Wenn eine derart öffentliche Person wie Alice Schwarzer eine Autobiografie schreibt, so ist das natürlich eine besondere Situation, schon weil jeder, der oder die die vergangenen 30 Jahre nicht unter einem Stein gelegen hat, ein Bild von ihr hat. Selbst wer ihre Bücher und Artikel nicht gelesen hat, kennt ihre Auftritte, weiß um ihre Rolle im Kachelmann -Prozess und kommt nicht umhin, die Debatten zu verfolgen, die über sie geführt werden – derzeit etwa anhand ihres öffentlichen Schlagabtauschs mit der Autorin der Schoßgebete Charlotte Roche . Eine solche Autobiografie gewinnt zwangsweise den Charakter einer Gegendarstellung.

Umso höher ist es Alice Schwarzer anzurechnen, dass dieses Buch, veröffentlicht unter dem lakonischen Titel Lebenslauf, ebendas nicht ist. Es geht um die ersten 35 Jahre ihres Lebens, von der Kindheit bis zur Gründung ihres Frauenmagazins Emma im Jahr 1977, und nur selten gewinnt man in dieser Rückschau den Eindruck, hier habe jemand eine Rechnung zu begleichen. Zwar enthält das Buch den einen oder anderen Verteidigungsversuch, Angriffe gab es über die Jahre ja genug, Klischees auch. Gerade in den ersten Kapiteln über ihre Kindheit und Jugend wirkt es aber, als genieße Schwarzer es, zurückzublicken, in Erinnerungen und Unterlagen zu suchen und daraus die eigene Geschichte zu spinnen. Zu berichten gibt es da ja weiß Gott genug.

Über die Kindheit in Wuppertal, wo sie in einer atypischen Familiensituation aufwächst – als uneheliches Kind, mit der denkbar wenig mütterlichen Mutter, einer politisierten Großmutter und dem fürsorglichen Großvater –, hatte man schon in der nicht autorisierten kritischen Biografie von Bascha Mika, der ehemaligen Chefredakteurin der Tageszeitung, gelesen. Schwarzer erzählt es jetzt wieder, und man versteht danach in der Tat, wie eine, die unter solchen Umständen aufwächst, zur Feministin werden muss – dass die Geschlechterrollen nicht von Natur aus vorgegeben sind, hat sie ja am eigenen Leib erlebt!

Die Alice Schwarzer jedoch, die man auf den folgenden Seiten trifft, kannte man so bislang noch nicht. Eine, die als Mädchen für Elvis schwärmt. Die mit 14 am Waldrand den ersten Jungen küsst. Die später während der Ausbildung an der Handelsschule mit ihrer Mädchenclique in Wuppertal um die Häuser und durch die Jazzkeller zieht und als Blondine im kurzen Rock den Männern den Kopf verdreht. Die mit 20 ihr erstes Mal erlebt. Mit den Freundinnen per Autostopp nach Hamburg, München, Paris, Nizza trampt. An den Freund in Paris schreibt sie damals so herzergreifend leidenschaftliche Sätze wie: »Ich sterbe vor Hunger auf alles. Absolut Alles!« und: »Unsere Pläne sind viel zu bürgerlich. (...) Ich will einen großen Schritt machen. Etwas Neues. Mich befreien!« Und dazu diese Bilder!

Die Bilder begleiten jedes der 15 Kapitel in diesem Buch, Fotos aus Schwarzers privatem Archiv, es sind diese Seiten, die einen besonderen Sog ausüben. Man sieht diese Bilder – Schwarzer am Strand, im Minirock, lässig rauchend in der Bar, eng umschlungen mit dem Freund, grinsend mit der besten Freundin im Fotoautomaten – und würde am liebsten die nächsten Seiten schnell überblättern, vor bis zur nächsten Bilderseite.

Es ist kein Zufall, dass die ersten Seiten genau dieses Bild zeichnen, dafür ist Alice Schwarzer eine viel zu kluge Frau. Und doch: Diese Alice ist eine, die man selbst nur allzu gern als Freundin gehabt hätte: mutig, abenteuerhungrig, politisch interessiert, auch mal verplant und gerade deshalb so sympathisch.

Die entscheidende Frage ist: Wie wurde aus dieser energetischen jungen Frau die Alice Schwarzer, die man heute kennt? Eine, die immer noch überaus witzig, herzlich und charismatisch sein kann, die die Frauenbewegung in so vielerlei Hinsicht vorangebracht hat, aber zugleich ihre spezifische Sicht von Emanzipation und Feminismus allzu oft als die einzig mögliche betrachtet, mit ungeheurer Dominanz durchsetzt und – das ist vielleicht das Bedauerlichste – kaum noch Kritik an ihren Handlungen und Äußerungen annehmen kann, auch nicht berechtigte. Eine kämpferische, aber in sich abgeschlossene hermetische Bastion.