Die Insel Jeju ist ein ökologisches Paradies knapp 100 Kilometer südlich von Koreas Festland. Bei der Fußball-WM 2002 fand die deutsche Mannschaft hier ein traumhaftes Quartier. Hätten die Spieler genug Zeit gehabt, die nähere Umgebung mit ihren Mandarinenhainen, fruchtbaren Äckern, buddhistischen Tempeln und Korallenbänken im Meer zu erkunden – dann wäre ihnen das blühende Fischerdorf Gangjeong kaum entgangen.

Heute ist es für eine friedliche Exkursion zu der 2000-Seelen-Gemeinde zu spät. Ihre von der Unesco als schützenswert deklarierten Naturräume werden zerstört. Die Regierung in Seoul lässt dort einen Stützpunkt für 20 Kriegsschiffe bauen, den später 25.000 Marinesoldaten bevölkern sollen. Die USA werden hier das Aegis-Raketen-Frühwarn- und Feuerleitsystem aufstellen. Die Basis grenzt an das Ostchinesische Meer, in dem Amerikaner und Chinesen bei einem Konflikt um Taiwan aneinandergeraten würden. So wird aus der Trauminsel Jeju ein US-Brückenkopf zur Einkreisung der aufsteigenden Seemacht China.

Vier Jahre lang hat sich Gangjeong mit allen Mitteln gegen die Marinebasis gewehrt . Pastoren und der katholische Bischof der Insel verurteilten den Stützpunkt als »Sünde gegen Mensch und Natur«. Fischer und Bauern stellten Zelte auf ihren verlorenen Feldern auf. Dorfbewohner blockierten Zement-Transporter und wurden verletzt. Anfang September hat ein Großaufgebot der Polizei die Demonstranten auseinandergetrieben und 30 Bürger verhaftet, unter ihnen drei Priester. Den 700 Uniformierten von Jeju kamen 500 Polizisten vom Festland zu Hilfe.

Hier wiederholt sich Geschichte. Wenn auch nicht als eine so unfassbare Tragödie, wie sie einst Polizei und Armee unter Aufsicht der damaligen US-Militärregierung über Jeju brachten. Auf der Insel wurde 1948 ein frühes Exempel der verbrannten Erde statuiert. 270 von 400 Inseldörfern gingen in Flammen auf. Jeder zehnte der zu jener Zeit 300.000 Einwohner fiel dem Massaker binnen eines Jahres zum Opfer.

Wie war es zum ersten staatlichen Massenmord an Zivilisten nach dem Holocaust gekommen? Jejus Bewohner hatten einen Traum, der die meisten Koreaner nach Kriegsende und der Befreiung von Japans Kolonial-Joch einte. Spontan gebildete Volkskomitees sollten endlich ein freies Korea regieren. Doch Washington und Moskau hatten das Land schon in Einflusssphären aufgeteilt. Im Frühjahr 1948 demonstrierten 30.000 Bürger von Jeju gegen die von den USA initiierten, separaten Wahlen für den Süden des noch ungeteilten Landes. Die Insulaner und ihre Volkskomitees fürchteten, gerade errungene Eigenständigkeiten wieder zu verlieren. Polizisten erschossen sechs Demonstranten.

Damit war die Insel reif für einen Aufstand. Rund 500 Sozialrebellen führten ihn an, 3000 Bauern und Fischer folgten. Sie hatten keine Beziehungen zu den Kommunisten im Norden. Das Bauernheer besaß außer ein paar alten Karabinern nur Bambusspeere und Heugabeln. Die US-Militärregierung (Usamgik) entsandte koreanische Polizisten, Militärs und die paramilitärische Terrororganisation Suh-Cheong zu einem Strafgericht über die Insulaner. Friedensgespräche wurden abgelehnt, Greise zu Tode gequält, Kinder exekutiert, Frauen vergewaltigt, einige lebendig begraben. US-Berater wohnten Hinrichtungen von Aufständischen als Beobachter bei. Die folgenden Diktatoren Südkoreas verboten jede Erwähnung der Tragödie. Nie fand sie den Weg in die Geschichtsbücher. Erst als der spätere Nobelpreisträger Kim Dae Jung 1998 Präsident wurde, endeten 50 Jahre des Schweigens.

Für das Dorf Gangjeong, dessen Umfeld jetzt der Militarisierung Jejus zum Opfer fällt, bleibt nur ein Requiem. Und seinen Bewohnern die Erfahrung, dass Weltmächte trotz der Verbrechen, die sie begangen haben, weiterrüsten. Zulasten der Bevölkerung.