Biografie Alice Schwarzer : Ich sterbe vor Hunger auf alles

Alice Schwarzer erzählt von sich. Ihre Autobiografie "Lebenslauf" lässt sie uns neu erkennen.

Wenn eine derart öffentliche Person wie Alice Schwarzer eine Autobiografie schreibt, so ist das natürlich eine besondere Situation, schon weil jeder, der oder die die vergangenen 30 Jahre nicht unter einem Stein gelegen hat, ein Bild von ihr hat. Selbst wer ihre Bücher und Artikel nicht gelesen hat, kennt ihre Auftritte, weiß um ihre Rolle im Kachelmann -Prozess und kommt nicht umhin, die Debatten zu verfolgen, die über sie geführt werden – derzeit etwa anhand ihres öffentlichen Schlagabtauschs mit der Autorin der Schoßgebete Charlotte Roche . Eine solche Autobiografie gewinnt zwangsweise den Charakter einer Gegendarstellung.

Umso höher ist es Alice Schwarzer anzurechnen, dass dieses Buch, veröffentlicht unter dem lakonischen Titel Lebenslauf, ebendas nicht ist. Es geht um die ersten 35 Jahre ihres Lebens, von der Kindheit bis zur Gründung ihres Frauenmagazins Emma im Jahr 1977, und nur selten gewinnt man in dieser Rückschau den Eindruck, hier habe jemand eine Rechnung zu begleichen. Zwar enthält das Buch den einen oder anderen Verteidigungsversuch, Angriffe gab es über die Jahre ja genug, Klischees auch. Gerade in den ersten Kapiteln über ihre Kindheit und Jugend wirkt es aber, als genieße Schwarzer es, zurückzublicken, in Erinnerungen und Unterlagen zu suchen und daraus die eigene Geschichte zu spinnen. Zu berichten gibt es da ja weiß Gott genug.

Die Autorin

Die Kulturwissenschaftlerin Chris Köver, Jahrgang 1979, ist Mitbegründerin des Frauenmagazins für Politik und Popkultur Missy.

Über die Kindheit in Wuppertal, wo sie in einer atypischen Familiensituation aufwächst – als uneheliches Kind, mit der denkbar wenig mütterlichen Mutter, einer politisierten Großmutter und dem fürsorglichen Großvater –, hatte man schon in der nicht autorisierten kritischen Biografie von Bascha Mika, der ehemaligen Chefredakteurin der Tageszeitung, gelesen. Schwarzer erzählt es jetzt wieder, und man versteht danach in der Tat, wie eine, die unter solchen Umständen aufwächst, zur Feministin werden muss – dass die Geschlechterrollen nicht von Natur aus vorgegeben sind, hat sie ja am eigenen Leib erlebt!

Die Alice Schwarzer jedoch, die man auf den folgenden Seiten trifft, kannte man so bislang noch nicht. Eine, die als Mädchen für Elvis schwärmt. Die mit 14 am Waldrand den ersten Jungen küsst. Die später während der Ausbildung an der Handelsschule mit ihrer Mädchenclique in Wuppertal um die Häuser und durch die Jazzkeller zieht und als Blondine im kurzen Rock den Männern den Kopf verdreht. Die mit 20 ihr erstes Mal erlebt. Mit den Freundinnen per Autostopp nach Hamburg, München, Paris, Nizza trampt. An den Freund in Paris schreibt sie damals so herzergreifend leidenschaftliche Sätze wie: »Ich sterbe vor Hunger auf alles. Absolut Alles!« und: »Unsere Pläne sind viel zu bürgerlich. (...) Ich will einen großen Schritt machen. Etwas Neues. Mich befreien!« Und dazu diese Bilder!

Die Bilder begleiten jedes der 15 Kapitel in diesem Buch, Fotos aus Schwarzers privatem Archiv, es sind diese Seiten, die einen besonderen Sog ausüben. Man sieht diese Bilder – Schwarzer am Strand, im Minirock, lässig rauchend in der Bar, eng umschlungen mit dem Freund, grinsend mit der besten Freundin im Fotoautomaten – und würde am liebsten die nächsten Seiten schnell überblättern, vor bis zur nächsten Bilderseite.

Es ist kein Zufall, dass die ersten Seiten genau dieses Bild zeichnen, dafür ist Alice Schwarzer eine viel zu kluge Frau. Und doch: Diese Alice ist eine, die man selbst nur allzu gern als Freundin gehabt hätte: mutig, abenteuerhungrig, politisch interessiert, auch mal verplant und gerade deshalb so sympathisch.

Die entscheidende Frage ist: Wie wurde aus dieser energetischen jungen Frau die Alice Schwarzer, die man heute kennt? Eine, die immer noch überaus witzig, herzlich und charismatisch sein kann, die die Frauenbewegung in so vielerlei Hinsicht vorangebracht hat, aber zugleich ihre spezifische Sicht von Emanzipation und Feminismus allzu oft als die einzig mögliche betrachtet, mit ungeheurer Dominanz durchsetzt und – das ist vielleicht das Bedauerlichste – kaum noch Kritik an ihren Handlungen und Äußerungen annehmen kann, auch nicht berechtigte. Eine kämpferische, aber in sich abgeschlossene hermetische Bastion.

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Kommentare

34 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

der Feind und die Feindinnen

"... über die Jahre viele FeindInnen eingebracht ..."
Dieses ..Innen- oder ../innen-Geschreibsel tut beim lesen einfach nur weh.
Sicher, Sprache soll, kann und darf sich entwickeln, vielleicht muss sie das sogar. Aber das ist nur holprig und nichts sonst. In der Journalistenausbildung wird einem beigebracht, solche Schreibformen nie zu verwenden. Es gibt Alternativen.

Wieso nicht "... über die Jahre viele Feinde eingebracht, bei Frauen wie bei Männern ..." oder "... viele Feinde eingebracht, auch innerhalb der Frauenbewegung."
Die Mehrzahl von der Feind ist nun mal die Feinde. Oder hätten sie lieber der Feind, die Feindinnen?

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Frau Schwarzers Begründung für ihr Engagement als BILD Werbe-Ikone (Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht) und Kolumnistin zu erfahren, steht doch dieses Blatt exemplarisch für all das, was Frau Schwarzer und EMMA zeitlebens bekämpft haben.

Aber darauf werden wir wohl noch länger warten müssen.

Der wahre Charakter von Frau Schwarzer offenbart sich nicht in einer geschönten Selbstbiographie, sondern in ihren Kolumnen für Emma. Sich unter "Gleichgesinnten" wähnend, platzt ihr da der zivilisatorische Firnis ab, wie hier zum Thema Gewalt von Frauen gegen Männer:

"Der Damm ist gebrochen, Gewalt ist für Frauen kein Tabu mehr. Es kann zurückgeschlagen werden. [...] Und da muss ja Frauenfreude aufkommen, wenn eine zurückschlägt. Endlich!“
– Alice Schwarzer: Emma 1995

Ihr lobenswertes Engagement für Frauenrechte im Islam ist tragischerweise das prominenteste Opfer der auch von ihr federführend verfochtenen "political correctness" und des "gender mainstreaming". Und so wird mittlerweile selbst in der ZEIT die textile Unterordnung der Frau im Islam als Ausdruck weiblichen Selbstbewußtseins schöngeredet.

Ich teile deshalb vorbehaltlos die Auffassung Julia Seeligers in der taz:

"Es ist Zeit, dass Schwarzer als Feministin Nummer eins abtritt."

Höchste Zeit...

von gestern

Der Wind weht mittlerweile auch aus anderer Richtung, nicht nur der von Charlotte Roche.
Michael Klonovski mit seinem jüngsten Buch "Der Held: Ein Nachruf" mögen die "politisch korrekt Denkenden" noch leicht als politischen Polemiker abtun.
Wenn Matthias Franz und André Karger (mindestens einer von beiden Professor für psychosomatische Medizin) in einer DLF-Besprechung zu ihrem Buchtitel "Neue Männer - muss das sein? Risiken und Perspektiven der heutigen Männerrolle"
den Genderismus als eine "effizient arbeitende Meinungs- und Machtmaschinerie" bezeichnen, dann ist das schon eine andere Qualität.
Schauen wir mal, wohin die Reise geht.