Wenn sich der Wind dreht, kann man den Tabak noch riechen. Ein wenig süßlich, ein bisschen nach Obst, eine Spur Honig. Sein Duft liegt über den barocken Engeln der Kirche am alten Marktplatz und steigt den wenigen Touristen in den mittelalterlichen Gassen in die Nase.

Es ist das Aroma von Hainburg an der Donau, rund eine Autostunde östlich von Wien. Dem letzten Flecken Österreich, an dem noch die dünnen Schwaden der Rauchwarenindustrie die Luft würzen. Vor über 200 Jahren wurde die Tabakregie, ein staatlicher Monopolbetrieb, von Joseph II. gegründet. Seit hundert Jahren gehören die Fabriken nicht mehr dem Kaiser, seit einem Jahrzehnt auch nicht mehr dem Staat. Mit Jahresende wird der milliardenschwere Konzern Japan Tobacco International (JTI) die letzte Fabrik zusperren. Dann wird Hainburg anders riechen.

Karl Kindl sitzt im ersten Stock des Rathauses und sagt: »Das ist eine Katastrophe.« Er sagt es so leise, dass er kaum zu verstehen ist. Der Mann, der in einem Hemd mit kurzen Ärmeln in seinem Sessel lehnt, ist seit sechs Jahren ÖVP-Bürgermeister der 6.000-Seelen-Gemeinde. »Jeder echte Hainburger kennt Leute, die in der Fabrik arbeiten«, sagt der ehemalige Polizist mit dem ergrauten Schnauzer. Sein Vater hat im Werk die Küche geleitet, auch seine Schwester arbeitete dort. Auf dem Bürotisch liegt eine Packung Memphis. Karl Kindl nennt sie die »Hausmarke«. Lange Zeit konnten die Hainburger gut vom Rauch in den Lungen anderer Menschen leben.

Es waren die goldenen Zeiten der verstaatlichten Industrie. Wer in einem Werk der Austria Tabak arbeitete, verdiente mehr als anderswo. Die Fabriksmanager sponserten den Fußballverein, ließen Geld für den Denkmalschutz springen. Wer in den Hallen des Monopolisten arbeitete, bekam monatlich drei Stangen Zigaretten der Marken Austria 3, Smart oder Memphis gratis zugeteilt. Überall erinnern alte Gemäuer an bessere Tage. Um die Jahrhundertwende strömten Abend für Abend 2.500 Menschen aus den Fabriken des Kaisers. In dem zum Hotel umfunktionierten Kloster, in der Musikschule, in ein paar Wohnhäusern und in der dreistöckigen Fabrik am Donauufer trockneten die Hainburger Tabakblätter, rieben Schnupftabak oder drehten Zigarren. Selbst großzügige Wohnblöcke ließen die vom Staat bestellten Werksmanager bis in die siebziger Jahre bauen. »Die waren damals von hohem Standard. Schwimmbad inklusive«, sagt Bürgermeister Kindl, der in einem der Häuser aufgewachsen ist. Heute gehören noch ein Franziskanerkloster und das Fabriksgelände aus den sechziger Jahren der Austria Tabak.

Nach der Nachricht vom Aus erschienen alle pünktlich wie immer zur Arbeit

Der Staat wollte nicht mehr. Vor nicht ganz 15 Jahren warf die rot-schwarze Regierung mehr als die Hälfte ihrer Anteile auf den freien Markt. Vor genau einem Jahrzehnt verkaufte die schwarz-blaue Regierung den Rest. Für 770 Millionen Euro ging die Austria Tabak mit ihren vier Fabriken an die britische Gallaher Group. Es kamen andere Manager, andere Pläne, und es wurde gespart. Geld für den Fußball, die Feuerwehr, den Denkmalschutz gab es keines mehr. Ihre Zigaretten mussten die Tabakarbeiter nun selber kaufen.

Vier Jahre später sperrten die Briten die Fabriken im steirischen Fürstenfeld und im Tiroler Schwaz zu. Als 2007 JTI um zehn Milliarden Euro den Gallaher-Konzern aufkaufte, mussten auch die Arbeiter in Linz stempeln gehen. Nur in Hainburg wurden weiterhin Glimmstängel produziert. 2007 bekannte sich der japanische Konzern noch vollmundig zu dem Produktionsstandort. Doch am 5. Mai dieses Jahres stand in einer dürren Aussendung zu lesen, dass es auch hier bald vorbei sein wird.

Die Manager schickten die Arbeiter nach Hause, um sie die Wut verarbeiten zu lassen. Keine Streiks, keine Proteste, kein Drama. Die Hainburger wussten, dass sie den Lauf der Dinge nicht aufhalten können. Am nächsten Tag kamen sie alle, pünktlich wie immer, zur Arbeit. »Die Nachricht von der Schließung hat eingeschlagen wie eine Bombe«, sagt Annemarie Kral, eine Mittsechzigerin, die schon ihr ganzes Leben in Hainburg wohnt. Ihre Großeltern rollten einst in einer der Fabriken Zigarren mit der Hand. Sie selbst hat sich zwar als Büroangestellte ihr Geld verdient, doch wer Hainburger ist, leidet trotzdem mit der Fabrik. Als die schlechte Nachricht kam, war sie bei einem Sektempfang in einer der schon lange stillgelegten Tabakmanufakturen aus Monarchietagen. »Keiner hat ein Wort rausgebracht. Niemand hat es glauben können.«

Ein paar Monate rattern in der Pressburger Reichsstraße 1 noch die Maschinen. Draußen vor der verwitterten Stadtmauer liegt das 65.000 Quadratmeter große Gelände der Austria Tabak. Niedrige Betonhallen mit gläsernen Eingangstüren und drumherum ein dunkelbrauner Gitterzaun. Davor weht die japanische Flagge gleich neben der österreichischen. Zehn Milliarden Zigaretten wurden hier im vergangenen Jahr auf Lastkraftwagen geladen. »Der Zigarettenkonsum geht zurück, es wird mehr geschmuggelt, und deswegen war das Werk nicht mehr ausgelastet«, sagt Sonja Reingrabner, die schon vor drei Jahren der Öffentlichkeit erklärte, warum das Rauchwarenwerk in Linz zusperren musste. Sie ist eine von 500 Mitarbeitern, die auch im nächsten Jahr noch an ihren Büroschreibtischen in der Wiener Zentrale der Austria Tabak sitzen werden. Dort vermarkten sie die Konzernmarken. Nur die Zigaretten werden im Ausland hergestellt. Und 240 Menschen müssen sich einen neuen Job suchen.

Wer die Geschichten dieser letzten österreichischen Tabakarbeiter erfahren will, stößt auf Schweigen. Niemand will sprechen. »Das ist mir zu heikel«, sagt eine Arbeiterin am Telefon. In den Fabrikbüros wird noch immer verhandelt. Mitte August wurde ein Sozialplan beschlossen. Wie der aussieht, will niemand verraten. Langgediente Arbeiter sollen für andere Jobs umgelernt werden. Sie sind auf den guten Willen ihrer Vorgesetzten angewiesen. »Die rufen jetzt jeden rauf in die Chefetage und verhandeln einzeln, deswegen traut sich keiner zu reden«, sagt eine Mittvierzigerin, die gerade ihren Wochenendeinkauf durch die Schiebetüren einer Supermarktfiliale trägt. Ihr Mann arbeite seit vielen Jahren in der Fabrik. »Wir müssen jetzt auf uns selber schauen«, sagt sie und klettert in ihr Auto.

Der Bürgermeister fordert nichts mehr, die Fakten sprechen gegen seine Stadt

Wenn vor der Stadtmauer die Schicht zu Ende geht, trotten ein paar Dutzend Männer und Frauen zu ihren hinter dem Zaun geparkten Autos. Darunter Elektriker, Mitte vierzig, die sicher keinen Job mehr finden würden. Hilfsarbeiterinnen, die sich nun als Teilzeitkraft im Supermarkt bewerben müssen. »Ich kenne ein junges Pärchen, das gerade eine Familie gründen wollte und angefangen hat, ein Haus zu bauen. Die wissen jetzt nicht, wie sie den Kredit abzahlen sollen«, sagt die Kellnerin im Gasthaus Zu den drei Kronen mit mitleidigem Blick. Es sind die Geschichten einer Region, die ihren einzigen Industriestandort verliert. Nun hoffen alle, dass der Flughafenterminal Skylink in Schwechat oder die General-Motors-Werke in Wien den Leuten Arbeit geben. So fordern das die Politiker von SPÖ, ÖVP und FPÖ. Es sind Politiker von denselben Parteien, welche einst die Privatisierung der Tabakwerke beschlossen haben.

Bürgermeister Karl Kindl fordert nichts mehr. »Die Leute sind schon so vernünftig und wissen, dass du nicht der Wunderwuzzi bist und Arbeitsplätze schaffen kannst«, sagt er. Wenn die Fabrik schließt, verliert die Gemeinde eine halbe Million Euro an Kommunalsteuern. »Wir haben der Wirtschaft nicht viel anzubieten«, sagt Kindl. »Ein paar Touristen können wir vielleicht noch anlocken.« Und Slowaken, die sich wegen der billigen Mieten hier ansiedeln und täglich zur Arbeit in das nahe Bratislava pendeln.

Er weiß, dass die Fakten gegen ein Wirtschaftswunder in Hainburg sprechen. Wie so viele im Ort wünscht er sich, der Staat hätte die Fabrik nie ganz privatisieren lassen. Dann wäre noch alles so wie früher. Dann müsste man sich nicht nach Renditen, Märkten und Auslastung richten. »Bei dieser Globalisierungsgeschichte bleiben die Menschen auf der Strecke«, sagt Kindl.

Heute ist die Tabakindustrie von Hainburg ein geschlossenes Kapitel Industriegeschichte. Elegant schmiegt sich ein vierstöckiger Bau ans Donauufer. Wenn die schnellen Motorboote aus Bratislava an ihm vorbeibrausen, bremsen sie kurz ab, Fotoapparate blitzen in der Sonne. Vor ihren Linsen liegt die Mitte des 19. Jahrhunderts errichtete Tabakfabrik, die heute Kulturfabrik heißt. Ihre frisch renovierten Hallen gehören nun dem Land Niederösterreich, das hier Ausstellungen und Seminare veranstaltet. Der Bau ist zum Denkmal einer Zeit geworden, in der das Land noch Tabakarbeiter brauchte.