Dabei scheut er weder Prozesse noch Abmahnungen der Polizei und der Kirchenbehörden. Zähneknirschend zahlt er ein ums andere Mal hohe Bußgelder. Nach zwölf Jahren unermüdlicher antisemitischer Tiraden wirft ihm Ignaz Kuranda , der jüdische Herausgeber der Ostdeutschen Post , in einer aufsehenerregenden Artikelserie seines Blattes vor, Brunner habe von Beginn an in der Kirchenzeitung systematisch »die Judenhetze zu einem literarischen Industriezweig« ausgebaut. Empört fordert der Hassprediger vor Gericht Genugtuung. Doch er blitzt mit seiner Ehrenbeleidigungsklage ab. Resigniert zieht er sich daraufhin von der publizistischen Frontlinie zurück und überlässt seinem Adepten Albert Wiesinger die Nachfolge.

In seinen letzten Lebensjahren – Sebastian Brunner stirbt hochgeehrt 1893 in einem katholischen Wiener Greisenasyl – huldigt ihm bereits eine neue Generation klerikaler Judenhetzer. Sie bildet bald die tragende Säule der kleinbürgerlichen Christlichsozialen Partei, die in Brunners Todesjahr gegründet wird; an der Spitze steht der Volkstribun Karl Lueger , von 1897 bis 1910 Wiens Bürgermeister. Brunner sei »der älteste unter den Christen, welcher dem jüdischen Antichristenthum entgegengetreten ist«, preist ihn eine Hagiografie, die 1888, anlässlich Brunners 50. Priesterjubiläum, erscheint. Der fromme Mann habe »seit fünfzig Jahren unser arisches Volksthum gegen Corrumpierung und Niedertretung durch fremdes, eingewandertes Nomadenvolk geschützt und verteidigt«. Er sei eine »providentielle Persönlichkeit«, ein von der Vorsehung gesandter Retter: »Er hat viele Siege erfochten, noch viel mehr Samen ausgestreut, der in Zukunft erst Früchte bringen wird.«

Da ist der katholische Antisemitismus aus der Wiener Kirchenzeitung bereits zu einer Massenbewegung angeschwollen. Im Wien der Jahrhundertwende, in jener Stadt, welcher der gescheiterte Kunststudent Adolf Hitler sein geistiges Rüstzeug verdankte, streiten die Vereinigten Christen – ein von Priestern und »Volkspfarrern« dominierter Verein, der Brunners »Vermächtnis« bewahrt – mit der deutschnationalen Radaupartei des Georg von Schönerer um die Vorherrschaft und die Deutungshoheit in der Agitationshölle. Die ursprüngliche Demarkationslinie zwischen Glaube und Rasse war schon von der Kirchenzeitung außer Kraft gesetzt worden. »Semitische Kreolen«, heißt es dort 1861, seien »jene Individuen, die sich irgendwo deutsch-katholisch taufen ließen, ohne dass sie gewillt gewesen wären, auch nur einen Gran ihres Knoblauch-Aethers aufzugeben«.

Einer der Brunner-Epigonen, die besonders die Nähe zu ihrem Vordenker suchen, ist der niederösterreichische Landpfarrer Joseph Scheicher, der sich rühmt, beizeiten das »verderbliche Wirken« der »Judenherrschaft« erkannt zu haben. Immer wieder pilgert er zum Alterssitz seines Lehrmeisters, den der Vatikan zum päpstlichen Hausprälaten ernannt hat. Häufig, berichtet Scheicher, holten sich hohe Kirchenfürsten bei dem betagten Wüterich Rat, wie sie der liberalen Übermacht im Staat Widerstand leisten könnten. Die Antwort auf die missliche Lage des Klerus ist der Antisemitismus, der mit den Juden den liberalen Geist auszutreiben hofft.

Scheicher ist der eifrigste Autor des neuen Correspondenzblattes für den katholischen Clerus , welches das Erbe von Brunners Kirchenzeitung weiterpflegt, die 1873, im Jahr des Börsenkrachs, ihr Erscheinen einstellen musste. Das Correspondenzblatt findet in der Priesterschaft weite Verbreitung. Allerdings wird nun eine »schärfere Tonart« gegen die »asiatischen Fremdlinge« angeschlagen. Die Postille widmet sich nicht innerkirchlichen Fragen, sondern sie propagiert politische Ziele. »Das öffentliche Wohl erheischt es«, fordert sie beispielsweise, »dass der verhängnisvolle Schritt zurückgethan werde, dass die Juden-Emancipation, weil sie verfassungsmäßig gegeben, so auch verfassungsmäßig genommen werde.«

Um das Jahr 1890 beherbergt Wien eine der größten jüdischen Gemeinden Europas mit rund 120.000 Mitgliedern; das sind fast neun Prozent der Stadtbevölkerung. Trotz aller antisemitischer Anfeindungen haben die Wiener Juden in nicht einmal fünfzig Jahren einen beachtlichen Aufstieg erlebt . Sie prägen das geistige Leben in der Stadt und befruchten die kulturelle Blüte des Fin de Siécle. Ihr Unternehmergeist befeuert die späte Industrialisierung der Donaumonarchie.

Aber auch das kann ihre Feinde nicht besänftigen. Der kurze 48er-Traum von der christlich-jüdischen Aussöhnung ist ein Traum geblieben. Handwerker und Gewerbetreibende fürchten die Konkurrenz. Die »Börsenjuden« werden für die zyklischen Donnerwetter im überhitzten Investitionsklima verantwortlich gemacht. Den jüdischen Honoratioren in der tonangebenden Liberalen Partei wird der Verfall von Sitte und Ordnung angelastet. An den Universitäten herrscht kaum verhohlene Pogromstimmung.

In diesem Hexenkessel bewähren sich die Antisemiten in Soutane, die Geisteskinder des Sebastian Brunner, als Allzweck-Agitatoren der christlichsozialen Sammelbewegung, die nach der Macht greift. »Ich habe Brunner einen Mann der Vorsehung genannt, den der liebe Gott zu rechter Zeit nach Österreich geschickt hat«, resümiert sein antisemitischer Famulus Joseph Scheicher, »in der Weise, wie dieselbe Vorsehung die Profeten gesendet hat.«

Wohl wahr. Genau vierzig Jahre nach Brunners Tod sollte seine Saat schrecklich aufgehen.