Hauptstadt im Wandel: Berlin

Wer noch mal Ost-Luft schnuppern möchte in Berlin, kann zum Beispiel in den Stadtteil Weißensee fahren. Vom Alexanderplatz ist es mit der Straßenbahn zwar nicht einmal eine Viertelstunde, doch die Ästhetisierung der Lebenswelten steht noch ganz am Anfang. Entlang der Berliner Allee herrscht erkennbar kein Dresscode, das lieblich Dekorative wird stolz zurückgewiesen. So sah das auch schon vor fünfzehn Jahren aus, als das Abgewrackte des Sozialismus eine demütigende Verbindung mit dem Billig-Bunten der neuen Westwaren einging und zwischen die brüchigen Altbaufassaden die fiesesten westlichen Ramschketten zogen. Es ist kein verwahrlostes Stadtviertel, die Bewohner eifern nur nicht jenem Bild von Wohnlichkeit, Gesundheit und guter Laune nach, wie es das Werbeplakat zum Hypothekenkredit vorsieht.

Doch biegt man von der Berliner Allee ab in eine der Kopfsteinpflasterstraßen, die zum Weißenseer Park führen, ändert sich die Szenerie. Zwischen den herrlichen Bäumen stehen elegante neue Architektenhäuser. Dahinter ruht der See. Vorhänge kennt man hier nicht, und so sieht man durch die Fensterfronten die hohen Bücherregale. Eine Mustersiedlung der Gentrifizierung. Noch stehen überall die Kräne, aber es besteht kein Zweifel, dass Schönheitssinn, Selbstpflege und überhaupt die ästhetische Erziehung des Menschen künftig eine herausgehobene Rolle spielen werden. Wer hier baut, vertraut darauf, dass sich die Nachbarschaft insgesamt nach dem eigenen Bild wandelt.

Hier wohnt Heinz Bude . Als Soziologe beobachtet er die Veränderungen der Gesellschaft. Aber anders als bei vielen seiner Kollegen hat man immer den Eindruck, einen Feldforscher vor sich zu haben, der die Gesellschaftsdiagnosen, die er anstellt, gern selbst verkörpert. Drei Jahrzehnte lang lebte Heinz Bude in Kreuzberg. Jetzt ist er mit seiner Frau und seiner Tochter nach Weißensee gezogen. »Kreuzberg«, sagt Heinz Bude, »ist für uns furchtbar geworden, weil es da zu viele gibt, die nicht wirklich etwas zu tun haben, die im Café sitzen und Bilder von sich selbst entwerfen.« Berlin sei jetzt im Umbruch von der experimentellen zur residenziellen Stadt. Jetzt würden die Claims abgesteckt: »Hier monopolisiere ich, da monopolisierst du.« Dabei lächelt er sardonisch, denn er weiß, dass solche Sätze Anstoß erregen. Aber für Bude ist das Vielfalt. Großstadt ist kein Ort der Homogenität: »Die unvollständige Integration ist das Wesen der Stadt.«

Einer der Motoren für diesen Wandel zum Residenziellen sei das Modell der Baugemeinschaft, bei dem sich mehrere Familien zusammentun, um gemeinsam ein Haus zu bauen. Das spart die Kosten des Investors und stärkt zugleich den Eigentümerstolz: »Wir sind unsere eigenen Herren.« Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung unterstützt dieses Modell, indem sie den Baugemeinschaften entsprechende Grundstücke anbietet. Die Berliner Logik der Baulücke und die Idee einer »Verfriedlichung der Stadt durch genossenschaftliches Engagement« ergänzen sich in diesem Modell. »Es ist«, sagt Bude, »die Renovierung eines Stadtbürgertums, und das hat auch etwas mit dem Anspruch des Wirken-Wollens zu tun: Wir wollen soziale Repräsentation.« Bude scheut das Wort nicht. Er versteht es positiv. Denn wer wirken will, ist in der Pflicht. Der Ausdruck des Selbst hat immer etwas mit Eigenverantwortung zu tun, und nur so entstehen Bürgergesellschaften.

Am kommenden Sonntag wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus , das Landesparlament. Wenn der Wahlkampf ein Thema hatte, dann die Gentrifizierung. Also die Sorge, dass immer mehr Menschen mit Geld in die Stadt kommen und die alten Kiezstrukturen zerstören, dass die steigenden Mieten einen sozialen Verdrängungsprozess in Gang setzen.

Gentrifizierung ist ein Begriff, der auf moralische Zerknirschung setzt. Genauer auf Selbstzerknirschung, denn am liebsten führen ihn diejenigen im Munde, die zu den aufgeklärten Antreibern dieses Prozesses gehören. Dabei müsste man eigentlich fragen: Wer hätte sich träumen lassen, dass ausgerechnet das arme Berlin einmal ein Gentrifizierungsproblem haben würde ? Es könnte schlimmere Nachrichten geben.

Gentrifizierung ist ein Zeichen von Dynamik, einer Dynamik, die man Berlin nicht zugetraut hatte. Gentrifizierung meint im Positiven: Es kommt Geld in die Stadt, die Stadt zieht bürgerliche Milieus an. Aus der abgeschlossenen und durchsubventionierten Insel Berlin ist ein Ort erhöhter sozialer Mobilität geworden, an dem neue Lebensentwürfe schneller erfunden werden als im Rest des Landes. Deshalb feiert die Stadt ihren Spitzenkoch Tim Raue, der wie kein Zweiter die Verbindung aus Mutterwitz und Urbanität verkörpert. Anders gesagt: Schlimmer als Gentrifizierung wäre ihr Ausbleiben.