Auf Alexander Kluges Arbeitstisch liegt ein dicker Papierstapel, das neue Werk, gerade beendet und abgegeben: Das fünfte Buch. Neue Lebensläufe. Ein ganzes Kapitel, sagt Kluge, kreise um Griechenland und damit ganz grundsätzlich darum, dass wir in einer ausgesprochen fragilen Zeit lebten. Die Erscheinung des Augenblicks sei gewaltig, es sei, als befänden wir uns in einer vorrevolutionären Zeit, in der nur das Subjekt der Revolution noch unklar sei. Der Alltag sei zwar noch intakt, der Bäcker öffne seine Türen tagtäglich zur gewohnten Zeit, gleichzeitig seien die Begriffe und Vorstellungen, die kursierten, bereits umstürzlerisch: die Rede vom Zerfall des Euro-Raums, von der nicht bewältigbaren Schuldenkrise , vom Zusammenbruch. Es revoltierten ja auch tatsächlich Jugendliche in den Großstädten längst nicht mehr nur im arabischen Raum, sie zündeten ganze Häuserzeilen in London an. In Berlin würden allnächtlich Autos abgefackelt. Als habe sich allerorts die Gewalt über Jahrzehnte aufgestaut.

Ihm dränge sich, sagt Kluge, eine historische Parallele auf. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts habe aus den größten Menschheitstragödien bestanden, die zweite – alles in allem – aus einer geradezu unwirklichen Friedfertigkeit. Nun drohe die erste Jahrhunderthälfte sich zu wiederholen (nichts wiederhole sich natürlich in gleicher Weise, aber als schaurige Variante durchaus). Dass ein Wirtschaftskollaps abermals zur Entgleisung der Welt führen könnte – von diesem Gedanken sei er ganz ergriffen. Lebten wir nicht in Wahrheit im Jahr 1912? Vor beinahe hundert Jahren, als sich die Konflikte mit dem Ersten Balkankrieg zuspitzten? Wenige Jahre vor dem großen Knall?

Man muss, wenn man den 79-jährigen Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge trifft, sich darauf einlassen, dass es immer ums Ganze geht, um Weltgeschichte, um verborgene Zeitschichten, die in unsere Gegenwart hineinragen. Kluge vermag es, scheinbar ganz unabhängige Anekdoten zu erzählen – etwa eine aus der Antike und eine aus dem Schützengraben des Ersten Weltkriegs –, die unversehens Gemeinsamkeiten aufweisen oder die eine überraschende Konstellation ergeben (ein Verfahren, das er mit Adorno und Benjamin teilt).

Kluge entfernt sich als Filmemacher, Erzähler und als Interviewer immer weit vom Gegenstand, um sich seinem Kern umso inniger zu nähern. Als Interviewer und Interviewter (bei Kluge fallen die beiden Rollen tendenziell in eins) ist er ein Anarchist des Denkens, der jede geordnete Gesprächsführung lustvoll sabotiert. In seinen berühmten Interviews mit Heiner Müller etwa spricht er mit diesem über das Verhältnis von Voltaire und Friedrich II. Und indem die beiden über Voltaire und Friedrich II. sprechen, sprechen sie natürlich zugleich über das Verhältnis von Macht und Intellektuellen überhaupt und damit auch über das Verhältnis von Heiner Müller zur DDR. Das muss dann gar nicht eigens erwähnt werden. Vergangenheit und Gegenwart, Geschichte und Geschichten werden bei Kluge auf scheinbar zufällige Weise miteinander kombiniert. Dem eigentlichen Gesprächsgegenstand nähert er sich stets vom Rand her, der Überzeugung folgend, dass man erst auf einer abenteuerlichen Fahrt ans Ziel gelangt. Und dass man im Zentrum das Zentrum am schlechtesten begreift. Wer mit Kluge spricht, erhält in einem weit ausgreifenden stream of consciousness zumeist mehr Fragen als Antworten, Versuchsanordnungen und Wegweiser. Aber niemals: Erwartbares.

Es ist früher Morgen. Wir hatten uns in Kluges Wohn- und Arbeitsräumen verabredet, um ganz grundsätzlich über die Ratlosigkeit unserer Zeit zu sprechen, in der im Stundentakt neue Krisensymptome zutage treten und Lösungsansätze verbreitet werden, die sich einander widersprechen (geordnete Insolvenz Griechenlands? Schuldenschnitt? Oder nicht besser: ein neues Konjunkturpaket? Ausweitung des Rettungsschirms? Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro-Raum? Und so weiter).

Kluge referiert sogleich seine allerneuesten philologischen Entdeckungen, die er in seinem neuen Buch literarisch entfaltet hat: Man habe, sagt Kluge einleitend, die Verwaltung und Bildung Griechenlands von Deutschland aus – vermutlich aufgrund einer überreizten Antikenverehrung – mehrmals zu reformieren versucht. Immer mit Elan, aber immer sei das gründlich schiefgegangen. Ganz kurios sei die Geschichte eines deutschen Bezirkskommandeurs, der in Griechenland 1941 mit Studienräten und Volksschullehrern Stätten der Erwachsenenbildung zu installieren suchte, um die Griechen wieder zu richtigen Griechen zu machen – hatten doch einst die Goten unter Alarich (die als Ahnen des deutschen Reiches galten) die Ober- und Mittelschicht des Landes vertrieben und einen über Jahrhunderte andauernden Bildungsnotstand herbeigeführt. Noch Teile der Wehrmacht hätten als Besatzungsmacht deutschen Geist und verloren gegangene Antike von oben herab zu versöhnen versucht (während andere Teile in Griechenland die grässlichsten Massaker verübten). Kaum anders sei schon der bayerische Prinz und Griechenkönig Otto I. verfahren, der im 19. Jahrhundert mit einem Tross von Beamten die Verwaltung des Landes zu optimieren suchte, was gleichfalls gründlich misslang. Und natürlich, sagt Kluge, sei es nicht ganz frei von Ironie, dass nun abermals ein Deutscher, der EU-Beamte Horst Reichenbach, einem Expertenteam vorstehe, um Verwaltungsreformen zu unterstützen, und damit ebenfalls, wie der Bezirkskommandeur, Erwachsenenbildung betreibe.