Die verdächtigen Häuser stehen zwischen Ahorn und Kastanien. Zwei Würfel, eierschalenfarben, mit je vier Geschossen, obenauf ein Penthouse, und um das Grundstück verläuft ein hoher, schmiedeeiserner Zaun. Äußerlich fügen sie sich bestens ein ins feine Leipziger Musikviertel mit seinen sanierten Gründerzeitvillen.

Aber hinter dem Zaun stehen nicht nur die zwei Häuser, dahinter steckt auch ein Konzept. Es heißt "Central Park Residence – Leipzig First Gated Area". Das bedeutet: Auf dem Grundstück am Clara-Zetkin-Park entsteht die erste geschlossene und bewachte Wohnanlage der Stadt. Es ist ein Konzept, das aus den USA stammt, wo Millionen Menschen in Vorortsiedlungen hinter hohen Zäunen leben, beschützt von Wachpersonal.

Als Roland Kober vor drei Jahren mit der Planung für die "Central Park Residence" begann, fand er, dass auch in Leipzig die Zeit reif sei für eine bewachte Wohnanlage. "In den letzten Jahren haben sich in der Region einige große Firmen angesiedelt. Durch diesen wirtschaftlichen Aufschwung lohnt es sich, so ein aufwendiges Projekt zu machen", sagt Kober, der Projektleiter der Baufirma. Außerdem habe er mit vielen Leipzigern gesprochen, die über zunehmende Kriminalität klagten. Zwischen 2007 und 2010 hat sich die Zahl der Einbrüche in Leipzig mehr als verdoppelt. "So kamen wir darauf, dass wir auch Wert auf Sicherheit legen müssen", sagt Kober

Die Stadt, die außerhalb des Zauns liegt, hat allerdings noch weitere Facetten. BMW und Porsche haben zwar Fabriken in Leipzig gebaut, aber nur wenige Menschen können sich die Autos leisten, die dort vom Band laufen: Leipzig gilt als Deutschlands Hartz-IV-Hauptstadt, die Arbeitslosenquote liegt bei 13 Prozent. Eine Gated Area, befürchtet Karsten Gerkens vom Amt für Stadterneuerung, wirke sich negativ auf das soziale Klima aus: "Leipzig ist eine offene Stadt. Es ist bedenklich, wenn irgendwo ein Großteil der Bürger ausgeschlossen wird."

Freilich haben sich auch die Leipziger an die Gentrifizierung gewöhnt, jene Verteuerung einfacher Wohnlagen durch zahlungskräftige Zuzügler. Aber Vermögende, die sich in eine Parallelgesellschaft hinterm Zaun zurückziehen? Die "Abschottung einzelner Areale" sei unerwünscht, sagte ein Sprecher des SPD-geführten Rathauses, als die Pläne bekannt wurden. Und auch die Lokalausgabe von Bild schlug Alarm: Die Reichen schotten sich ab! Kobers Idee und die Stadt Leipzig, finden die Kritiker, passten nicht zusammen.

"Mit diesem Gegenwind haben wir nicht gerechnet", sagt Kober. Er ist in Leipzig aufgewachsen, der 54-Jährige kennt die Stadt. Mit einem Geschäftspartner verwaltet er hier 18 Häuser. Die laute Kritik erklärt er sich mit fachlichem Unverständnis. "Das war das erste Mal, dass so ein Sicherheitsstandard öffentlich thematisiert wurde. Aber niemand hat mit uns darüber gesprochen, was wir gemeint haben." Offenbar gibt es zwei Definitionen des Begriffs Gated Area: die von Kober und die der anderen.

Was in Leipzig als Neuheit gilt, ist in München , Frankfurt am Main oder Berlin längst etabliert. Das wohl bekannteste Beispiel heißt "Arkadien" und liegt in Potsdam auf einer Halbinsel in der Havel: Zaun, Kameras, Pförtner. Auch an "Arkadien" gab es Kritik. Und es dauerte etwa zehn Jahre, bis alle Wohnungen verkauft waren. "Geschlossene Wohnsiedlungen sind in Deutschland unbeliebt, weil sie dem Leitbild der europäischen Stadt widersprechen", sagt Georg Glasze , Professor für Kulturgeografie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Europäer erwarteten eine gewisse Mischung von ihren Städten, diese sollen Treffpunkt der sozialen Schichten sein.