Wie bitte? Schon wieder die "Postmoderne", schon wieder das Gerümpel von gestern? War sie nicht längst auf dem Trödel gelandet, bei den Antiquitätenhändlern des Zeitgeistes?

Nein, das Gespenst von gestern ist auf die Bühne zurückgekehrt, zumindest in London. Postmodernism – Style and Subversion 1970–1990 heißt die Ausstellung, mit der das Victoria and Albert Museum an jene aufwühlende Zeit erinnern will, in der in den westlichen Kulturmilieus der "Tod der Moderne" ausgerufen und ein neues Zeitalter verkündet wurde – eine neue Ära der Kunst, des Denkens und des Lebens. Fast über Nacht war der Zeitgeist "postmodern" geworden; nicht nur in den Künsten, sondern auch in den Geisteswissenschaften und Feuilletons, überall. V&A zeigt noch einmal das ganze Pandämonium der Postmoderne – zum Beispiel das maternity dress für Grace Jones, die (Möbel-)Stücke von Ettore Sottsass, Martine Bedins "Super Lamp", die Exaltationen von Jeff Koons und bündelweise Zeichnungen und Baupläne, unter anderen von Philip Johnsons AT&T-Wolkenkratzer, gegen den die New Yorker Bürger damals Sturm gelaufen waren.

Aus der Ausstellung: "Wet: The Magazine of Gourmet Bathing no. 20, the 'Religion' issue, September/November 1979"

Johnsons Hochhaus, und darum ist es exemplarisch, verkörpert jene Idee der Postmoderne, die in der Gegenwart mächtiger fortlebt, als es manchem lieb sein mag. Von oben bis unten mit historischen Zitaten gespickt, trägt es auf dem Dach eine Art Chippendale-Kommode mit einem großen sinnlosen Loch in der Mitte. "Attrappenkunst", schimpften die Kritiker, aber es half nichts. Die Telefongesellschaft ließ das Hochhaus bauen, und heute zählt es – wie James Stirlings Stuttgarter Staatsgalerie oder Ricardo Bofills Les Espaces d’Abraxas – zu den Inkunabeln der Postmoderne, zu ihrem steinernen Glaubensbekenntnis.

Tatsächlich setzte Philip Johnson ("Form follows fiction") nur in die Tat um, was sein Kollege Charles Jencks zuvor in einem Manifest propagiert hatte. Für Jencks, der sich vor allem auf einen im Playboy erschienenen Aufsatz des Literaturwissenschaftlers Leslie A. Fiedler berief, war die alte Architekturmoderne mausetot. Ihre Fantasie sei imaginativ entleert; die Herzen und Wünsche der Menschen erreiche sie nicht mehr: "Der Fehler der modernen Architektur war, dass sie sich an eine Elite richtete. Die Postmoderne versucht, diesen Anspruch zu überwinden durch Erweiterung der architektonischen Sprache in verschiedene Richtungen – zum Bodenständigen, zur Überlieferung, zum kommerziellen Jargon."

Der Kampf gegen den "Einheitsterror der westlichen Vernunft"

Die Architektur war nicht das einzige Exerzierfeld der postmodernen Idee. Der Romanautor Thomas Pynchon wurde zum Musterschüler der literarischen Postmoderne und Madonna zum Material Girl ; am Theater machte der Regisseur Robert Wilson Furore, und in Europa begann eine Schar "Junger Wilder" wieder figürlich zu malen. Sie scherten sich einen Teufel um das Dogma, die moderne Malerei dürfe sich nur auf dem ästhetischen Königsweg vorwärts bewegen, auf der Einbahnstraße der Abstraktion.