort, um Musik zu machen. »Es ist der einzige Ort, an dem ich mich wirklich frei bewegen kann.« Duaa ist eine quirlige junge Frau, deren schwarzes Haar offen über die Schultern fällt und deren englische Sätze fröhlich aus ihr heraussprudeln. Sie lernt die Sprache in der Schule in Bagdad und durch amerikanische Fernsehserien. Mit ihren 18 Jahren ist sie das zweitjüngste Mitglied des National Symphony Orchestra in Bagdad, dem einzigen Symphonieorchester im Irak. Trotzdem fährt sie schon zum dritten Mal nach Kurdistan. Ein Freund sagt über sie, Duaa sei die beste Oboistin im ganzen Land. Es gibt auch nur zwei.

Zuhal Sultan hat das Jugendorchester 2009 gegründet, eine in England lebende Pianistin aus Bagdad, die Kurden und Araber zusammenbringen will nach dem Vorbild von Daniel Barenboims West-Eastern-Divan Orchestra, in dem Palästinenser und Israelis zusammen auftreten. Das irakische Jugendorchester will nicht nur Friedensarbeit leisten. Es ist der stolze Versuch, ein Stück Kultur in einem zerstörten Land wieder aufzubauen. Sie erholt sich nur langsam nach den Kriegen, im kurdischen Gebiet schneller als im Süden. Aber wenn man die Musiker aus Bagdad nach der Situation in ihrer Stadt fragt, recken sie das Kinn.