Wann bekommt Waldemar Hartmann endlich eine neue Talkshow?
Plasberg, der eigentlich »Politik auf Wirklichkeit« treffen lassen will, verhandelte das Schicksal von Patchwork-Kindern, angeregt durch das Buch einer offenbar durch familiäre Verhältnisse schwer belasteten Journalistin der FAZ. Mit dabei: die Patchwork-Experten Dieter Thomas Heck, Dana Schweiger und Ingo Naujoks. Ansichten über die Familie sind Privatsache und öffentlich kaum sinnvoll zu diskutieren. Ebenso ergebnislos könnte man über die Vor- und Nachteile von Homosexualität talken.
Sandra Maischberger, in ihrem früheren Leben die begabteste Interviewerin des deutschen Fernsehens (bei Spiegel TV und NTV), lässt über die Euro-Krise (»Schrecken ohne Ende?«) reden, mit den Chefökonomen Peter Hintze, Klaus von Dohnanyi, Tissy Bruns und einem wirklichen Bankenverbandsvertreter. Zudem ist Anja Kohl dabei, die von Sandra Maischberger uncharmant, aber treffend als »das ARD-Börsengesicht« eingeführt wird. In der Woche davor war bei Maischberger die Talkfrau Bettina Böttinger. Offenbar gibt es einen starken Hang zur Kollegenorientierung.
Übers Handwerkliche, die Moderationsleistung und die Gästeauswahl lässt sich immer streiten. Nicht das Genre ist das Problem. Der Fehler liegt in der besinnungslosen Vervielfältigung. Über Fernsehtalk wird heute fast nur noch satirisch geschrieben – über die Dauergäste wie Klaus Kocks oder Hans-Olaf Henkel, über alarmistische Sendungstitel oder konfuses Abfragen erwartbarer Statements. Die ARD kann über ihr neues Image als »Talkshow-Sender« nicht glücklich sein, zumal keine ihrer Sendungen die Qualität des BBC-Hardtalk erreicht.
Kein ARD-Verantwortlicher wird einem ernstzunehmenden Gesprächspartner weismachen, fünf Talkshows im Ersten dienten in irgendeiner Form der Aufklärung oder einem rationalen Erkenntnisgewinn. Es geht vielmehr um Flurbegradigung, sicherheitsorientierte Gleichförmigkeit, »Stripping« der Programmlinien. Und natürlich darum, bekannte Namen der Konkurrenz wegzukaufen, um so lange wie möglich in der Illusion des Massenmediums zu leben. Abgesehen von den Honoraren für die Moderatoren und ihre Produktionsfirmen, sind Talkshows Billigfernsehen, strukturell vergleichbar mit den Gerichts- oder Containershows, die gerade an ihr Ende kommen. Die Kontinuität der Talkmeister ist für die technokratische Programmplanung angenehmer, als sich mit irgendwelchen einzelnen Reportern und Dokumentarfilmern herumplagen zu müssen.
Nun ist eine fundamentalistische Talkshow-Kritik genauso hilflos, wie es die allgemeine Kulturkritik an populärer Öffentlichkeit und Massenmedien schon immer war – von Heideggers »man« und »Gerede« bis zu Botho Strauß’ »telekratischem Terror«. Genauso gut kann man in der Uckermark die Bäume anbrüllen, weil der Mensch ein Mängelwesen ist und wir das Ziel der Evolution nicht kennen. Ich war schon immer ein Anhänger der »Sonthofen«-Strategie von Franz Josef Strauß, wonach die Verhältnisse sich erst verschlimmern müssen, bevor sinnvoll interveniert werden kann. Ein internes Papier der ARD-Medienforschung über weitere Möglichkeiten der »strukturellen Homogenisierung« des Programms macht wahrscheinlich, dass demnächst auch freitags und samstags getalkt wird. Zum Beispiel könnte der beim Volk beliebte Weißbiertrinker Waldemar Hartmann samstags über Sport und Politik debattieren und Maybrit Illner, vom ZDF abgeworben, freitags bei der ARD weitermachen. Man könnte auch alle fünf Talker des Ersten an einem Tag der Woche über die kommenden Talks fachsimpeln lassen.
Was der Talk mit der ARD macht, ist vielleicht gar nicht so wichtig – aber was macht der Talk mit der Gesellschaft? Die Ausweitung der Talkzone ist eine Form bürgerlicher Beruhigung, eine mediale Spielart der Establishment-Reproduktion. Solange über die Welt mit all ihren Krisen noch rituell geredet werden kann, ist sie nicht untergegangen. Auf der anderen Seite klinken sich jüngere Leute aus diesem Modell der sedativen Suada aus, wie die Umfrageergebnisse für die Piratenpartei in Berlin gerade zeigen. Der Fernsehtalk steht damit auf der Höhe seines Erfolgs für eine politisch-mediale Konfiguration, die selbst bedroht ist.
Lutz Hachmeisters Dokumentarfilm »Auf der Suche nach Peter Hartz« läuft im November auf 3sat, gekürzt im Ersten; sein Doku-Drama »The Real American – Joe McCarthy« (ZDF/BBC) kommt im Januar ins Kino
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- Datum 15.09.2011 - 08:13 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.9.2011 Nr. 38
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Die "Talk" Runden sind weder geistreich noch Hilfreich. Alle der hier aufgeführten Moderatoren haben keine Ahnung von Demokratie,Freiheit und wirklichen Diskussionen.
Meist sitzen nur Parteigegener darin. Die alle ihre Auswendig gelernten Sprüche aufsagen und wiederholen, solange bis man erbricht. Sitzt mal ein "Normalbürger" dabei, kommt dabei meist ein Sonderling oder Partei liebender MEnsch an. Oft mangelt es den Moderatoren an Kompetenz logische Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen. Sie stellen nur Fragen, meist Oberflächlich und ohne Ziel. Eine Diskussionskultur sieht anderst aus.
- besser kann man's kaum auf den Punkt bringen. Danke für diesen durch und durch gelungenen Artikel. Die omnipräsenten Talkshow-Tingelanten und der Niveau-Limbo, bei dem die Latte immer tiefer und somit näher am Boulevard liegt, sind einfach nur beschämend. Und der emo-verkitschte Jauch-Plausch, den ein Kommentator andernorts so überaus treffend "scripted Betroffenheit" nannte, ist die Spitze des Eisbergs, wenn man dessen unteren Teil als Tiefgang verortet. Vom Hardtalk alla BBC ist das alles weit entfernt.
Dabei böte sich gerade jetzt eine Chance zur Diversifizierung anstelle der leider obwaltenden Uniformisierung. Warum gelingt keine Wende zum Besseren - mit zumindest einer Talksendung, in der gewisse Niveaugrenzen nicht unterschritten werden und den Zuschauern ein wenig Expertise im besten Sinne des Wortes zugemutet wird? Wer auf Bildungsfernsehen hofft, der scheint bei den Öffentlich-Rechtlichen verlassen - von vereinzelten Nischen bei arte und 3sat mal abgesehen.
Hachmeister hat Recht: Vermutlich muss es erst schlechter werden, damit es - die Hoffnung stirbt zuletzt - besser werden kann.
P.S.: Die einzige halbwegs löbliche Ausnahme bildete in jüngster Vergangenheit übrigens - trotz wenig überzeugender Gästeliste - Plasberg: http://www.wdr.de/tv/hart... (Sendung vom 12.9.2011 - nicht neu, nicht originell, aber von der Leistung her einigermaßen solide)
Sender hat ja auch langsam Karikatur-Charakter. Ich weis gar nicht was der Autor will. Talkshows dienen auch der Willensbildung - egal ob dem Zuschauer am Ende eine Mustergültige Weltanschauung an die Hand gegeben wird oder nicht. Und die Themen die diskutiert werden sind allemal intelligenter als im privaten Sektor. Da kann man sich wirklich mal ne Scheibe abschneiden. Außerdem kann man ja auch nicht sagen, dass die ARD nun ein Talkshow-Sender ist, wenn 5 mal die Woche eine Stunde lang getalkt wird. Da sind immer noch 163 Stunden übrig den Rest der Woche etwas anderes zu machen. Wenn das ein beliebtes Format ist sei es drum. Das hat man den öffentlich rechtlichen doch immer gerne vorgeworfen, dass sie den Zeitgeist verpassen würden. Diesmal scheint allerdings der private Sektor den Start eines anspruchsvollen Talks verschlafen zu haben.
Solange es das öffentliche Fernsehen in Deutschland nicht schafft, eine Show vergleich mit dem oben aufgeführten BBC Hardtalk auf die Beine zu stellen, finde ich die Idee einer vorübergehenden Meta-Talkshow gar nicht so schlecht, bis sich dann ein vertretbares Konzept entwickelt hat, das sich wirklich Talkshow nennen kann.
Mein Vorschlag für die ARD wäre eine von Michel Friedman moderierte Talkshow mit den übrigen ARD-Talkmeistern als Dauergästen und weiteren Gästen wechselnd von verschiedenen anderen Sendern oder dann eben ARD-intern, z.B. vom Frühstücksfernsehen. Das wäre doch was.
Gerade von öffentlich rechtlichen Sendern erwarte ich mehr Dokumentation und gut recherchierte Berichte statt Polittalkshows.
2 Dutzend Vertreter von Parteien, Industrieverbänden und eingekaufte Wissenschaftsexperten tingeln durch ca. 20 Polittalkshows.
Jeder weis doch was z.B. Hans Olaf Henkel, Arnulf Baring, Jutta
Ditfurth, Alice Schwarzer, Frau von der Leyen, Renate Künast, Claudia Roth, Gregor Gysi, Wolfgang Bosbach, Friedrich Merz und Guido Westerwelle zu erzählen haben.
Von den privaten Sendern erwarte ich schon überhaupt Nichts mehr.
Bei solchen Talkshows ziehe ich vor einen Film auf DVD oder Blueray zu sehen und mich im Internet zu informieren.
Was für eine Wohltat für die Augen dagegen, Ihr Artikel, Herr Hachmeister.
Möge das Talkgestirn Sie sich bitte eine Woche gegenseitig in Ihren gähn-Formaten, wenn nicht beiwohnen, dann doch besuchen "MÜSSEN".
Die Stellvertretenden Vorsitzenden Diplom/Master of Wutbürgerness in 5 Runden Survival of the fittest.
Günther Jauch, kann mich auch. Soviel Reim muss sein.
...nämlich Gysi und Lafontaine, mit Jürgen und Zlatko "gleichzusetzen" ist schon ein wenig daneben, liebe "Zeit"-Redaktion.
Da böten sich doch ganz andere Kandidaten viel augenscheinlicher an, nicht wahr? Aber die sind ja nicht in "Der Linken".
Honi soit qui mal y pense...
... dazu ein gutes Ausdrucksvermögen zu haben, das ist nicht das Selbe wie "intellektuell brilliant" zu sein.
... dazu ein gutes Ausdrucksvermögen zu haben, das ist nicht das Selbe wie "intellektuell brilliant" zu sein.
jauch hat auf "das bewährte konzept" gesetzt und voll ins schwarze getroffen: die sendung war stinklangweilig, jauch wirkte lustlos und unverbindlich. chancen zum nachhaken, provozieren oder tieferschürfen hat er kläglich vergeben. nur ja nichts falsch machen, nichts riskieren! die aussagen der gäste waren vorhersehbar und plakativ. das thema wurde oberflächlich behandelt, es fand keine ursachenforschung statt.
ich kann mir diese talk-shows nicht mehr ansehen. selbst ein plasberg erstarrt in routine und schönrednerei. ich glaube, man könnte die big five der ard problemlos und ad hoc unter ihren sendungen austauschen - und keinem würde es auffallen.
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