Über das vermeintliche Idyll amerikanischer Vorstädte mit ihren breiten, baumbestandenen Straßen herrschen gnadenlose Hausbesitzerorganisationen, die ihre Macht am liebsten auf dem Rasen zeigen. Die Homeowner Association bestimmt die maximale Höhe der Grashalme vor dem Haus, sie beobachtet gewissenhaft die allgemeine Befindlichkeit der Grünfläche und verhängt drastische Geldstrafen, wenn Zeichen der Vernachlässigung auftreten.

Als Doug McGraw aus Dreaming Summit am Stadtrand von Phoenix in Arizona im Jahr 2009 eine Verwarnung erhielt, weil er sich dank der Wirtschaftskrise weder die Bewässerung seines Vorgartens noch einen Kunstrasen hatte leisten können, verfiel er auf die Notlösung, das verdurstete Gras mitten in der Nacht grün anzusprühen. Da keiner seiner Nachbarn die so plötzlich wiederbelebte Wiese kommentierte, tauchte er sie ein paar Monate später ungehemmt am helllichten Tage in frisches Grün und erzählte sogar stolz einem Reporter der New York Times von seinem Trick.

Tatsächlich hatte sich Doug McGraw nur der gleichen Strategie bedient, mit der Golfplätze, Sportstadien und Country Clubs seit mehr als einem Jahrzehnt ihre fleckigen Grünanlagen in Augenweiden verwandeln. Doch es war die Rezession, die das Färben verdorrter Rasenflächen zu einem neuen Industriezweig für den Heimbedarf machte.

Die Firma GrassBGreen, deren Name einem Zauberspruch gleicht, entdeckte bereits Anfang des Millenniums, dass Hausbesitzer in Las Vegas die Urinflecken ihrer Hunde auf dem Rasenteppich nicht länger ertragen wollten – aber erst mit dem Einbruch des Immobilienmarktes begann das Geschäft zu florieren. Denn kaum geht ein verschuldetes Haus an die Bank zurück, werden Wasser und Elektrizität abgestellt, und die Rasensprenger versiegen.

"Für die Bank ist es billiger, den Rasen färben zu lassen, als die Gebühren der Homeowner Association zu zahlen", erklärt Scott Nelson, der Manager von GrassBGreen. Immobilienmakler heuern Lawn Painters an, um den ersten Eindruck von ihrem Verkaufsobjekt mit einer schnellen kosmetischen Intervention zu erhöhen – nur ein von Algen getrübter und von Mücken kolonisierter Swimmingpool kann mit der negativen Aura brauner Grashalme konkurrieren.

Die Hersteller der grünen Elixiere, die staubtrockenes Gras im Nu verjüngen, schwören sämtlich auf die Harmlosigkeit ihrer Mittel. James Power von dem kalifornischen Unternehmen Lawn Lift rühmt jedoch seine Tünche, zubereitet nach einem Geheimrezept mit natürlichen Pigmenten, Binde- und Neutralisierungsmitteln, die besser sei als die weit verbreiteten Latexfarben, die so leicht das Gras ersticken!

Die Hausmischung kommt in einer einzigen Schattierung idealen Chlorophyllgrüns, das optimal einen gesunden Rasen imitiere und im Unterschied zu den synthetischen Produkten der Konkurrenz nicht nach einer Weile einen ominösen Blaustich annehme oder gar ins Türkis umschlage. Die Lawn-Lift-Tönung sei so umweltfreundlich, dass selbst Schafe oder Kühe den kolorierten Rasen schadlos mampfen könnten, wäre er nicht meist so furchtbar kurz geschoren. Auch auf den Bahamas würden Gärten schon mit der lichtbeständigen Tinktur in jenem intensiven Grün bemalt, das sonst nur auf Postkarten erstrahlt.

Eigentlich sei es sogar gut für den Rasen, sich unter einer wärmenden grünen Farbschicht in den Winterschlaf zu begeben, meint der texanische Insektenkundler Jay Jorns, dessen alteingesessene Firma seit ein paar Jahren das Grasfärben anbietet. "Jedenfalls ist es besser, als den ruhenden Rasen mit Winterroggen anzureichern, der dem Boden die meisten Nahrungsstoffe entzieht." Für eine Reihe seiner Kunden in Houston sprühte er im Winter einen "Weihnachtsrasen" ein, von dessen leuchtendem Smaragdton sich die bunten Lämpchen und Plastikschneemänner so viel hübscher abhoben.

Zu den Nachteilen zählt er die relativ hohen Kosten der kurzlebigen Verschönerung: 200 Dollar für die ersten und die Hälfte für alle weiteren 100 Quadratmeter. "In Texas haben wir sehr große Gärten", sagt Jorns.