Zum ersten Mal stellt Brunner jene simple Gleichung auf, die selbst heute noch in der antisemitischen Algebra Gültigkeit besitzt: »Tintenjuden« und »Zeitungs-Hebräer« hätten die Presse an sich gerissen und würden mit ihrem subversiven »jüdischen Ungeist« das gesunde Volksempfinden vergiften. Bereits im ersten Jahr seiner Redaktionstätigkeit droht der Kaplan aus der Pfarrei Altlerchenfeld von der Kanzel ebenso wie in seinem Journal: »Hüthe Dich, das Volk um die letzte Spur seines Glaubens zu bringen, denn dann bist Du sammt den Mitjuden Deines Lebens und Deines Eigenthums nicht mehr sicher.«

Der geistliche Herr, urteilt der Historiker Friedrich Heer , sei der »erste katholische Judenhammer in der christlichen Presse Wiens« gewesen. Und sein Wirken dringt weit über die Grenzen der Heimat hinaus. In Paris beispielsweise wird er später dem Publikum gern als »Vater des österreichischen Antisemitismus« vorgestellt. Und er ist stolz darauf.

Zu jener Zeit aber, als Sebastian Brunner sein Wirken beginnt, im Revolutionsjahr 1848 , ahnt der künftige Hassprediger noch wenig von seiner Sendung. Der damals 34-jährige Kaplan steht auf der untersten Stufe der Kirchenhierarchie, doch er strebt nicht nach einem Amt, nicht nach klerikalen Würden. Lieber greift der promovierte Theologe zur Feder, verfasst Andachtsschriften ebenso wie humoristische und historische Traktate.

Er ist ein rebellischer Geist, der sich nicht damit abfinden will, dass sich die Kirche in Österreich willfährig der weltlichen Herrschaft unterordnet. Er denkt und fühlt ultramontan: Alles Heil gehe von Rom aus, von Gottes Stellvertreter in der Ewigen Stadt. Er hält die Reformen, mit denen Kaiser Joseph II. eine Generation zuvor die Macht der Papstkirche beschnitten hat, für das Erzübel der Zeit. Die katholischen Würdenträger haben sich mit den staatlichen Autoritäten arrangiert, dem kleinen Kaplan kommt ein Gleiches auch in der Duckmäuserzeit des Vormärz nicht in den Sinn.

Und doch stellt er sich, erfüllt vom Hass gegen den Demokratismus und ähnliche Übel, welche die Französische Revolution hervorgebracht hat, Metternich in geheimer Mission zur Verfügung. In dessen Auftrag reist er 1846 kreuz und quer durch die Staaten des Deutschen Bundes, um auszukundschaften, welche Bewandtnis es mit den Deutschkatholiken habe, die in einigen Regionen ketzerisches Gedankengut verbreiten. Bei dieser demokratisch inspirierten Basisbewegung, die auch von der Ökumene träumt, handle es sich, so berichtet Spitzel Brunner, tatsächlich um ein »Geigenstimmen der Malcontenten«. Wahrheitsgemäß meldet er, dass er die Vorläufer einer demokratischen Revolution habe beobachten können, und er prophezeit dem Staatskanzler, bald werde der Aufruhr losbrechen.

Von den Juden scheint der Kaplan noch keine Kenntnis zu nehmen. Auch nach dem Toleranzpatent Josephs II. dulden die Habsburger nur eine überschaubare Zahl jüdischer Familien in ihrer Residenzstadt, die noch dazu teuer für das Ansiedlungsrecht bezahlen müssen, das mit dem Tod des Haushaltsvorstandes wieder erlischt. Sie sind gleichviel loyale Untertanen, die sich assimilieren und dem Staat beweisen wollen, dass sie großen Nutzen bringen. Die häufig nobilitierten Familien mit klingenden Namen, die Rothschilds, die Todescos, die Eskeles, die Arnsteins oder die Wertheimsteins, finanzieren zunächst die Kriege gegen Napoleon und anschließend den Ausbau des Eisenbahnnetzes und der Industrie. In ihren prachtvollen Häusern verkehrt die gute Gesellschaft. Am Vorabend der Revolution zählt das kaiserliche Judenamt 197 tolerierte Familien in der Stadt.

Andere Juden umgehen die Gesetze, indem sie ihren Aufenthaltsschein einfach wie gefordert alle 48 Stunden erneuern. Die Praxis nennen die Eingeweihten kaschern , koscher machen. Man verlässt dazu Wien durch ein Tor der Stadtbefestigung, kehrt nach wenigen Schritten wieder um und besticht die Wache. So haben rund 5.000 – auch ärmere – Juden in der Hauptstadt dauerhaft Wohnung gefunden, als im März 1848 die Revolution beginnt.

Wie so häufig zuvor trifft in diesen turbulenten Tagen der Vorstadtkaplan Sebastian Brunner wieder mit seinem besten Freund und alten Studiengefährten aus dem Priesterseminar, dem Domprediger zu St. Stephan, Johann Emanuel Veith , zu einem ausführlichen Meinungsaustausch zusammen. Die beiden hocken viel beieinander in der engen Stube des Predigers im Schatten der Kathedrale: Veith, der Konvertit aus jüdisch-orthodoxem Hause, und Brunner, der Sohn eines frommen Wiener Seidenzeugfabrikanten. Beide teilen die Leidenschaft für die Schriftstellerei, der sie sich ausgiebig widmen, beide plagt die Sorge um die beklagenswerte Lethargie ihrer heiligen römischen Kirche. Immer wieder kreisen ihre Gespräche darum: Mutige Gottesmänner, die treu zum Papst stehen, müssten sich erheben und für die Rückkehr der vatikanischen Ordnung in der österreichischen Kirchenprovinz streiten. Gerade jetzt, in der Wirrnis der Rebellion, da liberale Freigeister in den vielen neuen Gazetten über den Klerus Hohn und Spott verbreiteten und dem Volk den Respekt vor dem Kreuz austrieben. »Das erbärmlichste Gesindel flüchtete sich zur Presse, und nun brach der Hexensabbat gegen Religion und Kirche los«, wird sich Brunner in späteren Jahren erinnern. Und »Gesindel, vor allem selbstverständlich aus dem Judenvolke« seiner Erinnerung hinzufügen.

Mehrmals war der störrische Kaplan und Spitzel selbst an Metternichs Gittern gescheitert – hatte er in den vergangen Jahren doch immer wieder versucht, ein klerikales Journal ins Leben zu rufen. Die Zensur verhinderte jeden Anlauf. Selbst seine kauzigen Streitschriften durften nur in Bayern in Druck gehen, und noch das bescherte ihm eine saftige Geldstrafe.

Doch nun, da der Weg frei ist, erscheint am 14. April 1848 die erste Ausgabe seiner Wiener Kirchenzeitung . Brunner legt ein scharfes Tempo vor. Der Gotteskrieger sieht sich ganz in der Nachfolge des barocken Pestpredigers Abraham a Santa Clara, der seinerzeit in seinen populären Sonntagsepisteln gegen die Ungläubigen und natürlich auch gegen die Juden wetterte: »Diese seynd der Abflaum aller gottlosen Leuthe.« Rasch macht Brunner im Mediengetöse des Revolutionsjahres seine Hauptfeinde aus: die »Schreibjuden«, die von Mathias Löbenstein, dem Herausgeber des Unpartheiischen , angeführt werden. Das sei der »Generalissimus der radikal-demokratisch-mosaischen Schreckensmänner«. Brunner nimmt sie alle ins Visier, die »jüdischen Feder-Helden«, die im »politisch-literarischen Schabbesgärtle« zu Wien wüten. Er, der den Weinberg des Herren pflegt, will sie ausmerzen wie das »Unkraut, das der Gärtner aus der Erde reißt«.