Na, dann woll’n wir mal«, sagt Jan Bade, zückt sein Messer und sticht zu. Routiniert durchtrennt er das Klebeband des braunen Pakets, öffnet den Deckel und holt eine in Plastik eingeschlagene Papiertüte hervor. Sie scheint intakt, kein übler Geruch, kein matschiger Obstbrei. »Hiermit lässt sich noch etwas anfangen«, sagt er und kippt den Inhalt auf den Tisch: Ein gutes Dutzend grün-brauner Birnen purzelt heraus – »könnten gut Boscs Flaschenbirnen sein«.

Jeden Tag in der Sommersaison bekommt der 44-Jährige zwei, drei Pakete mit mal mehr, mal weniger frischen Früchten darin geschickt. Aus Thüringen, Nordrhein-Westfalen und der Pfalz trudeln sie ein. Manche stammen von Hobby-Gärtnern, andere schicken Landratsämter mit offiziellem Auftrag. Für alle ist Bade die letzte Hoffnung: Der gebürtige Hamburger ist ein Pomologe, ein Obstbaukundler aus Leidenschaft und einer der ganz wenigen deutschen Fachleute für seltene Birnen. Deren Expertise wird dringend benötigt. Zahlreiche alte Obstbäume wachsen in Deutschland, deren Namen niemand mehr kennt. »Wenn wir nicht rauskriegen, wie die Birnen heißen, dann sterben die Sorten aus«, sagt Bade. Keine Baumschule, kein Züchter hat diese Obst-Oldies im Programm.

Sie zuzuordnen ist ein Geduldsspiel, eine Lebensaufgabe. Deshalb hat Jan Bade in Kaufungen, einem Dorf in Nordhessen, einen Garten der Namenlosen angelegt – eine sattgrüne Streuobstwiese. Auf insgesamt viereinhalb Hektar Gemeindeland stehen dort Bäume mit 60 bis 70 unbekannten Birnensorten. Großzügig sind die Bäume hier gepflanzt worden. Ihr großer Abstand ist mit Bedacht gewählt, denn Bade düngt weder massiv, noch spritzt er, um Schädlingen vorzubeugen. »Hätte ich mehr Platz«, sagt der Pomologe, »wäre die Auswahl noch größer.«

Bade greift wieder zu den neu eingetroffenen Früchten. Er wiegt die Birnen in der Hand, dreht und wendet sie, schneidet ein Stück davon ab und probiert. »Ich futter’ mich geradezu durch die Saison«, sagt er. An manchen Tagen isst er bis zu drei Kilogramm Birnen.

Struktur, Stielform, Farbe: Ein Steckbrief verrät die Sorte

Ihn nur als Obstgourmet zu verstehen, damit würde man Jan Bade nicht gerecht werden. Die Pomologie ist halb Wissenschaft, halb Gartenkunst; die Bestimmung einer alten Sorte eine Spurensuche. Dabei ist der Geschmack nur einer von vielen möglichen Hinweisen. Wichtig sind bei Birnen zum Beispiel auch die Stiele. Bade schaut: Sind sie gebogen oder gerade? Wie lang ist der Stiel? Welche Farbgebung hat er? Wie ist er angesetzt?

Danach schneidet er die Birne in der Mitte durch. Nun sind die inneren Merkmale an der Reihe: Farbe, Struktur des Fleisches, Form der Kerne und des Kernhauses. Steckbriefe und die Kerne von rund 200 Typen bewahrt Bade, alphabetisch in Klarsichthüllen geordnet, in einem Aktenordner auf.

Da nicht jede Frucht alle Merkmale vereint, hat Bade bei schwierigen Fällen lieber fünf bis zehn Früchte auf dem Tisch. Er dreht eines der neuen Exemplare: »Bei dieser Birne ist es zum Beispiel so, dass die äußeren sortentypischen Merkmale fehlen.« Eigentlich solle sie zehn Rippen an der Unterseite haben. »Wenn ich nur danach suchen würde, wäre ich aufgeschmissen.«