Die Lust

Aus Königsberg an Herrn Algarotti, Schwan von Padua

Diese Nacht, getragen von seinem kräftigen Verlangen,
Schwamm Algarotti im Meer der Genüsse.
Ein Körper, vollendeter als von Praxiteles geformt,
Steigerte die neue Leidenschaft seiner Sinne.
Alles, was die Augen anspricht und das Herz bewegt,
Fand sich im Objekt der Begierde, das ihn erglühen ließ.
Außer sich vor Liebe, zitternd vor Ungeduld,
Stürzt er sich sogleich in die Arme von Chloris.
Die Liebe, die sie vereinte, erhitzte ihre Küsse
Und ließ sie sich noch enger umschlingen.
Göttliche Wollust! Herrin der Welt!
Mutter ihrer Genüsse, stets fruchtbare Quelle,
Bezeuge in meinen Versen mit Deiner Stimme
Ihr Feuer, ihr Tun, die Ekstase ihrer Sinne!
Unsere glücklichen Liebenden, in ihrer äußersten Leidenschaft,
Im Überschwang der Liebe kannten sie nur noch sich selbst:
Küssen, in Lust zergehen, seufzen und sterben,
Neu auferstehen im Kuss, um wieder Lust zu werden.
Und in den Feldern von Knidos, erschöpft, außer Atem,
So war das glückliche Schicksal dieser Liebenden.
Doch die Freude endet; am Morgen ist alles vorbei.
Glücklich, wessen Geist nie dem Prunk der Macht verfiel
Und wer die Freude gekannt!
Ein Augenblick der Lust ist für den, der genießt, so viel wert wie
Ein Jahrhundert der Ehre, dessen schöner Schein trügt.

Interlinearübersetzung: Vanessa de Senarclens