Blut auf dem Teppich und ein Meer von Scherben. Die ersten Zeilen klingen wie die Begehung eines Tatorts. Ein Paar streitet sich in der Tiefe der Nacht. Noch ist nichts Schlimmeres geschehen. "Das ist nicht mein Blut", singt die Frau. "Das ist nicht das Glas, das ich geworfen habe." Dazu läuft ein Piano-Riff unruhig durch die unteren Oktaven, darüber hysterisch umherirrende Streicher. Mann und Frau, sie kämpfen, jeder in seiner Tonlage, aber nicht im gleichen Rhythmus. Willkommen auf dem Schlachtfeld einer erlöschenden Liebe.

Von der Szene, die sie in Shattering Sea beschreibt, ist Tori Amos derzeit weit entfernt. Ihre türkisfarbenen High Heels mit dem Budapester-Lochmuster leuchten beinah so unternehmungslustig wie ihre grünblauen Augen. Ihr langes, glattes rotes Haar scheint an diesem Londoner Juli-Nachmittag einen kleinen Wettbewerb mit der Sonne auszutragen. Ein Lächeln gibt den Blick frei auf unamerikanisch ungebleichte, katzenhaft spitze Eckzähne. "Doch ja... ich bin noch verheiratet mit meinem Mann", sagt sie. "Aber natürlich muss man solche Szenen kennen, um sie zu gestalten."

Tori Amos, Jahrgang 1963, hat das Wechselspiel der Identitäten zu einem Teil ihres Werks gemacht. So ziemlich alles zwischen Domina und College-Girl hat sie durchprobiert in ihren an Cindy Sherman erinnernden Inszenierungen. Amos’ American Doll Posse oder Strange Little Girls waren Forschungsreisen zu divergierenden Teilen ihrer Persönlichkeit. Sogar ein Ferkel säugte sie an ihrer Brust.

Dass die Tochter eines Methodistenpfarrers aus North Carolina zur Spezialistin für aufgewühlte und widerstrebende Gefühlslagen wurde, liegt nicht nur an ihrer Herkunft aus dem Bible Belt. Schon mit fünf Jahren wird das pianistische Wunderkind am Peabody-Konservatorium in Baltimore aufgenommen, jedoch will es alsbald Musik nicht mehr lesen, sondern fühlen, und verlässt das Institut, um sich, zunächst unter Aufsicht des Vaters, 14 Jahre lang als Bar-Pianistin durchzuschlagen. Als sie endlich einen Plattenvertrag ergattert, will die Firma ein Rock-Chick aus ihr machen. Wiederum ergreift sie die Flucht. Ihren Durchbruch erlebt Tori Amos 1992 mit dem A-cappella-Stück Me And A Gun. Sie schildert darin eine reale Begebenheit: ihre eigene Vergewaltigung. Die beinah tonlos vorgetragenen Zeilen, geschrieben in der U-Bahn, machten sie zum Leitstern der Singer-Songwriter-Zunft, nicht in der Nische, sondern mit zig Millionen Verkäufen und später auch mit Techno-Remixen.

Gerade hat Amos’ Manager auf seinem Laptop Fotos gezeigt, die in der engeren Auswahl für das Booklet sind, entstanden auf Amos’ Anwesen in Irland. Amos im langen Abendkleid auf der Treppe oder mit weißem Umhang und geblümter Schärpe vor bleigrauem Himmel. Es ist das Haus in Irland, in dem sie lange lebte. Das sie kaufte, weil sie sich dort ihrem Vorfahren John Craigh verbunden fühlte, der im 18. Jahrhundert in die USA ausgewandert war. In diesem Haus entstand Boys for Pele, Pele, die hawaiianische Vulkangöttin. Sie ist eine von vielen mythischen Gestalten, die Amos’ Welt bevölkern. Aus der großmütterlichen Linie kommen die Geister der Cherokee hinzu.

Aber die Geister sind jetzt mal nicht da. Tori Amos wirkt aufgeregt, wie jeder Künstler, der ein Wagnis eingegangen ist. Diesmal ein musikalisches: ein Klassik-Album, das keines ist. Neue Kompositionen, basierend auf Vorlagen von Bach, Scarlatti, Schumann, Schubert, Chopin, Mussorgsky, Debussy. Mittelmäßig repertoirefeste Hörer werden Erik Saties Gnossienne No. 1 erkennen, deren Thema Amos zunächst mit gedämpften Saiten anspielt, um es dann in die Gesangsmelodie zu übernehmen. Spiritistisch beschreibt sie den Entstehungsprozess: "Die Geister der Meister müssen es wollen. Manche kamen zu Besuch, und ich wusste nicht, was ich tun sollte, Händel und Mozart schauten vorbei, aber ich fand keinen Weg." Sie nennt das Unternehmen "gefährlich". "Don’t mess with the masters!"

Eine einzige Identität ist ihr zu wenig

Worum geht es? Die Deutsche Grammophon, seit Langem strategisch bemüht, die ehernen Grenzen zwischen E und U aufzuweichen, bat Amos, die alten Vorlagen in die Gegenwart zu holen. So wie es vor ihr schon DJs taten, Elektromusikanten oder Rockstars. Amos ging in ihr Studio, genauer gesagt, in das ihres Mannes und Toningenieurs Marc Hawley in der ländlichen Abgeschiedenheit von Cornwall. Hinzu kam ein Kammerorchester. Und Amos’ Idee eines Liederzyklus über Liebe in den Zeiten ihres Vergehens; erzählt mit wechselnden Identitäten. Ein Naturgeist tritt hinzu. Indianische Geister. Altirische Mythen. Gender-Fragen. Es geht also um so ziemlich alles. Und es geht manchmal nur knapp vorbei an Baumhoroskopen und Esoterik-Talmi.


Tori Amos, die Suchende. Die zwei Flügel zugleich spielt. Oder wie sie sagt: "zwei Bösendorfer". Ihre Musik entsteht überall auf der Welt, in Flugzeugen, Hotelzimmern, Flughafen-Lounges. Sie führt eine "bikontinentale Beziehung". Natascha, ihre zehnjährige Tochter, war schon auf sechs Welttourneen dabei. Wo ist ihr ruhender Pol? Vielleicht bei Natascha, die als Annabelle durch das neue Album Night of Hunters geistert. Oder in ihrem Haus in Florida. "In England bin ich nur zu Gast", sagt sie. In Florida, inmitten menschenleerer Landschaft, entschied sie, "keine Strandhütte zu bauen, sondern eine Kathedrale". Andere driften ins App-Universum, ins multimediale Nirwana. Warum also nicht mal wieder in den guten alten vorchristlichen Ritualen schürfen. Amos erwähnt den britischen Autor Robert Graves und sein Buch The White Goddess, das nach Inspiration in den heidnischen Kulten, besonders der Kelten grub. Müsste sie sich für eine einzige Identität entscheiden, dann für Graves’ Bild einer "dreigesichtigen Göttin von Geburt, Liebe und Tod" – "Dann wären es wenigstens noch drei."

Wer oder was hat die beiden Liebenden in Night of Hunters entzweit? "Dass sie sich von ihrem Selbst entfernt haben, von ihren ureignen Kräften. Sie hat ihre Welt verlassen, sich von ihren Freunden abgewandt. Sie hat angefangen, ihn zu bevormunden, zu nörgeln. Sie haben anderen erlaubt, sich zwischen sie zu stellen." Jede Beziehung schafft ihre eigene Wahrheit. Kein Außenstehender kann wirklich erfassen, was sich zwischen zwei Menschen abspielt.

Die wechselnden Rollen, sagt Amos, "sind der weibliche Weg, mit solchen Dingen umzugehen. Wir teilen nur bestimmte Dinge mit bestimmten Menschen. Wir gehen in der einen Rolle ins Büro, in der anderen treffen wir unseren Liebhaber. Noch eine andere haben wir für den Ehemann. Diese Technik haben wir über Jahrtausende entwickelt." Ihr Mann Marc, erzählt sie, hat andere Geister. Die türkisfarbenen High Heels wippen auf und ab, als sie das erzählt. Marc hat immer John Cleese dabei, als Stimme auf seinem Navigationssystem. Natürlich fragt er nie jemanden nach dem Weg.