Dieses Gedicht war ein Gerücht. Noch vor Kurzem bedauerte der britische Historiker Christopher Clark in seinem großen, viel gelesenen Preußen-Buch, dass die Verse wohl verloren seien. Verse aus der Feder Friedrichs des Großen über die Freuden des Orgasmus – das hätte in der Tat den ebenso vielfältigen wie riesigen schriftlichen Nachlass des berühmten Monarchen um eine ungewöhnliche Note bereichert.

Doch Clark irrte. Friedrichs Gedicht La Jouissance (Die Lust) hat überlebt, verborgen im ehrwürdigen Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem. Hier ruht das Manuskript – eine Kopie des Originals von unbekannter Hand – zwischen Briefen des Kronprinzen und späteren Königs von Preußen. Bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts wird es dort aufbewahrt, ohne dass es jemand entdeckte. Oder entdecken wollte.

Als offiziell verschollen galten die Verse schon, bevor sie ins Archiv gelangten. So gab in den Jahren 1846 bis 1857 der Historiker Johann David Erdmann Preuss eine Ausgabe der Werke Friedrichs in 31 Bänden heraus. La Jouissance ist darin nicht enthalten. Niemand wusste damals, wo das Gedicht geblieben war. Erst 1894 gelangte die Kopie aus Italien nach Berlin. Sie stammte aus dem Nachlass Francesco Algarottis, des Mannes, für den Friedrich das Gedicht geschrieben hatte. Ein gewisser »Cavaliere Guggenheim zu Venedig« schenkte es Wilhelm II.

Eigentlich wäre das der Moment gewesen, nach dem Alten Fritz auch den frivolen Fédéric einem großen Publikum zu präsentieren. Doch der Kaiser beeilte sich, das Gedicht an das Königliche Hausarchiv zu geben, wo es vergraben wurde. Auch als 1912 zu Friedrichs 200. Geburtstag seine durchgehend auf Französisch verfasste Lyrik übersetzt und in der zehnbändigen Gesamtausgabe von Gustav Berthold Volz veröffentlicht wurde, entschied man, La Jouissance zu »vergessen«. Ein Gedicht, das die sexuelle Lust als »Herrin der Welt« preist, war in Zeiten tiefsten nationalen Ernstes und höchster patriotischer Pflichterfüllung schwer mit dem Bild des »großen Feldherrn« und preußischen Idealmonarchen in Einklang zu bringen.

Friedrich selbst hätte derlei vaterländische Frömmelei gewiss amüsiert. Zu seiner Zeit war das Gedicht kein Geheimnis. Datiert ist es auf den 20. Juli 1740. Friedrich schrieb es wenige Wochen nachdem er König geworden war. Sofort schickte er es an seinen Mentor Voltaire nach Frankreich zur Begutachtung. Im beiliegenden Brief heißt es, La Jouissance sei das einzige Gedicht, das er seit seiner Thronbesteigung habe verfassen können. Seine neue Verantwortung als König lasse ihm einfach keine Zeit mehr für diesen ihm liebsten Zeitvertreib. Auch erläutert er, wie die Verse entstanden sind: »Algarotti hat sie veranlasst; ihr Thema ist die Lust. Der Italiener meinte zu wissen, dass wir, die Bewohner des Nordens, nicht im Stande seien, so heftig zu empfinden wie unsere Nachbarn am Gardasee. Ich habe empfunden und habe es so geschildert wie ich nur konnte, um ihm zu zeigen, dass wir trotz unserer Konstitution zu Gefühlen fähig sind. Sagen Sie mir«, bittet er Voltaire, »ob meine Darstellung gelungen ist oder nicht. Erinnern Sie sich dabei, dass es Augenblicke gibt, die genau so schwer darzustellen sind wie die Sonne in ihrem Glanz.«

Glühende Körper, vergängliches Glück

Francesco Algarotti zählte zu den engsten Vertrauten Friedrichs. 1712 in Venedig zur Welt gekommen (im selben Jahr wie der König), wurde er 1737 durch einen populärwissenschaftlichen Essay über Newton bekannt, Il Newtonianismo per le dame. Mit einem Empfehlungsbrief Voltaires in der Tasche reiste er zwei Jahre später nach Rheinsberg. Schon die erste Begegnung begeisterte den Kronprinzen Friedrich: »Er hat viel Feuer, viel Lebhaftigkeit und viel Weichheit; mir zusagend wie nur irgend möglich.« Der weit gereiste Schöngeist genoss fortan – bis zu seinem Tod 1764 – Friedrichs Freundschaft und Unterstützung. In Anspielung auf die Heimatstadt von Algarottis Vater redet Friedrich ihn in zahlreichen Briefen, Episteln und Oden mit dem poetischen Namen »Schwan von Padua« an.