Papst Benedikt XVI. verabschiedet sich von Freiwilligen nach dem Weltjugendtag in Madrid.

Der kürzeste Witz über die Allmacht besteht nur aus einem Satz: »Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm von deinen Plänen.« Das soll heißen, dass der Allmächtige sich nicht um die kleinen Pläne seiner Geschöpfe kümmert. Der Mensch denkt, und Gott lenkt: So sahen es schon die alten Griechen, so ungefähr steht es in der Bibel, und so kann es selbst einem Papst passieren. Als vor sechs Jahren Joseph Ratzingers Wahl durch das Konklave besiegelt wurde, da fühlte der Kardinal, wie er später sagte, »das Fallbeil auf mich herabfallen«. Wieso empfindet der Stellvertreter Gottes diese höchste aller Ehren als ein Todesurteil? Aus Ehrfurcht vor dem Herrn? Aus Sentimentalität für das nun unwiederbringliche Gelehrtendasein? Nein. Wer vor der eigenen Papstwahl erschrickt, reagiert nur allzu menschlich auf das Absurde dieses Amtes.

Denn wer Papst wird, hört auf, ein Mensch unter Menschen zu sein, und muss für den Rest seines Lebens als Gottes einsamster Diplomat im Niemandsland zwischen Himmel und Erde schweben. Das gelegentliche Herabsteigen zu den Gläubigen – huldvolle Segnung, gnadenvolle Berührung – besiegelt nur die eigene Entrücktheit. Denn die Distanz des Papstes zur Welt ist eine andere als die der weltlichen Herrscher oder Stars, nämlich Zeichen des Absoluten. Dieser eine kennt den Willen Gottes und die Wahrheit. Dieser eine ist unbezweifelbar, also unberührbar. Mal ehrlich: Wer will das? Dass das Papsttum einem Verhängnis gleichkommt, nicht zuletzt für den Papst selbst, davon handelt auch eine neue Filmkomödie von Nanni Moretti, die in Italien innerhalb nur zweier Monate eine Million Zuschauer hatte. Habemus Papam – Ein Papst büxt aus erzählt von einem Auserwählten, der es nicht schafft, nach seiner Wahl auf den berühmten Balkon überm Petersplatz zu treten. Blöder Jux, kann man sagen. Doch der Film zeigt, was als Unbehagen die Debatte um das Papsttum schon ewig prägt: die absolute und durch nichts Irdisches legitimierte Macht. Da weichen die Kardinäle plötzlich vor dem einen Kardinal zurück und himmeln ihn als Heiligen Vater an, was diesen in Panik versetzt, denn er selbst hat nicht das Gefühl, der legitime Besitzer des Schlüssels zum Himmelreich zu sein. Erfüllt ein Papst überhaupt den biblischen Auftrag richtig, diesen Schlüssel zu verwalten, indem er absolutistisch über das geistige Reich des Katholizismus herrscht?

Darüber streiten nun seit Petrus die Theologen. Es ist aber eine Frage, die auch Nichtkatholiken interessieren kann, weil sie letztlich unser aller Verhältnis zur Herrschaft und unser Verständnis von Freiheit betrifft. Schlicht gesagt: In einer freien demokratischen Gesellschaft muss sich alle Macht innerhalb der Welt und mit Vernunftgründen legitimieren. Eine Macht, die das nicht will und kann, ist für uns schwer akzeptabel. Der päpstliche Anspruch jedenfalls, einen direkten Draht zu Gott zu haben, und deshalb im Zweifelsfall die Wahrheit zu dekretieren, passt nicht in die Demokratie. Carl Schmitt fand: Der Führer setzt das Recht, weil er der Führer ist. Der Vatikan findet: Der Papst ist der Stellvertreter Gottes, weil das Gottes Ratschluss ist. Aus dieser totalitären Falle kommt man auch nicht heraus, indem man fordert, der Papst müsse sich ändern – denn dann müsste auch Gott sich ändern.

Vielleicht ist das ja der Grund, warum viele Katholiken hierzulande den Papst zwar ungern missen möchten, aber sein Amt auch nicht wirklich ernst nehmen. Sie ignorieren jedenfalls seine Positionen zu gewissen Fragen. Für sie ist der Papst auch nur ein Mensch. Und was denkt Benedikt? Wer wie er die alten Attribute Gottes ernst nimmt, wer also an Allmacht, Allwissenheit, Allgüte glaubt, der gerät als Papst in einen Selbstwiderspruch. Es ist der Widerspruch zwischen seiner Herkunft als Bürger und seinen quasigöttlichen Attributen. Selbst Benedikt, so wenig begeistert von der Demokratie er sein mag, kommt doch aus einer freiheitlichen Gesellschaft, wo die Gewalt geteilt ist und die Wahrheit des Katholiken ebenso viel wie die des Atheisten gilt. Dementsprechend behandeln denn auch deutsche Politiker den Papst, nämlich als Bürger, und beantworten so die Machtfrage gegenüber dem Vatikan.

Zwei letzte Fragen aber können nur die Katholiken selbst klären. Erstens: Ist ein Katholizismus ohne Papst denkbar? Nein, sagen konservative Theologen, er ist der unverrückbare Fels dieser Kirche. Zweitens: Lässt das Papstamt sich demokratisieren? Vielleicht, sagen manche Reformtheologen, die sich damit aber ganz klar außerhalb der gegenwärtigen offiziellen Kirchenlehre stellen. Die Kirche ist hierarchisch ganz starr auf den Papst hin ausgerichtet. Trotzdem wäre auch ein Papstamt ohne kirchliche Allmacht und ohne Unfehlbarkeit denkbar, als Symbol der Einheit der Kirche, als moralische Instanz, als Repräsentation der Kirche nach außen. Ein Papst, demokratisch vom Volk Gottes gewählt. Ein Papst, der nicht über den Entscheidungen von Synoden und Konzilien stünde. Diese Diskussion ist schon seit dem Mittelalter unter dem Stichwort »Konziliarismus« im Gange. Zurzeit kann man darüber aber nicht offen reden. Wer sich dazu als Theologe äußert, muss leider mit einem Lehrbeanstandungsverfahren rechnen. Denn hier geht es um eine Frage der Macht.