Das Christentum gehört zu Deutschland, der Islam gehört zu Deutschland. Gehört der Papst auch zu Deutschland? Bundespräsident Christian Wulff hat ihn eingeladen, er wird diese Frage nicht stellen, wenn er am 22. September den Pontifex in Schloss Bellevue begrüßt. Aber sie stellt sich. Wenige Tage vorher hat Wulff den türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül zu Gast. Wer warum zu Deutschland gehört, ist eines der Leitthemen seiner Präsidentschaft. Integration, präzisiert seine Pressesprecherin, meine nicht nur das Zusammenleben von Türken und Deutschen, sondern auch das von Gläubigen und Atheisten, Alt und Jung, Arm und Reich. Laut einer neuen Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung sind 63 Prozent aller Deutschen stolz darauf, dass es ein Landsmann auf den Heiligen Stuhl geschafft hat, 44 Prozent freuen sich auf den Besuch. Eine Wir-sind-Papst-Euphorie geben diese Messergebnisse nicht her, aber von Desintegration kann auch keine Rede sein. Allenfalls von Desinteresse.

Den Papst erwarten freudige, gleichgültige und feindlich gesinnte Deutsche. Protest gehört nun einmal zu Deutschland, der Wirkungsstätte Martin Luthers und anderer hauptamtlicher Papstkritiker. Mehr als 60 Gruppen haben das kritische Bündnis "Der Papst kommt" geschmiedet. Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) war gleich beim Dagegensein dabei, Ex-Musliminnen schlossen sich an, weil Islam und Katholizismus in ihren Augen einiges gemeinsam haben. Adressat der Demo soll weniger der Papst als die Öffentlichkeit sein. Deshalb kämpft das Bündnis um einen attraktiven Demo-Platz in der Hauptstadt. Der neue Berliner Erzbischof Rainer Maria Woelki gibt sich gelassen, Kurienkardinal Paul Josef Cordes, Mitglied der päpstlichen Delegation, sagt: Die Aktion der Gegner mache deutlich, dass es Widerstand gegen Glauben und Gott gebe.

Ein lockeres Heimspiel steht Benedikt XVI. nicht bevor. Von einem "Arbeitsbesuch" spricht Pater Hans Langendörfer, Chefkoordinator des Besuchs und Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz. Zum Stellenprofil des Stellvertreters Christi gehört seit Johannes Paul II. die Kunst, jubelnde Massen zu versammeln. Der Weltjugendtag in Köln war 2005 ein katholisches Sommermärchen für den frisch gewählten Benedikt. Mild lächelnd, ein bisschen schüchtern, streifte Joseph Ratzinger damals den Ruf des Panzerkardinals ab. Intellektuelle, die Gott für eine Erfindung des Gehirns hielten, achten ihn als Top-Denker, doch Katholiken ohne Philosophiestudium sehnen sich nach einem Weltklasseseelsorger. Ein pastorales Wunder von Bern wird vom Pontifex erwartet: Er soll Glaubwürdigkeit für die Kirche zurückgewinnen, zerstrittene Lager versöhnen, die Ökumene voranbringen und den Opfern des Missbrauchs ein Zeichen geben. Das eine Lager erhofft sich klare Worte gegen den Relativismus, das andere die Erlaubnis, in der Seelsorge auch mal fünf gerade sein lassen zur dürfen, ohne des Verrats an der Dreifaltigkeit beschuldigt zu werden.

Das Fernsehen wird berichten wie von einer Königshochzeit, je nach Zitatlage gelangt Benedikt in den Unterhaltungs- oder Erregungskreislauf. Er ist kein glänzender Redner. Was er sagt, lässt sich selten in zwei knackigen Sätzen verwerten. "Und der Papst schweigt" war eine beliebte Formulierung in der Missbrauchsdebatte. Doch wer hören wolle, könne klare Botschaften vernehmen, sagt Hans Langendörfer: "Die Missbrauchsdebatte hat die deutschen Bischöfe sehr beschämt. Es gab im Episkopat Angst und Verzagtheit, da hat der Papst einen Impuls gegeben, den Weg der Aufklärung zu gehen." Mittlerweile haben die Bischöfe eine Studie in Auftrag gegeben, die das Ausmaß an Verbrechen und Vertuschung offenlegen soll. Ihre Bußgeste gegenüber den Opfern fiel bei der Frühjahrsvollversammlung diskret aus. Gelingt Benedikt ein sichtbareres Signal?

Der Papst hat einen Heimvorteil, doch sein Einsatz verlangt rhetorische, diplomatische und spirituelle Fitness. In Berlin, der ersten Station, wird er das Gespräch mit der Politik suchen; in Erfurt, just in jenem Augustinerkloster, in dem Martin Luther Antipäpstliches formulierte, bemüht er sich um den Dialog mit der evangelischen Kirche. Auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin dauert der Gedankenaustausch länger als ursprünglich vorgesehen, exakt von 11.45 Uhr bis 12.20 Uhr. Er wird im Eichsfeld Marienfrömmigkeit zelebrieren und in Freiburg im Konzerthaus sprechen. Dazwischen sind Begegnungen mit der jüdischen Gemeinde, Vertretern des Islams und Opfern des Missbrauchs vorgesehen, über allem schweben die Messfeiern vor großer Gemeinde.