Evi & Martin haben eins, Olivia & Felipe, Claudia & René und auch die kleine Familie aus Dennis, Christina und Lea. Sie alle haben ein Schloss zum Beweis, dass sie zusammen gehören, "für immer", " 4ever", "per sempre". Zu Hunderten hängen die Vorhängeschlösser an der Schwanenwikbrücke in Hamburg, in Rot, Grün, Lila und Orange . Sie sind bemalt, beklebt, mit Herzen und Schleifen verziert, die Namen und Jahreszahlen eingraviert oder mit wasserfestem Stift notiert.

Die Schlüssel haben die Liebenden in die Alster geworfen, dort liegen sie nun, unten im Schlamm, für immer unauffindbar. Niemand soll die Schlösser je wieder öffnen, sie sollen ewig halten wie die Liebe ihrer Besitzer.

Auf solche Art Treue geschworen wird auch auf der Hohenzollernbrücke in Köln, der Loschwitzer Brücke in Dresden, der Teerhofbrücke in Bremen, der Thalkirchnerbrücke in München, der Weidendammbrücke in Berlin und auf dem Eisernen Steg in Frankfurt. Schlösser hängen in St. Petersburg, Kaliningrad, Riga und Moskau. Touristen haben den Brauch bis nach China gebracht, bis an die Große Mauer. Die Liebe überwindet alle Grenzen.

Marmor, Stein und Eisen bricht, aber so ein Ding aus Stahl, das nicht. Ein Bremsklotz wider die Vergänglichkeit. Bloß wie bescheiden sind wir geworden! Früher träumten junge Frauen von einem Prinzen, der sie auf ein Schloss entführt, heute bringt er das Schloss in der Hosentasche mit.

So viel zu den Herzensangelegenheiten. Nun zu den Ämtern und den Sachfragen: Wie schwer wiegt die Liebe? Kann sie Brücken zum Einsturz bringen? Was, wenn die Schlösser rosten? Die Stadt Venedig hat beschlossen: Wer beim Aufhängen erwischt wird, soll 3.000 Euro Strafe bezahlen. Die Tageszeitung La Repubblica fordert kühn, überführte Paare ein Jahr lang ins Gefängnis zu stecken.

So weit ist man in Berlin noch nicht, aber vom Prinzip her sieht es die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung so: "Eine Brücke hat die Funktion, von A nach B zu führen." Schlösser? Da könne ja jeder kommen! Die Straßenkehrer sind angewiesen, alles zu entfernen, was nicht zur Brücke gehört. Sie rücken mit Bolzenschneidern an.

Auch in Wuppertal regt sich Widerstand. "Die Schlösser greifen irgendwann die Rostschutz-Lackierung der Brücke an", verlautet aus dem Rathaus. Wuppertal habe schon genug Probleme mit der Infrastruktur, da brauche es nicht noch Schäden durch kultische Handlungen.

Salzburg ließ vor einigen Monaten 50 Schlösser aufbrechen, angeblich aus Unwissen. Inzwischen reut es die Stadträte, und Paare dürfen ihre Liebe wieder am Geländer des Makartstegs verewigen, "solange es keinen Wildwuchs gibt", wie es nun kryptisch heißt.

Was darf die Liebe? Und was darf die Stadt? "Als Eigentümerin einer Brücke kann die Kommune von ihren Abwehrrechten Gebrauch machen", sagt die Justiz. Schlösser seien wie Graffiti.

Doch inwiefern stellen Liebesschlösser eine Verschandelung dar? "Das zu beurteilen liegt im Ermessen der Stadt", sagt die Justiz. Eine Stadt darf die Schlösser aufbrechen, muss es aber nicht. Keiner kann sie zwingen. Ob sie es tut, gibt Aufschluss über ihr Verhältnis zur Romantik. Köln, Hamburg und Stuttgart haben ein Herz für Schlösser, sie werden geduldet.