Verblüffend, wie die Kunst hier über sich hinauswächst. Wie sie locker den Hamburger Bahnhof füllt, diese gewaltige Museumshalle in Berlin, in der sonst selbst große Skulpturen verzwergen. Jetzt aber wünschte man, der Raum wäre viel weiter, höher, offener. Am besten fort mit den Stahlträgern, weg mit dem Dach! Blick frei auf den Himmel! Nur ein solcher Raum, ein unendlicher, wäre angemessen für die Kunst des Tomás Saraceno.

Saraceno ist ein Welten- und vor allem ein Wolkenwanderer. Er ist Künstler und Architekt, Forscher, Ökologe, Gesellschaftstheoretiker, in den Museen ebenso daheim wie in den Laboren der Nasa. Oder richtiger: Er ist das alles und ist nichts davon. Am liebsten wäre er nirgendwo zu Hause. Denn wenn er nur könnte, würde er schon heute entschweben und das irdische Klein-Klein, alle Denkschablonen und erst recht den ewigen Pessimismus hinter sich lassen. Saraceno träumt von einem neuen Himmel – und meint es auf verspielte Weise furchtbar ernst.

Ein Stück von diesem Himmel ist nun in Berlin zu besichtigen, viele riesige Kugeln aus Plastikfolie hat Saraceno dort an Wänden und Decke vertäut, viele Gespinste aus Gummiband aufgespannt, und überall baumeln Wüstenpflanzen. Wer möchte, kann in einige der Ballons hineinklettern, über eine steile Treppe geht’s hinauf, rasch die Schuhe abgestreift und hinein ins Vergnügen: Alles schwankt, federt, wogt – die eben noch stabile Museumswelt löst sich auf, wird weich, beweglich und ein wenig unheimlich. Denn ob die Folie hält, ob sie mich und all jene trägt, die auch noch hineinwollen in Saracenos durchsichtige Schwabbelwabbel-Kunst? Beim ersten Schritt hinein in seine Sphären ist es tatsächlich so, als beträte man Wolken – ein großes Nichts, nur nicht so feucht.

Das mögen manche läppisch finden: wieder so eine Groß- und Kleinkinderbespaßung im Hamburger Bahnhof, werden sie sagen. Andere werden sich über den Epigonen Saraceno echauffieren, der sich großzügig bei den utopischen Architekturfantasien des 20. Jahrhunderts bediene, ohne eigene Ideen beizusteuern. Und beiden wird man recht geben: Ja, diese Kunst ist ungemein vergnüglich, und ja, sie begeistert sich für die Utopien von Buckminster Fuller, Frei Otto oder Yona Friedman. Doch interessiert sich Saraceno keineswegs nur für die Formen und Strukturen, und das unterscheidet ihn deutlich von vielen anderen Gegenwartskünstlern, die in den letzten Jahren fleißig die Nachkriegsmoderne neu entdeckten. Anders als diesen geht es Saraceno nicht ums Zitatespiel und noch weniger um lässige Gesten, modisches Camp-Gehabe oder irgendeine Art von Modernekritik. Dieser Künstler ist nicht cool, er glüht für etwas: Er hofft auf einen neuen Raum, auf eine veränderte Gesellschaft – und sucht in der Technik einen Verbündeten.

In Argentinien, seiner Heimat, hatte er mit dem Architekturstudium begonnen, später kam er nach Frankfurt an die Städelschule, und der legendäre Peter Cook wurde zu seinem Lehrer. Vor zwei Jahren dann besuchte er die Space University der Nasa und lernte dort am eigenen Leib, was Schwerelosigkeit bedeutet: An 20 Parabolflügen nahm er teil, je eine halbe Minute lang war er frei von allem, was uns sonst hält – und seither sehnt er sich nach einer Form für diese Freiheit.

Mit weit aufgerissenen Augen schwärmt er von Ballons, die so leicht sind, dass sie an sonnigen Tagen von allein aufsteigen und ohne Weiteres ein, zwei Menschen mit sich tragen können. Oder wie wäre es mit einer Sphäre für große Gruppen mit einem Durchmesser von 1,3 Kilometern? Auch so ein Riesending könnte fliegen, erklärt Saraceno. Allein durch den Atem der Menschen steige die Temperatur im Inneren um ein paar Grad an, sodass die Luft in der Sphäre wärmer sei als die Außenluft – und also die Kunstblase zu schweben beginne. Nur Spinnerei? Vor hundert Jahren, sagt er, hätte sich ja auch niemand vorstellen können, dass heute Abertausende Flugzeuge kreuz und quer über den Globus fliegen. »Alles, was unmöglich ist, kann noch erreicht werden«, das hat Jules Verne gesagt, einer seiner Helden.

Eine Stadt aus Wolken, ohne feste Form, ständig in Veränderung

Als eine Art Forschungszentrum begreift Saraceno denn auch das Museum. Hier kann er neue Materialien und Konstruktionen erproben und am lebenden Objekt, am Besucher, beobachten, was seine Kunst bewirkt, wie sich die Menschen verändern, wenn sie ungesichertes Terrain betreten, sich in 30 Meter Höhe über Netze hangeln, plötzlich spüren, wie abhängig sie sind: vom Gewohnten und auch voneinander. Jede Bewegung des einen bekommt der andere zu spüren, jeder Schritt setzt sich in den Netzen und Luftkissen vibrierend fort. Und so bleibt niemand in dieser Kunst allein. Sie fordert ein Miteinander.

Doch anders als viele seiner Kollegen begreift Saraceno das Miteinander nicht allein als soziale Erfahrung; auch in der Technik sucht er danach. Auf fünf Patente hat er es bereits gebracht, eine Thermalhülle für lighter than air -Fahrzeuge hat er entwickelt (Patent 20206527.8), auch eine irisierende Folienmembran (Patent 202008012960.5). Für manche Entwicklungen interessiert sich auch die Industrie, doch Saraceno träumt von einer idealen Welt, in der sich alle am Wissen aller bedienen. Fasziniert blickt er auf Phänomene wie Wikipedia – und wünscht sich, dass auch die Cloud City, jenes Himmelsgespinst, das er ganz ernsthaft bauen möchte, durch ein Kollektiv denkender, fühlender, spielender Menschen errichtet werde. Alle Passagiere sollen dort Piloten sein, sollen steuern, was nicht zu steuern ist: eine Stadt aus Wolken, ohne feste Form, ständig in Veränderung.

Das unterscheidet Saraceno von all den alten Avantgardisten, die im 20. Jahrhundert den neuen Menschen heraufbeschworen und immer schon wussten, wie dieser Mensch zu sein hatte. Saraceno borgt sich bei den alten Visionären den unbedingten Zukunftswillen, doch das lineare Geschichtsdenken der Moderne, ihr Credo der Uniformität, ist Saraceno fremd. Nicht zufällig finden in seiner Kunst zwei Formwelten zusammen, die sich eigentlich ausschließen: der Ballon, der die Idee der Abkapselung in sich trägt, und das Netz, in das alle eingesponnen werden, halb gehalten, halb gefangen. Der Gegensatz zwischen dem Einzelnen und den vielen scheint bei Saraceno überwunden, Monade und Netzwerk sind eins.

Fast kann es einem schwindelig werden, so leicht und unideologisch schnürt Saraceno zusammen, was eben noch getrennt lag. Er ist nicht zufällig ein begeisterter Spinnenforscher, der die Web- und Knüpfformen akribisch studiert und die Spinnenseide preist, die relativ zu ihrer Größe belastbarer sei als Stahl. Demnächst wird er mit anderen Experten bei den Weltraumforschern der Esa einen Forschungsantrag stellen, damit endlich erkundet wird, wie Spinnen unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit zurechtkommen. Zugleich träumt Saraceno ganz unwissenschaftlich davon, wie es wäre, wenn Urlauber nicht länger mit dem Flugzeug in den Süden brausen müssten, sondern einfach einen Ballon bestiegen und hinaufführen über die Wolkendecke, wo immer die Sonne scheint und große Schwebekissen auf sie warten, die zugleich als Kollektoren landschaftsschonend Energie erzeugen. Zahlenhungrig beugt sich Saraceno über die Computer der Ingenieure und reckt doch seinen Kopf weit über die Wolken der Wirklichkeit hinaus.

Warum aber überhaupt der ganze Himmeltraum, weshalb Fliegen, Schweben, Gleiten? Warum eine neue Welt errichten und nicht die alte retten? Wer fliegen kann, sagt Saraceno lächelnd, der kann auch alles andere. Der lernt, wie er das Klima bewahren kann, vor allem begreift er aus seiner Schwebekapsel heraus, was für einem Raumschiff er sich selbst verdankt, dem schönsten, das es geben kann, der Erde. Nicht durch Klimagipfel sei sie zu retten, nicht durch Dämmvorschriften, erst recht nicht mit apokalyptischem Ingrimm, sondern nur durch jede Menge Irrwitz und Zuversicht – davon erzählt Saracenos Kunst. Sie träumt von dem, was der Künstler das »planetarische Gefühl von Zugehörigkeit« nennt. Nicht selten frage er sich, erzählt er zum Schluss, was denn eigentlich wäre, wenn er jedes Jahr einen neuen Freund gewänne. Und was wäre, wenn das allen sieben Milliarden Menschen gelänge? Das wäre dann vermutlich das ultimative Kunstwerk, noch viel größer, als selbst ein Saraceno es sich auszudenken vermag.

Bis zum 15. Januar in Berlin ( www.hamburgerbahnhof.de ); im kommenden Jahr auch im K21 in Düsseldorf