Antisemitismus-GeschichteMit Gott gegen die Juden

Hassprediger in der Soutane: Wie der Wiener Kaplan und Doktor der Theologie, Sebastian Brunner, zum Vorkämpfer des mörderischen Antisemitismus wurde. von 

Juden Antisemitismus Geschichte

Darstellung aus der Zeit um 1600: Jugendliche werfen Steine nach Juden  |  © Hulton Archive/Getty Images

Missernten, Hungersnöte, Bauernaufstände in allen Provinzen des Reiches. Aber noch hält der Kutscher Europas, Österreichs Staatskanzler Klemens Wenzel Fürst Metternich, die Zügel fest in der Hand. Die Unruhen werden blutig unterdrückt, überall stöbern die Spitzel des Fürsten vermeintliche Aufrührer in ihren Schlupflöchern auf. Das strenge Regime der Zensur unterbindet jede Unmutsäußerung.

Doch Anfang März 1848 – in Frankreich ist der König gestürzt, in ganz Europa brodelt es – wird auch die kaiserliche Residenzstadt Wien aus der biedermeierlichen Geborgenheit gerissen. Nach einem Hungerwinter bangt die große Masse der arbeitslosen Textilarbeiter, die auf der Suche nach Lohn und Brot aus Böhmen und Mähren in die Hauptstadt des Habsburger-Reiches gezogen waren, um ihre Existenz. Die ausgemergelten Gestalten randalieren in den Vororten, der Lärm des Aufruhrs dringt bis zu den Adelspalais und Bürgerhäusern hinter den Befestigungsmauern.

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Am Morgen des 13. März 1848 herrscht große Aufregung in den Gassen . Unweit der Hofburg läuft eine bunte Menge zusammen, Studenten, Handwerker, Ladenbesitzer. Der junge jüdische Sekundararzt Adolf Fischhof klettert auf ein Podest und fordert in einer flammenden Rede Pressefreiheit und nationale Gleichberechtigung in dem Vielvölkerstaat. Der Funke springt über, die erregten Bürger beschließen, unverzüglich mit einer Petition direkt zum Kaiser zu marschieren. In dieser ungewohnten Situation verliert der Kommandant des Wiener Garnisonsregiments die Nerven und gibt seinen Soldaten den Feuerbefehl. Die ersten Toten der Revolution stürzen auf das Pflaster.

Unter den gefallenen Helden, die vier Tage später in einem Gemeinschaftsgrab auf dem Schmelzer Friedhof beigesetzt werden, befinden sich zwei Juden: der Webergeselle Bernhard Herrschmann und der Technikstudent Karl Heinrich Spitzer. Unerwartet erscheinen auch der Rabbiner der kleinen jüdischen Gemeinde, Isaak Noah Mannheimer, und sein Kantor Salomon Sulzer bei dem Leichenbegängnis. Ganz vom neuen Geist der Märztage beseelt, lässt sich der katholische Priester zu einer unerhörten Tat hinreißen: Er lädt seine israelitischen Kollegen ein zu gemeinsamem Gebet und gemeinsamer Totenklage. »Ihr, meine christlichen Brüder, habt gewollt, dass die toten Juden da mit euch ruhen in einer Erde«, ruft Mannheimer der Trauergemeinde zu. »Nehmt nun auch uns auf bei euch als freie Männer, und Gottes Segen über euch!« Zum Greifen nah erscheint plötzlich die so lang ersehnte Emanzipation. Angesichts ihrer Freiheitsmärtyrer in der Totengrube verbrüdern sich Christenheit und Judentum.

Allerdings währt der schöne Moment nur kurz. Die eben erst errungene Freiheit setzt auch den alten Hass wieder frei, die alte Judenfeindschaft, die das Ancien Régime mühsam unterdrückt hatte. Erbittert bekämpfen jetzt die antijüdischen Wortführer jegliche Tendenz einer Gleichstellung. »Keck, empörend, unbescheiden / Ist ihr frecher Übermut«, warnt ein antisemitisches Gedicht die achtlosen Wiener: »Denkt, daß schlaue Judenlist / Immer noch zu fürchten ist.« Besonders die Wiener Kirchenzeitung profiliert sich als Zentralorgan im Kampf gegen die »Mosaiker neuen Schlages, welche ihre Bedeutung in der heutigen Gesellschaft einzig der Verquickung des jüdischen Unglaubens mit giftigem Hass gegen christliche Lehre und katholische Übung verdanken«.

Dreimal wöchentlich hetzt der Gründer dieses Kampfblatts »für Glauben, Wissen, Freiheit und Gesetz«, Vorstadtkaplan Sebastian Brunner , gegen den teuflischen Erzfeind. Brunners Antisemitismus basiert nicht mehr auf dem antiquierten religiösen Muster, das die Juden zum »Volk der Gottesmörder« stigmatisierte. Sein Hass ist bereits ein modernes politisches Instrument wider den liberalen Geist, der mit der Revolution Einzug hält.

Leserkommentare
  1. Wir haben es im Griff, die Geschichte ist bis zu Ermüdung aufgearbeitet, die Botschaft ist auch angekommen.

    Wir in Europa haben da auch kein Problem mehr! Naja, bis auf das der Antisemistismus, welcher nun Israelkritik bedeutet, und nun vom rechten ins linke Lager gerückt wurde. Aber davon sehen wir mal galant ab, eigentlich ein Fall für den Störungsmelder.

    Wie wäre es denn mal mit der Aufarbeitung im Nahen Osten, da wird sich in der europäischen Vergangenheit zu Tode analysiert, und auf der anderen Seite keine Analyse zu den derzeitigen Problemen geliefert, welche uns aber angeblich jede Woche betrifft.

    Das angeblich finstere europäische Mittelalter schlicht minderwertig, was eine Selbstgeißelung, ist ja wie in einer devoten Sekte.

    Was für ein Pech wir Europäer hatten, denn Rund um uns herum blühten zu dieser Epoche lauter spannende, bunte und fortschrittliche Kulturen.

  2. Dass dieselbe Zeitung, welche fast jeden Tag einen israelfeindlichen Artikel publiziert, einen Artikel zum Thema "Antisemitismus" veröffentlicht.

    Habt ihr alle vergessen, wozu der europäische Antisemitismus geführt hat und warum Israel den Juden so wichtig ist und warum sie dafür mit allen Mitteln kämpfen? Antizionistische Menschen fordern und fördern Maßnahmen, die letztendlich das Ende des jüdischen Staates und somit den Tod seiner JÜDISCHEN Bürger mit sich bringen könnten. Ich bezweifle, dass diese Erkenntnis ihnen entgangen sei.!

  3. War ja eigentlich klar, dass auf einen Artikel zum Thema Antisemitismus sofort refelxartig darauf verwiesen wird, dass dieses Thema ja "aufgearbeitet" sei und es doch andere Probleme gäbe.
    Wenn es Sie nicht interessiert, lesen Sie solche Artikel einfach nicht! Das Thema Antisemitismus ist genauso wenig abgeschlossen, wie das Thema Zweiter Weltkrieg. Immer wieder lassen sich neue Erkenntnisse machen. Das Geschieht aus Erkenntnissinteresse und nicht, wie oft unterstellt, um dem deutschen Volk irgendeine Schuld einzureden.

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    aus der Wiederholung der immer gleichen Fakten?
    Sie wollen doch nicht tatsächlich behaupten, dass die fast täglichen Artikel in den hiesigen Zeitungen tatsächlich immerzu neue Fakten ans Licht bringen? Seltsam auch, dass es zum Thema nur in Deutschland ständig neue Erkenntnisse und ständige Texte gibt, am Rest der Welt, der zum Antisemitismus und der Judenerverfolgung vor dem 3.Reich auch seinen Teil beitrug, scheint dieser stetige Erkenntnisgewinn weitgehend vorbeizugehen.
    Könnte nicht doch eine mittlerweile gewohnheitsmäßige erzieherische Absicht dahinterstecken?

  4. Ich hab's noch nicht gelesen, fand aber ein Gespräch im dradio http://www.dradio.de/dlf/... (link zum Nachhören ganz oben im Artikel) über das neue Buch von Götz Aly zum Antisemitismus sehr interessant - er vertrat dort die Ansicht, daß Neid den mörderischen Antisemitismus des 3. Reichs miterklärt, er beginnt bei den napoleonischen Kriegen und beschäftigt sich mit der weit größeren Bildung und dem wirtschaftlichen Erfolg im bürgerlichen Judentum ab Beginn des 19. Jhdts - eine Entwicklung, die in Österreich ähnlich verlief.

    Insofern scheint mir die Formulierung im Artikel verfehlt: 'Trotz aller antisemitischer Anfeindungen haben die Wiener Juden in nicht einmal fünfzig Jahren einen beachtlichen Aufstieg erlebt. Sie prägen das geistige Leben in der Stadt und befruchten die kulturelle Blüte des Fin de Siécle. Ihr Unternehmergeist befeuert die späte Industrialisierung der Donaumonarchie. Aber auch das kann ihre Feinde nicht besänftigen.'

    Im ganzen Gegenteil - das rief vermutlich genau den Neid hervor, der an den tradierten Antisemitismus andockte und zur Katastrophe der Shoa führte.

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    An die ersten beiden Kommentatoren - bitte informieren Sie sich noch nachträglich über die Bedeutung der Begriffe Antizionismus und Antisemitismus - Sie scheinen beides gleich zu setzen. Nicht nur, daß das jede Diskussion erschwert, Sie blamieren sich auch durch Unbildung.

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    Sind Sie jüdisch? Nein, sind Sie nicht. Nur jemand, der das Leiden der Juden nicht versteht würde wollen, dass Israel abgeschwächt und von seinen Feinden ständig attackiert wird.

    Wenn ich Polen (das Land) verachte, bedeutet das nicht, dass ich auch die dort lebenden Menschen verachte? Wenn jemand Israel hasst, bedeutet das, dass er die Wüste und die Orangenbäume hasst? Ich bitte Sie ...lol

  5. Sind Sie jüdisch? Nein, sind Sie nicht. Nur jemand, der das Leiden der Juden nicht versteht würde wollen, dass Israel abgeschwächt und von seinen Feinden ständig attackiert wird.

    Wenn ich Polen (das Land) verachte, bedeutet das nicht, dass ich auch die dort lebenden Menschen verachte? Wenn jemand Israel hasst, bedeutet das, dass er die Wüste und die Orangenbäume hasst? Ich bitte Sie ...lol

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    über die Bedeutung von 'Israelhaß' und, zugunsten einer etwas anspruchsvolleren Auseinandersetzung, über 'Nationalstaat' (nebst der zweifellos legitimen Kritik daran), über das Ende des osmanischen Reichs, Theodor Herzl, das britische Mandat, die Entstehungsgeschichte (wie Praxis im Nahen Osten) der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte informieren.

    Ihr Kommentar 5 erscheint mir recht sinnfrei und auch nicht zum Thema des Artikels geschrieben, überdies unterstellen Sie mir darin mangelnde Empathie mit dem Leiden der Juden. Keine Ebene, auf der ich mich mit Ihnen austauschen möchte.

  6. über die Bedeutung von 'Israelhaß' und, zugunsten einer etwas anspruchsvolleren Auseinandersetzung, über 'Nationalstaat' (nebst der zweifellos legitimen Kritik daran), über das Ende des osmanischen Reichs, Theodor Herzl, das britische Mandat, die Entstehungsgeschichte (wie Praxis im Nahen Osten) der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte informieren.

    Ihr Kommentar 5 erscheint mir recht sinnfrei und auch nicht zum Thema des Artikels geschrieben, überdies unterstellen Sie mir darin mangelnde Empathie mit dem Leiden der Juden. Keine Ebene, auf der ich mich mit Ihnen austauschen möchte.

    Antwort auf "Unbildung?"
  7. aus der Wiederholung der immer gleichen Fakten?
    Sie wollen doch nicht tatsächlich behaupten, dass die fast täglichen Artikel in den hiesigen Zeitungen tatsächlich immerzu neue Fakten ans Licht bringen? Seltsam auch, dass es zum Thema nur in Deutschland ständig neue Erkenntnisse und ständige Texte gibt, am Rest der Welt, der zum Antisemitismus und der Judenerverfolgung vor dem 3.Reich auch seinen Teil beitrug, scheint dieser stetige Erkenntnisgewinn weitgehend vorbeizugehen.
    Könnte nicht doch eine mittlerweile gewohnheitsmäßige erzieherische Absicht dahinterstecken?

    Antwort auf "Der übliche Reflex"
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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf die Austragung von Privatfehden und diskutieren Sie ausschließlich zum Artikelthema. Danke. Die Redaktion/vn

  8. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn

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  • Schlagworte Friedrich Heer | Österreich | MIT | Europa | Wien | Bayern
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