Meilenweit schlängelt sich die O’Brien Creek Road durch ein bewaldetes Tal im US-Bundesstaat Montana am Rande der Rocky Mountains. Links und rechts stehen, locker zwischen gewaltigen Kiefern verteilt, typisch amerikanische Holzhäuser: Holzplanken umzäunen das Grundstück, Holzschindeln zieren die Dächer, große Holzterrassen erstrecken sich in Richtung Wald, darunter liegt sauber gestapeltes Feuerholz. »Die Leute ziehen immer weiter in die Wälder hinein«, erklärt Roger Archibald, »es ist die Massenbewegung der letzten Jahrzehnte.«

Schön ist es hier, keine Frage. Aber auch gefährlich. Denn wenn es im heißen Westen der USA wochenlang nicht regnet, reicht eine achtlos weggeworfene Zigarette oder ein Blitzschlag, und das liebliche Tal verwandelt sich in einen Feuerkessel.

Gewaltige Buschbrände in den USA, Texas in Flammen – das waren Schlagzeilen der letzten Wochen. Im vergangenen Jahr hatte es vor allem Kalifornien getroffen. Immer gehen die Bilder gewaltiger Rauchsäulen, verkohlter Häuser und wagemutiger Feuerwehrmänner um die Welt. Roger Archibald war einer von ihnen. Die Erfahrung hat ihn gründlich desillusioniert. Heute sieht er in der amerikanischen Art der Waldbrandbekämpfung vor allem ein großes Geschäft. Wie er das meint, kann er nirgendwo besser erklären als auf der O’Brien Creek Road.

Am Steilhang oberhalb des Tals ist eine große hellgrüne Fläche zu erkennen. Dort wütete im Sommer 2003 einer der größten Waldbrände, die es in Montana je gegeben hat. Zur Bekämpfung wurden mehr als tausend Feuerwehrleute aus dem ganzen Land zusammengezogen. »Zwei Tage lang haben wir versucht, ein Übergreifen auf das besiedelte Tal mit Gegenfeuern zu verhindern«, erinnert sich Archibald, »als klar wurde, dass das nicht funktioniert, haben Hubschrauber noch mal zwei Tage gebraucht, um all die Glutnester wieder zu löschen, die wir dabei gelegt hatten.«

Die Nutzlosigkeit ihres Einsatzes störte die Feuerwehrmänner wenig. Frage man, wie die Feuersaison laufe, würden sie »wunderbar« antworten, sagt Archibald. »Das heißt nicht etwa, dass es keine Feuer gibt, sondern – ganz im Gegenteil – besonders viele.« So verdienen die Feuerwehrleute mit Überstunden- und Gefahrenzulagen weit mehr als mit ihrem Grundgehalt. Immer wieder gab es Fälle, in denen Brandbekämpfer versuchten, ihr Einkommen mit Brandstiftung aufzubessern. Inzwischen dürfen deshalb bei einem Großfeuer nur noch maximal 20 Prozent des eingesetzten Personals aus der direkten Umgebung stammen. Der Rest wird aus anderen Landesteilen eingeflogen.

Das erfreut Fluglinien, Hotels und Caterer. Und im Sommer zieht eine ganze Armada fliegender Händler von Waldbrand zu Waldbrand. »Vor unserem Zeltlager wurden Duschkabinen und mobile Waschautomaten aufgestellt, es gab Süßigkeiten und sogar T-Shirts mit dem Aufdruck › Black Mountain Fire 2003‹ zu kaufen«, erinnert sich Archibald. Er gehörte damals zu den smoke jumpers, einer Elitetruppe für schnelle Einsätze in besonders abgelegenen Regionen. Am Fallschirm springen die smoke jumpers in waghalsigen Aktionen direkt vor den brennenden Wald.

Zwei Milliarden Dollar stellt der US-Kongress jedes Jahr für die Waldbrandbekämpfung zur Verfügung – fast die Hälfte des Gesamtbudgets aller Forstbehörden. Reichen die Mittel nicht aus, darf der Feuer-Etat überzogen werden. 11.000 Feuerwehrleute stehen ausschließlich zur Waldbrandbekämpfung bereit, dazu kommen bis zu eine Million freiwillige Helfer. Ihre Aufgabe: in mehr als 800.000 Quadratkilometern öffentlichem Wald – mehr als der doppelten Fläche Deutschlands – jedes Feuer zu verhindern.

"Das Gerede von sogenannten Wunderhäusern ist Unsinn"

Damit folgt die US-Forstbehörde noch immer einem Prinzip, das preußische Forstwirte vor mehr als 100 Jahren aus der Alten Welt mitgebracht hatten. »Was im feuchten Mitteleuropa richtig war, konnte hier aber nicht funktionieren«, stellt Steve Arno fest. In seinen Jahrzehnten als Mitarbeiter der Forstverwaltung hat er den Einfluss des Feuers auf den Wald in Montana genau untersucht. Er kennt die Baumarten, die nur keimen können, wenn ihre Samen in die fruchtbare Asche fallen, die von einem Bodenfeuer zurückbleibt. Und an Baumringen kann er sehen, dass die Wälder Montanas vor dem Eingreifen des Menschen alle ein bis zwei Jahrzehnte gebrannt haben.

Der Wald hat gut damit gelebt. Wenn Bodenfeuer das Unterholz ab und zu lichten, werden die Flammen nicht heiß genug, um ausgewachsenen Bäumen ernsthaften Schaden zuzufügen.

Anders beim großen Feuer von 2003. Über Jahrzehnte hatten sich abgestorbenes Holz und große Mengen Nadeln auf dem Waldboden angesammelt und brannten so heiß, dass alle Kiefern abstarben. Jetzt, sieben Jahre später, ist der Hang wieder mit einem hellgrünen Wald kleiner Nadelbäumchen überzogen. Dazwischen stehen einige riesige Lärchen, manche mehr als 300 Jahre alt. Bis in zwei Meter Höhe ist ihre Rinde schwarz verkohlt, ansonsten sind sie unversehrt. »Die Lärchen brauchen das Feuer«, erklärt Arno, »es hält ihnen die schnell wachsenden Kiefern vom Leib, von denen sie sonst geradezu erdrückt werden.«

Wichtigster Auslöser für die Brandbekämpfungspolitik der US-Forstbehörde war ein Großfeuer, das im August 1910 in drei Tagen Wald von der Ausdehnung Mallorcas vernichtete und 78 Feuerwehrleute das Leben kostete. Erst Mitte der achtziger Jahre kamen Zweifel auf, ob das Löschen wirklich immer und überall die beste Lösung für einen Waldbrand ist. Vor allem in Nationalparks werden seitdem Bodenfeuer sogar absichtlich gelegt, um das Unterholz auszudünnen. Überall dort, wo bewohnte Gebiete bedroht sind, gilt jedoch nach wie vor die Parole »Feuer aus – koste es, was es wolle«.

Jack Cohen ist überzeugt, dass es auch anders ginge. Der Physiker arbeitet am Feuerwissenschaftlichen Institut der US-Forstbehörde in Missoula, der zweitgrößten Stadt Montanas. Das Großfeuer 2003 brannte in Sichtweite seines Büros. Als es sich vom Steilhang langsam hinunter in Richtung des bewohnten Tals fraß, konnte der Experte seine Theorie mit dem Fernstecher überprüfen. »In den Medien ist oft von einer Feuerwalze die Rede«, sagt Cohen, »doch diese Vorstellung ist völlig falsch, und wer im Wald wohnt, sollte das wissen.« Nicht die bedrohlich wirkenden Flammen sind gefährlich für die Häuser, sondern der Funkenflug.

Im feuerfest ausgekleideten Laborraum des Instituts kann die Ausbreitung eines Waldbrands für verschiedene Baumarten und Wetterlagen simuliert werden. Selbst bei ungünstigsten Bedingungen reicht ein Abstand von zehn Metern, um ein direktes Übergreifen der Flammen zu verhindern. Doch wenn ein Baum brennt, entsteht dabei gleichzeitig ein sehr starker Aufwind. Und der kann glühende Aststückchen viele Hundert Meter weit schleudern. Landen die Funken auf brennbarem Material, entzünden sie dort ein Feuer. »Und leider sind viele unserer Häuser echtes Zündholz«, beklagt Cohen.

Zum Beweis zeigt er Fotos frisch abgebrannter Siedlungen. Von den Häusern sind darauf nur noch ein paar verkohlte Reste zu sehen. Doch dazwischen stehen grüne Bäume. Und manchmal hat – wie durch ein Wunder – sogar inmitten der Siedlung ein ganzes Haus das Feuer ohne jeden Schaden überstanden. »Aber das Gerede von den sogenannten Wunderhäusern ist kompletter Unsinn«, erklärt Cohen. Wer sein Dach mit Faserzementplatten (Eternit) statt mit Holzschindeln decke, hölzerne Gartenzäune nicht direkt an die hölzerne Terrasse heranführe, kein Brennholz an der Hauswand lagere und in einem Umkreis von zehn Metern heruntergefallene Äste und Nadeln regelmäßig wegfege, sei bestens geschützt. »Bei einem Waldbrand ist ein solches Haus der sicherste Fluchtort.«

Nicht das Feuer sei das Problem, sondern die Unvernunft der Menschen, die im Wald wohnen, sagt auch Ex-Feuerwehrmann Roger Archibald zwischen den Holzhäusern an der O’Brien Creek Road. »Aber wenn ein Politiker diese simple Wahrheit aussprechen würde, wäre er schnell weg vom Fenster.« Statt für gründliche Aufklärung und strikte Bauvorschriften zu sorgen, rufe die Politik im Fall des Falles lieber lauthals nach der Feuerwehr. Wenn dann erst einmal die Bilder mutiger Feuerwehrmänner mit rußverschmierten Gesichtern über die Bildschirme flimmerten, frage niemand mehr nach dem Sinn solcher Einsätze.

»Meistens sind sie überflüssig«, meint Archibald. Das gelte auch für Löschflugzeuge. »Die machen sich gut im Fernsehen und beruhigen die Öffentlichkeit, tragen aber fast nichts zur Brandbekämpfung bei.« So war es auch 2003 beim Black Mountain Fire. Tagelang waren die Löschversuche ohne Ergebnis geblieben. Dann drehte der Wind, es begann zu regnen, und die Flammen erloschen ganz von alleine.