Diners sind turbulente Orte, lebenssprühend, hektisch
Jim Georges Boulevard Diner ist eines der letzten alten Worcester Lunch Cars, die an der belebten Shrewsbury Street übrig geblieben sind. In dem zierlichen, schmucken Diner ist alles original: die Sitznischen aus dunklem Eichen- und Eukalyptusholz, die dreiteiligen Fenster mit dem bleigefassten Rand aus rotem Buntglas, die tonnengewölbte Holzdecke, der Marmortresen, der Mosaikfußboden. Tradition verkörpert auch sein Besitzer. Jim George, 49, ist ein diner man von Kindesbeinen an. "Seit ich elf war, habe ich bei meinem Vater mitgeholfen. Immer harte Arbeit, nie Feierabend." George lächelt zwar, wenn er das sagt; aber es gab einen Zeitpunkt, vor 17 Jahren, als er zu jedem Job bereit war, nur um endlich den Diner hinter sich zu lassen. "Diese Arbeit verbraucht einen total", sagt George, "und doch konnte ich nicht ohne." Sieben Jahre später kaufte er den Diner seiner Mutter und den Brüdern ab. "Ich wollte ihn wieder in Schuss bringen, 24 Stunden offen haben. Wenn schon, dann richtig!"
"Ach was", scherzt ein alter Bekannter, der das Gespräch vom Barhocker mitverfolgt. "Ich komme seit Ewigkeiten her und gebe überall an mit eurem Essen und euren Öffnungszeiten, – und was passiert? Letzten Sonntagnachmittag bringe ich meinen Kollegen aus England her: geschlossen." Großes Gelächter. Zwei Stunden pro Woche schließt Jim George seinen Diner für den Wochenputz. Auch Barmann John grinst. Mit echter showmanship tanzt er zwischen Tresen und Grill, nimmt Bestellungen entgegen, wendet sich dann wieder zum Grill, der großen Bratfläche, dem Herzstück jedes Diners. Omeletts liegen da neben Brokkoli, Pilzen, Burgern und Corned Beef. "Sausage and home fries? Great." John hat seine Augen überall. Die hausgemachte Wurst ist eine Spezialität im Boulevard, die Bratkartoffeln dazu brutzeln schon in einer Ecke des Grills vor sich hin. Ein Sandwich mit Preiselbeeren und Walnüssen? Oder lieber doch den Klassiker "BLT" – bacon, lettuce, tomato ?
So hatte es Richard Gutman gesagt: "Diners are hustle-bustle places, action-packed." Diners sind turbulente Orte, lebenssprühend, hektisch. Zwar geht es um schnelles Essen, dies aber ist nicht zu verwechseln mit Fast Food: "Fast Food ist zu hundert Prozent vorhersehbar. Das Essen im Diner ist individuell, geprägt von der Herkunft der Besitzer, von der regionalen Küche."
Die Fahrt in Richtung Norden führt zurück an die Küste und nun endlich durch beschauliche Dörfer mit zierlichen Holzhäusern und Ateliers im Zentrum. Dahinter ist das Meer zu ahnen. Einer dieser reizenden Orte ist Rowley. Silbern glitzernd zwischen Bäumen steht da der Agawam Diner. 1954 hat ihn die griechischstämmige Familie Galanis erworben und 1970 von einem anderen Standort hierher transportiert. Man zwängt sich in diesen Diner, der doch von außen so geräumig aussah, und kann vor lauter Volk kaum die Tafel über dem Tresen lesen: crab cakes, clam chowder, Fischsuppe. Hier steht das Meer auf dem Menüplan, und es schmeckt großartig. Das Agawam Diner ist ein Stück Heimat. Eingezwängt und einbezogen inmitten fröhlicher Familien, spürt man: Hier könnte man jederzeit hereinschneien und bekommen, wonach einem gerade der Sinn steht, ob ein Frühstück um Mitternacht oder ein paar warme Worte – "wie bei Mom und Pop".
Kurz hinter dem Eingang, an einer großen Registrierkasse, sitzt Andy Galanis, 83-jährig, der Letzte der alten Besitzerfamilie. "Seit ich nicht mehr laufen kann, ist das mein Platz!" Unter der Kundschaft, die sich um ihn drängt, zur Tür herein, zur Tür hinaus, ist manch einer nicht gut zu Fuß, auf Stöcke gestützt, im Babykorb getragen, keine Altersstufe scheint zu fehlen. Mit seiner gesammelten Diner-Schlagfertigkeit aus 70 Arbeitsjahren findet Andy für jeden die passende Ansprache, vom Anzugmann über den Sportklub bis zum 90-jährigen Freund. "Ich kann meine Frau nicht finden", sagt der Freund. "Lass sie hier, wir bekochen sie schon."
Andy war der jüngste von vier Brüdern. "Als ich jung war, besaßen wir drei Diners hier in der Gegend!" In ganz Amerika gab es damals, Mitte der Fünfziger, noch rund 5.000 – doppelt so viele wie heute. Nach dem Krieg erlebte das Geschäft mit dem guten Essen zum guten Preis einen erneuten Boom. "Dann kamen die ganzen Neonröhren..." Noch einmal änderte der Diner sein Design – und im Zeitalter der wachsenden Familien auch die Größe. Bis 1962: In diesem für den Diner schicksalhaften Jahr wurde das letzte Worcester Lunch Car verkauft – und es erschien die erste Werbung eines übermächtigen Konkurrenten: McDonald’s. Plötzlich waren Diners alte Hüte. Ende 1962 vermeldete der Fast-Food-Gigant bereits den 700-millionsten verkauften Hamburger. Diners machten zu, wurden demontiert. Nur ein paar Tausend haben bis heute überdauert. Hat man es also mit Sammlerstücken zu tun, nostalgisch verklärten Relikten einer alten Zeit?
"Ich erzähl Ihnen mal was", sagt Andy Galanis und spießt einen Kassenzettel auf. "Irgendwann machte da drüben auf der anderen Straßenseite ein McDonald’s auf." Köpfe um ihn herum nicken. "Und wissen Sie, was passiert ist? Nichts! Es hat unsere Kunden nicht interessiert. Die wollen anscheinend genau den Trubel, den wir hier haben." Spricht’s, lächelt seiner Tochter zu, die den Diner heute führt, und schiebt unter lautem zustimmendem Gemurmel die Registrierkasse zu.
- Datum 30.09.2011 - 10:36 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.9.2011 Nr. 39
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... aber gemeinhin heißt es eher nicht "das", sondern "der Diner".
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Eine "Emma-"Leserin zur andern beim Frühstück: "Reichst du mir bitte mal die Salzstreuerin!"
nicht nur in New England...Die Show von Guy Fieri auf dem foodchannel: DINERS, DRIVE-INS AND DIVES befasst sich seit mehreren Jahren damit...und stellt Diners in New Mexico, Kalifornien und vielen anderen Staaten vor.
www.foodchannel.com
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