Wie geht es eigentlich der Stasi? Lebt sie noch, oder ist sie ausgestorben? Und falls sie in Brandenburger Gärten ihren Ruhestand verdämmert, wollen wir da mit dem Racheschwert dreinhaun und aus längst verjährten Gründen der Gerechtigkeit den wunderbaren deutschen Frieden stören?

Roland Jahn, der neue Erzfeind alter Stasis , der seit einem halben Jahr die Bundesbehörde für die Stasiunterlagen leitet, würde sagen, dass dieser Frieden falsch ist. Weil sein Preis darin bestand, die Spitzel zu Lebzeiten ihrer Opfer irgendwie zu akzeptieren und die Täter, nun ja, zu integrieren. Aber nicht einfach nur in die Bundesrepublik. Sondern in unseren obersten Geschichtsaufarbeitungsbetrieb, jene gepriesene Gauck-Birthler-Jahn-Behörde. Damit soll jetzt endlich Schluss sein. Deshalb fordert Jahn eine Änderung des Stasi-Unterlagengesetzes , die es erlaubte, 47 einstige Mitarbeiter des MfS, die seit der Wende in seiner Behörde angestellt sind, zu versetzen. Wohlgemerkt: nicht rauszuwerfen, nur zu versetzen.

Worum handelt es sich hier? Um einstige Geheimdienstler, die die Geschichte ihres Geheimdienstes kritisch mit aufarbeiten sollten. Man kann das den größten Witz der Wiedervereinigung nennen. Man kann auch sagen, dass so ein Fehler in den Wirren nach einer historisch einmaligen Revolution schon mal vorkommt. Wenn er jetzt korrigiert würde, wäre das besser als nie.

Doch was geschieht stattdessen? Roland Jahn wird als rachsüchtiger Vollstrecker seiner persönlichen Abrechnungsgelüste attackiert. Als einer, der an harmlosen Pförtnern ein spätes Exempel statuieren will. Ja, liebe Versöhner-vom-Dienst, dass die Korrektur so spät kommt, ist nun nicht die Schuld von Jahn! Und findet ihr die einstigen Stasimänner als Zerberusse eines der sensibelsten Aktenbestände dieses Landes wirklich »okay«? In den Neunzigern verließen übrigens mehrere Bürgerrechtler und Historiker im Protest die Behörde, eben wegen jener Stasileute. Jürgen Fuchs schrieb darüber den großen Roman Magdalena : wie es ist, wenn ein Ex-Häftling ins Stasigefängnis zurückkehrt, »in den Innenhof der Macht«, und von MfS-Offizieren lächelnd begrüßt wird.

Dieser Vorgang war aber keine bloße Posse, sondern ein symbolpolitisches Desaster. Weil die meisten Verantwortlichen für das DDR-Unrecht nie belangt werden konnten (darin liegt die Crux aller demokratischen Nachfolgejustiz), ist es für die Opfer von eminenter Bedeutung, dass Täter als solche benannt und von bestimmten Schlüsselpositionen in der neuen Ordnung ausgeschlossen werden.

Jahns geplante Gesetzesänderung soll nun Rechtsbruch sein. Da kann man nur sagen: Was ist die Änderung eines Gesetzes gegen die Erfindung eines Gesetzes! Wir haben hier den klassischen Fall einer starken Diskrepanz zwischen Recht und Gerechtigkeit. Dass es diese Diskrepanz gibt, ist typisch für die Situation nach dem Sturz von Diktaturen. Deshalb gebührt dem Vorstoß Jahns alle Ehre – als Zeichen gegen ein wurschtiges gesamtdeutsches Schwamm-drüber-Establishment. Nein, politisches Unrecht lässt sich nicht nachträglich verhindern.

Aber wenn Mitschuldige durch allzu umstandslose Integration salviert werden, dann entsteht Revisionismus. Er zeigt sich heute nicht nur als mangelndes Unrechtsbewusstsein einstiger Stasis, sondern ganzer Gesellschaftsschichten. Manche Deutsche denken ja, die DDR sei vorbei. Diese glücklichen Ignoranten vergessen, dass so mancher Denunziant, Vernehmer, Richter noch keine vierzig war, als die Mauer fiel, und demzufolge heute keineswegs als harmloser Greis in seinem Brandenburger Garten sitzt.