An einem ihrer ersten Abende saßen sie an der Alster in Hamburg, und Ann-Kathrin Guballa, genannt Aki, sagte zu Sebastian Schlösser: Also, eigentlich bist du viel zu jung und viel zu verrückt für mich. Sie war 34, Maskenbildnerin mit langer Theatererfahrung und einer Zukunft bei großen Filmproduktionen, eine Frau mit einem Motorrad und einem Landhaus an der Elbe, aber ohne Familienpläne, ein Mann musste jetzt nicht unbedingt sein, schon gar keiner, der acht Jahre jünger war als sie. Auf den Einwand ihrer inneren Stimme hat sie dann doch nicht gehört. Hätte ich mal, sagt sie heute, mit 42, aber sie lacht dabei leise. Das Lachen über all das, was passiert ist – das ist vielleicht das Schönste an dieser schönen, traurigen Geschichte, die zeigt, wie schnell die Liebe in Gefahr geraten, aber auch, welche unglaubliche Kraft sie entwickeln kann.

Du bist verrückt – wie viel Wahrheit in diesem Satz lag, konnte sie damals nicht ahnen. Sie hatte sich verliebt in einen Mann, den sie klug fand und lustig.

Sie hatte ihre letzte Vorstellung beim Hamburger Schauspielhaus, er seine erste Produktion als Regieassistent, und wie er da auf die Probebühne kam, groß und laut und auch ein bisschen großkotzig, aber mit einer Begeisterungsfähigkeit, der man sich nicht entziehen konnte, da glaubten alle zu spüren, von dem wird man noch viel hören in der Theaterwelt. Er selbst glaubte es auch, vielleicht war das schon der Wahn. Er schenkte ihr dann ein Päckchen Zigaretten, Marke Fortuna, und sagte: Das kann ja nicht sein, dass du jetzt gehst, und wir haben uns noch gar nicht richtig kennengelernt.

Als der kluge und lustige Mann schon Vater ihres Kindes war und gerade eine Premiere an einem Berliner Off-Theater vorbereitete, fand er sich so klug und lustig, dass er sich in einem Fünfsternehotel in die Präsidentensuite einmietete, das Personal beschimpfte und sich im Bademantel mit dem Taxi zum Roten Rathaus fahren ließ, weil er dem Regierenden Bürgermeister erklären wollte, wie man das Theater der Hauptstadt revolutioniert. Der Bürgermeister war dann nicht da, das Hotel schickte die Polizei hinterher, weil der Herr aus der Präsidentensuite nicht bezahlt hatte.

Aki Guballa saß zu Hause in Hamburg mit dem Kind, das anderthalb war, und wenn in diesen Wochen im Juli 2005 das Telefon klingelte, waren es beunruhigende Nachrichten aus Berlin, übermittelt von Freunden. Sebastian kauft die halbe Stadt auf. Kostüme, Kosmetik, Requisiten. Sebastian ist von der Polizei in die Charité gebracht worden, in die Psychiatrie.

Wechsel aus Raserei und totaler Niedergeschlagenheit

Das mit der Charité glaubte man ihr schonend beibringen zu müssen (inklusive der Aussage der Ärztin, die den Kranken nach Hause schickte – er solle sich einmal richtig ausschlafen, dann werde es schon wieder), aber sie wusste längst, was los war. Er war durchgedreht, so einfach war das, und dafür braucht man auch keine von diesen umständlichen medizinisch und politisch korrekten Formulierungen, die Aki Guballa sowieso nur mit einem Schmunzeln ausspricht. Bipolar Erkrankte. Erfahrene, sagen sie im Therapiejargon. Was soll das? Sie kennt sich aus mit Masken, sie sieht, was drunter ist.

Wenn er sich in den Wochen zuvor bei ihr gemeldet hatte, war Sebastian fahrig gewesen. Er hatte Monologe gehalten, denen sie kaum hatte folgen können, er war zu schnell für sie. Einmal hatte er angerufen, um zu verkünden, er habe jetzt eine andere. Sie solle auch nicht zur Premiere nach Berlin kommen, da sei ja jetzt die neue Freundin, da wolle er sie, die Verlassene, nicht ins Messer laufen lassen. Sie ist, als er diese Unverschämtheit ins Telefon sagte, nicht empört in den nächsten Zug gestiegen, sie hat ihn nicht zur Rede gestellt. Wäre ja normal gewesen: eine verletzte Frau, die sitzen gelassen wurde. Stattdessen war dieser kurze Trennungsanruf exakt der Moment, in dem sie begriff: Er ist krank, er braucht Hilfe. Und das Wissen: Ich kann die Hilfe nicht sein.

Sie kannte das von einem Freund und einer Freundin, zweimal schon hatte sie in ihrem Leben mit manisch-depressiven Menschen zu tun gehabt, einer von ihnen war ein Schauspieler auf Höhenflug, der an einem Samstag glaubte, dass er den Auftrag habe, bis zum Sonntagmorgen, zum Beginn der Messe, die Welt zu retten. Ihn hatte sie in der Psychiatrie besucht, er hat ihr erzählt, wie das ist, wenn der Wahn eine Woche lang hinter einem steht und man ihn spürt, bis er einen endlich packt. Wie normal einem alles scheint, was man tut, auch wenn es noch so absurd ist, ein in sich geschlossenes logisches System.

Daran musste sie nun denken, und ihr war klar: Wenn ich jetzt zu Sebastian fahre, mache ich ihn aggressiv. Er fährt sein Programm, wenn ich ihm dazwischengerate, kann das gefährlich sein, für mich, für ihn, für das Kind.

Sie hat dann Freunde angerufen, die ein Auge auf den klugen und lustigen Mann hatten, der jetzt auch irgendwie irre war. Wochen später dann, wieder in Hamburg, nach zwei, drei Monaten, in denen er nur eine Stunde pro Nacht schlief, der totale Zusammenbruch, die Diagnose: manisch-depressiv. Psychiatrie, Lithium, ein Medikament, das einen umbringen kann, wenn man zu viel davon nimmt, das traurig machen kann oder fett. Fett wurde er nicht, traurig schon, antriebslos, ein Formel-1-Wagen ohne Motor, wie er sagt.

Doch endlos wirkende sechs Monate nach der Entlassung aus der Psychiatrie ist er aus dem tiefen, schwarzen Loch aufgetaucht und hat ein neues Leben begonnen, seine Familie wiedergefunden, ein neues Studium angefangen, Jura, ein bewusst gewähltes bodenständiges Milieu, in dem exzentrisches Verhalten weniger toleriert wird.

Und er hat alles aufgeschrieben. In berührenden Briefen an seinen kleinen Sohn hat er erklärt, was damals, vor sechs Jahren, mit ihm los war, warum er weg war, für Kind und Frau unerreichbar, für den Rest der Welt eine Nervensäge, ein Außerirdischer, dann ein Verzweifelter, der alles zerstört hatte, was ihm im Leben wichtig war. Frau und Kind betrogen und verletzt, allein gelassen, unfähig, weiter am Theater zu arbeiten, irgendeine Idee auf die Bühne zu bringen, das Konto weniger als leer.

Er hat beschrieben, was diese Krankheit, die 2,5 Millionen, vielleicht 5 Millionen Menschen in Deutschland haben, mit ihm gemacht hat: dieser Wechsel aus Raserei, Größenwahn, Geldverprassen, Leute-Zuquatschen und totaler Niedergeschlagenheit, diese Krankheit, über die zahllose Songs geschrieben wurden und die eine eigenartige Faszination ausübt, weil sie gerade sehr kreative Menschen befällt, Hemingway, Mozart, Amy Winehouse – eine Krankheit für Genies, aber die Ehre, sich in diese Liste einzureihen, würde man sich selbst und seinen Nächsten gern ersparen. Das ZEITmagazin hat im vergangenen Jahr Sebastian Schlössers Briefe an seinen Sohn gedruckt , jetzt ist daraus ein Buch entstanden: Lieber Matz, Dein Papa hat ’ne Meise .

Ein Sommerabend, einer der wenigen, an denen man draußen sitzen kann in diesem Jahr. Aki Guballa hat gesagt, sie brauche, um ihre Seite der Geschichte zu erzählen, einen ordentlichen Wein und je ein Päckchen Zigaretten und Taschentücher. Sie bleibt dann doch sehr gefasst, den ganzen langen Abend über. Das alles noch mal zu lesen, sein Buch, in dem sie Ada heißt, die Briefe an den Sohn, der jetzt sieben ist, war ein ganz merkwürdiges Gefühl, sagt sie, »als wäre eine Wand zwischen dem Buch und mir«. Sie hat ja einen Großteil der manischen Phasen nur indirekt miterlebt, durch die Berichte der Freunde, und dann, als er in der Psychiatrie war, in seinem Wolkenkuckucksheim, wie er es für den Sohn nennt, da war sie erst recht draußen vor der Tür. Als sie am Schluss des Buches angekommen war, hatte sich die Wand aufgelöst, und sie musste weinen: an der Stelle, als Sebastian, vom Wahn verlassen, aber auch von seiner Lebensfreude, darum bittet, wieder bei ihr aufgenommen zu werden, nach einigen Monaten des Abstands, der getrennten Wohnungen. An der Stelle, als sie ihm Bleiberecht gewährt und ihn irgendwann das Glück überkommt, Gefallen am ganz normalen Leben zu finden, in dem er seine kleine Familie bekocht.

Keine Depression ohne leidende Angehörige

»Mein Körper hat sich angefühlt wie damals«, erzählt Aki Guballa, sie habe Krankheitssymptome entwickelt, die sie auch in der Hoch-Zeit der Manie hatte. Sie brauchte ja irgendwann selbst eine Therapie, der kranke Mann, die Arbeit auf dem Filmset, der Sohn, um den sich dann häufig die Oma kümmerte und der nicht belastet werden sollte durch die Situation, es war eben sehr viel.

Und während sie erzählt, wie sie als Paar darüber gesprochen haben, wie diese ungute Zeit wieder Besitz ergreifen wollte von ihr, da denkt man: Wahrscheinlich war genau diese Fähigkeit, ihre Gefühle in Worte zu fassen, die Rettung für sie und für ihn und für sie beide. »Wir konnten«, sagt sie, »außerhalb der ganz heißen Phase, immer gut über unsere Ängste reden.«

Wenn einer eine manische Depression hat, macht er auch die Menschen krank, die ihm am nächsten sind. Keine Manie, keine Depression ohne leidende Angehörige. Die meisten Kranken suchen sich in ihrer manischen Zeit ein neues Umfeld, sie verschleißen eine unglaubliche Menge von Leuten. Sie sind gewinnend, faszinierend für diejenigen, die ihnen zum ersten Mal begegnen. Sie sind anstrengend und beängstigend für diejenigen, die sie kennen. Und sie heulen sich, wenn sie depressiv sind, schier endlos aus bei ihrem Partner. Eigentlich weiß man nicht, was mehr Kraft kostet: ihre Exaltiertheit oder ihre Zurückgezogenheit. In beiden Fällen ist man machtlos.

Der Angehörige eines Manisch-Depressiven zu sein bedeutet erst einmal: zuschauen, wie der Mensch, den man liebt, ein Fremder wird, der abwechselnd abhebt und sich in seinem Unglück vergräbt, in der einen Phase so unerreichbar wie in der anderen. Und nach dem Zuschauen kommt, bevor es mit Glück irgendwann wieder aufwärts geht, oft erst einmal der eigene Zusammenbruch.

Als er Sebastian Schlössers Briefe las, war Horst Giesler sprachlos. Er ist 61, selbst Vater einer manisch-depressiven Tochter und sitzt im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für bipolare Störungen . Giesler veranstaltet Seminare für Angehörige von Manisch-Depressiven, er hat in seinen Seminaren viele Erwachsene weinen sehen. Er kennt die Schockstarre der Angehörigen, die gerade den ersten Schub miterlebt haben. Er kennt die in einer Endlosschleife gesprochenen Sätze wie »Lass dich nicht so hängen«. Sätze, die, wie das »Bitte haben Sie einen Moment Geduld« einer Service-Hotline, exakt das Gegenteil bewirken. Er kennt das verzweifelte Einreden auf den Manischen, die Vorwürfe, die absolut wirkungslos bleiben.

Viele müssen erst einmal lernen, all das, was eine natürliche Reaktion wäre, sein zu lassen. Aki Guballa hat diese Phase einfach übersprungen. Ein absoluter Glücksfall für den Kranken, für das Paar, sagt Giesler, der von solchen Wundern leider selten hört, dieses Verhalten einer Partnerin sei nicht die Regel, was schon mal damit zu tun hat, dass die meisten Diagnosen erst acht bis zehn Jahre nach dem ersten Schub gestellt werden. Es ist eine Krankheit, die sich langsam anschleicht, um dann mit größter Brutalität Beute zu machen.

Die wenigsten Angehörigen gehen offensiv mit der Krankheit um. Tun sie es doch, steigern sie nach Gieslers Erfahrung die Wahrscheinlichkeit massiv, dass der Patient mit seiner Krankheit leben lernt. Weshalb die Gesellschaft für bipolare Störungen für einen engen Austausch zwischen Ärzten, Kranken und Angehörigen wirbt – Giesler weiß, dass das im Grunde ein schöner Traum ist in einer Welt, in der Ärzte die Gespräche mit Angehörigen nicht abrechnen können und es eine katastrophale Unterversorgung mit Psychiatern gibt.

Er habe übrigens, sagt er, noch keinen einzigen Fall erlebt, in dem ein Kranker langfristig ohne Medikamente ausgekommen sei. Manche versuchen es, aber »wer mit dieser Krankheit spielt, der spielt mit seiner Gesundheit«. Die Suizidrate unter Manisch-Depressiven liegt bei 15 bis 30 Prozent.

Aki Guballa ist eine Frau, die nicht zur Hysterie neigt. Als ihr Freund, während sie mit Wehen im Krankenhaus liegt, in letzter Minute von einer Theaterinszenierung in Heidelberg zur Geburt in Hamburg angereist kommt, nach einer durchzechten Nacht, die Manie noch irgendwo in sich begraben, aber das Leben schon alarmierend exzessiv, bleibt sie cool. Sie erklärt diese Besonnenheit durch den frühen Tod ihres Vaters. Er war 46, sie 18, und aus dieser frühen Verlusterfahrung hat sie mitgenommen, dass man sich nicht lange aufhalten sollte mit Dingen, die man eh nicht ändern kann. Dafür ist die Lebenszeit zu kostbar, findet sie.

Was in den Büchern steht, klingt wie ein Lebensverhinderungsprogramm

Und was die Manie ihres Freundes betrifft, da hatte sie schnell die Entscheidung getroffen: Ich lass mir von so einer doofen Krankheit nicht meinen Sebastian nehmen. Diesen Mann, mit dem sie lachen konnte über die gleichen Filme, streiten übers Theater und über alles Mögliche, so richtig streiten, wie sie es nie gelernt hatte. Also das Profi-Programm, das sie abspulte ohne Rücksicht auf ihre eigenen Interessen und Gefühle. Sie las Bücher über die Krankheit, eines nach dem anderen. Keinen psychologischen Notruf, den sie nicht angerufen hätte. Sie sprach mit Freunden. Und sie erfuhr immer mehr über diese Krankheit, die nie weggeht, mit der man nur zu leben lernen kann, die man dressieren kann wie einen eingesperrten Tiger, der aber doch immer Tiger bleibt, immer Raubtier, immer gefährlich. Aki Guballa liest, was ihr Part ist, wie sie helfen kann, den Tiger zu besänftigen.

Vermeiden Sie, dass zu häufig Besucher kommen. Vermindern Sie Lärm und Aktivität im Haus. Hören Sie Musik nicht zu laut. Vermeiden Sie Partys. Versuchen Sie, Diskussionen zu vermeiden. Sprechen Sie nicht über Gefühle. Lassen Sie sich nicht von der Euphorie und den unrealistischen Ideen des Manikers anstecken. Versuchen Sie nicht, den Betroffenen davon zu überzeugen, dass seine Pläne unrealistisch sind.

Was in den Büchern steht, klingt wie ein Lebensverhinderungsprogramm.

Es ist Ihre Aufgabe, Verantwortung zu tragen, sinnlose Käufe rückgängig zu machen oder ein gutes Wort für den Kranken bei Verwandten und Berufskollegen einzulegen. Das kann anstrengend und stressig sein. Seien Sie nachsichtig, wenn Sie der Kranke bloßstellt oder in peinliche Situationen bringt. Das Schlimmste ist, wenn Ihr Familienmitglied oder Partner keine Krankheitseinsicht zeigt.

Aki Guballa weiß, dass er genervt ist von den besorgten Blicken derjenigen, die ihm Gutes tun wollen, deshalb spinnt sie das Helfer-Netzwerk so diskret wie möglich. Sebastian wird nie allein gelassen, ständig schaut wie zufällig irgendein Freund oder Verwandter vorbei (um dann bei ihr Bericht zu erstatten, zum Beispiel: Sebastian fährt mit einem Kofferraum voller neuer CDs, Kameras und Bücher durch die Gegend und bietet allen, die er kennt, an, sich zu bedienen). Für ihn aber ist er selbst der einzige Normale in einer Welt der Durchgeknallten, Ängstlichen, Begriffsstutzigen, am ehesten hält er es noch mit einem Freund aus, der Theaterregisseur ist und sich fragt, wer denn nun krank ist, sein Freund oder eine Gesellschaft, die Menschen wie seinen Freund als krank bezeichnet. Aber sie alle sind auf dem Laufenden: Sie wissen, es ist jederzeit drin, dass ein Maniker aufs Dach klettert und denkt, er könne runterfliegen.

Aki Guballa liest.

Sie haben das Recht, den Betroffenen auch gegen seinen Willen in ein Krankenhaus zu bringen. Sie können sogar, selbst wenn es Ihnen beim ersten Mal schwerfallen wird, polizeiliche Hilfe in Anspruch nehmen. Patienten mit einer Manie können dazu gezwungen werden, ein Krankenhaus aufzusuchen – und zwar dann, wenn die Gefahr besteht, dass sie sich selbst oder andere verletzen oder wenn sie nicht mehr in der Lage sind, für sich selbst zu sorgen.

Sie überlegt, wie sie ihren Freund provozieren kann, damit die Polizei kommt und ihn in die Klinik einweist. Sie verwirft die Idee. Zu gefährlich. Für sie, für ihren Sohn.

Sich von dem Vater ihres Kindes zu trennen, ein vielleicht schwieriges Leben als Alleinerziehende zu führen, ohne Mann, aber auch ohne Wahnsinn, überlegt sie nicht. Wie sie es zur Not schaffen könnte, ihre Familie alleine durchzubringen, falls er nicht wieder arbeiten kann – darüber macht sie Pläne. Es ist, wie oft, wenn es um die Liebe geht, eine Frage des Wollens. Wenn ein beliebter Ratschlag ist: »Sie können einen Mann nicht verändern, nehmen Sie ihn, wie er ist«, dann entscheidet sie sich für die Steigerung dessen: Sie nimmt ihn auch so, wie er eigentlich nicht ist. Sie hofft und hört nicht auf zu hoffen, dass der Mann, den sie liebt, irgendwann wiederkommt, als wäre er zurück von einer langen Reise.

Ende August 2005, als Sebastian Schlösser erkannt hat, dass er Hilfe braucht, begleitet Aki Guballa ihn in die Universitätsklinik. Endlich will er sich helfen lassen, aber in der offenen Abteilung ist gerade kein Platz frei. Er quartiert sich ersatzweise zauberbergmäßig in einem Sanatorium ein, wo andere einfach nur ein paar Kilo verlieren wollen. Als Aki Guballa ihn dort besucht, weiß niemand, wo er ist. Sie macht sich auf alles gefasst: dass er auf dem Golfplatz ein paar Bälle schlägt oder tot in seinem Zimmer liegt oder dass er abgehauen ist. Sie findet ihn am Ende in Hamburg, bei einer Freundin von früher.

Liebe sticht Krankheit, und gleichzeitig ein neues Risiko

Es dauert noch quälende Wochen, bis er in der Klinik Hilfe bekommt. Dort muss er auf die Medikamente eingestellt werden, er zweifelt daran, ob das normale Leben, in das er zurückgeholt wird, lebenswert ist, »da habe ich noch mal Angst gekriegt«, sagt Aki Guballa.

Die ersten Monate nach seiner Rückkehr aus der Psychiatrie im Oktober sind schwierig. Sie sei viel zu wund gewesen, um wieder eine normale Beziehung zu führen, sagt sie, auf einmal war alles da, was sie zuvor weggeschoben hatte. War die Liebe wirklich so groß, dass sie all das ignorieren konnte, was passiert war? Sie wohnten erst einmal getrennt. Aber dann: »Unser Kind hat uns beide wieder zusammengebracht.« Immer wieder hatte sie Treffen auf dem Spielplatz organisiert, Vater und Sohn im Sandkasten, die Mutter im Hintergrund. Anfangs wollte sie den Kranken nicht mit dem Jungen alleine lassen, einmal war er mit seinem roten Strich-8er-Mercedes mit 180 über die Autobahn gerauscht in Richtung Nordsee, das Schiebedach offen, das Kind, Kirschkerne spuckend, neben ihm, die Musik aufgedreht.

Das Kind. Jetzt, im Sommer 2011, hat es gerade lesen gelernt, es weiß, worum es in dem Buch geht, dass der Vater krank war und immer aufgeregt, dass er Ärzte brauchte. Lesen will der Junge das Buch aber nicht. In Wirklichkeit sind die Briefe auch keine Kinderlektüre, sie sind für später geschrieben, als Erklärung, warum es war, wie es war. Und sie gehören zu einem Frühwarnsystem: damit der Sohn die Symptome einordnen könnte, falls er die Krankheit geerbt hätte. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 15 Prozent – aber wenn diese 15 Prozent keinen heftigen emotionalen Schwankungen ausgeliefert sind und ein relativ strukturiertes Leben führen, muss die Krankheit nicht ausbrechen. Die Chancen, dass es gut ausgeht, wenn sie doch ausbricht, sind umso größer, je früher man handelt.

Dem Kind geht es gut, dem Vater auch. Allerdings weiß Aki Guballa: Trotz der Medikamente, die er ein Leben lang nehmen wird, kann es immer wieder zu einem Ausbruch kommen, und das Erste, was der Wahn sagt, ist: Lass die Medikamente weg, die brauchst du nicht. Als sie gerade wieder zusammenwohnten, erschrak sie, wenn sie nach einem Nachtdreh nach Hause kam und von draußen Licht in der Wohnung sah, sie glaubte, drinnen tanzt er jetzt auf den Tischen. Dabei hatte er nur das Licht für sie angelassen, damit sie nicht im Dunkeln herumtapsen musste.

Ein Auslöser für einen Schub kann Aufregung sein, auch positive. Deshalb war die Geburt des zweiten Kindes ein freudiges, aber auch gefährliches Ereignis. Es war der Beweis, dass sie es geschafft hatten, Liebe sticht Krankheit, und gleichzeitig ein neues Risiko. Und die Hochzeit vor einem halben Jahr, in kleinstem Kreis gefeiert mit anschließender Hochzeitsreise nach New York und dem Jetlag, der einen Manisch-Depressiven aus dem Tritt bringen kann: ein Wagnis. Das Buch, Nächte mit wenig Schlaf, als er mit den Verlagen verhandelte: für ihn war das alles mehr als einfach nur Stress, sondern immer auch eine Tür für die Krankheit, für den Tiger, der rauswill.

Sie findet es richtig, dass er dieses Buch geschrieben hat, sagt Aki Guballa: Man kann ja nicht davor weglaufen. Und wenn einem etwas helfen kann, damit umzugehen, die Krankheit als Laie zu erkennen, dann das Wissen darum, was der Tiger anrichten kann. Und was Lithium kann, wenn es rechtzeitig gegeben wird.

»Sebastian ist immer noch laut und lustig, wichtig, aufbrausend, klug, emotional. Das funktioniert alles noch«, sagt sie, und man ahnt: So machtlos sie am Anfang war – ohne sie, die wie ein Marionettenspieler die Helfer an Fäden führte, die nie gegangen ist, die ihre Gefühle ausgeblendet hat, als es nötig war, und darüber nicht gefühllos geworden ist – ohne sie hätte er es nie geschafft.

Sebastian Schlössers Buch "Lieber Matz, Dein Papa hat ’ne Meise. Ein Vater schreibt Briefe über seine Zeit in der Psychiatrie" erscheint in diesen Tagen bei Ullstein.