Anfang der Woche ist Deutschland unter die Rüpel gefallen. Wo gerade noch friedliche Fußgänger und Autofahrer ihrer Wege gingen oder fuhren, treiben nun wild gewordene Pedaleure "Kampfsport" auf Rädern. Weit über den Straßenverkehr hinaus sind die guten Sitten bedroht. In der jüngsten Ausgabe des Spiegels berichten entsetzte Redakteure, "wie der rasant wachsende Fahrradverkehr das Land in eine Rüpel-Republik verwandelt".

Im Lauf der letzten drei Monate muss sich die Lage dramatisch verschärft haben; so lange ist die letzte Spiegel - Geschichte über Deutschlands Fahrradfahrer her. Damals waren sie eher Opfer als Täter; zu Tausenden, so las man, kamen sie unter die Räder fahrlässiger Autofahrer. Doch pünktlich zur Automesse in Frankfurt schlagen die Opfer angeblich zurück: "Radfahrer immer aggressiver."

Beide Darstellungen beschäftigen sich letztlich mit den Folgen einer bescheidenen Modernisierung. Deutschland mag ein Autoland sein, aber es gibt einige Radfahrer, und es werden mehr. Dänen fahren zweimal so viel Rad wie Deutsche, Niederländer dreimal. Aber immerhin, seit dem Jahr 2000 ist die Zahl der deutschen Radfahrer um ein Drittel gestiegen.

Nutznießer dieses Trends sind vor allem die Autofahrer in den Städten, auf deren ohnehin chronisch verstopften Straßen es noch erheblich gedrängter zuginge, wenn all die neu bekehrten Fahrradfahrer wieder ins Auto steigen würden. Fahrräder benötigen nun einmal sehr viel weniger Platz als Autos. Ganz ohne kommen sie aber leider nicht aus – das ist das Problem. Belohnt werden die Radfahrer allerdings nicht dafür, dass sie Platz schaffen für andere. In der Verkehrsplanung der Städte spielen sie in aller Regel keine Rolle. Radwege werden angelegt, wenn zufällig etwas Platz und Geld übrig ist. Viele sind ein Hohn auf alle Vorschriften – was die Verkehrsplaner nicht daran hindert, ihre Benutzung vorzuschreiben.

Dieses klägliche Radverkehrsnetz gerät nun an seine Grenzen. Seine Nutzer weichen auf Fahrbahnen und Fußwege aus. Unfälle und Konflikte sind die Folge, schlecht verarbeitete Schuldgefühle motorisierter Verkehrsteilnehmer tun ein Übriges – fertig ist der Aufruf zum Kulturkampf. Radfahrer, heißt es nun, fühlten sich "ermächtigt zum konstanten Regelbruch". In Wirklichkeit ist der gesamte Straßenverkehr eine Sphäre des konstanten Regelbruchs; wer das nicht glaubt, der begebe sich mit Tempo 50 auf eine Hauptverkehrsstraße und beobachte im Rückspiegel das Anwachsen des Staus. Der Straßenverkehr funktioniert nicht deshalb, weil alle sich an Regeln halten; es genügt, dass die meisten es meist tun, Auto- wie Radfahrer.

Insgesamt ist der kleine Fahrradboom natürlich eine Erfolgsgeschichte: gut für die Umwelt, gut für Krankenkassen und Gesundheit, gut für Städte und Verkehr. Ausnahmsweise sind die Bürger dem Staat in einer ökologischen Frage einmal voraus. Doch nun muss auch die Verkehrspolitik sich modernisieren. Sie muss für Radfahrer Verkehrspläne entwickeln, wie es sie für Autofahrer seit jeher gibt. Wo der öffentliche Raum knapp ist, muss sie ihn zur Not neu verteilen. Mehr Platz für die Verkehrsteilnehmer, die ihn am sparsamsten nutzen – das heißt: Straßen zu Radwegen!