Mit dem Nichts ist das so eine Sache. Viele große Männer haben sich darüber den Kopf zerbrochen: Platon, Hegel, Planck. Heute macht Ben sich seine Gedanken. Er weiß bereits, dass das Universum nicht schon immer existierte; und ebenso, dass es am Anfang einen großen Knall gab. Doch was war davor? "Na, nix", meint Klassenkamerad Henri. Doch damit will der achtjährige Ben sich nicht zufriedengeben. "Irgendwie muss dieses Nichts doch trotzdem ausgesehen haben..."

Die beiden Jungen liegen auf dem Teppich der Schulbibliothek. Um sie herum suchen Jungen und Mädchen nach Büchern, zeichnen Pyramiden oder Dinosaurier, machen sich Notizen. Zehn Kinder drängen sich in dem kleinen Raum, doch es geht ruhig zu. Ein Lehrer ist nicht zu sehen. Nur eine Mutter sitzt in einer Ecke und trinkt Kaffee.

Es ist Forscherzeit an der Hamburger Grundschule Forsmannstraße . Zwei Stunden pro Woche sind im Stundenplan für das eigenständige Recherchieren, Entdecken und Nachdenken reserviert. In dieser Zeit suchen die Kinder mehr als ein halbes Jahr lang Antwort auf eine einzige Frage – ihre Frage, die ihnen kein Lehrer vorgibt oder hilft zu beantworten. Von der Vorschule bis zur vierten Klasse begeben sich die Kinder auf eine Wissensexpedition. Ein deutschlandweit wohl einzigartiges Experiment, das zeigt, zu was Grundschulkinder bereits fähig sind.

Projektarbeit gehört zur heutigen Schule wie der dröge Drill zur Lehranstalt von gestern. Besonders Grundschullehrer pflegen schon lange nicht mehr den traditionellen Frontalstil. Mit Lerntagebüchern, Lesejournalen oder Portfoliounterricht schicken sie ihre Schüler auf einen eigenen Weg zum Wissen.

Meist jedoch ist das Ziel der Erkenntnis den Schülern vorgegeben, bleibt die Freiheit inszeniert. Steht etwa Europa auf dem Lehrplan, dürfen sich die Kinder ein Land zum Vorstellen aussuchen. Das entdeckende Lernen wird dagegen ausgelagert: in die Projektwoche, wenn die Schüler den Klassenraum für einige Tage mit dem Stadtteilarchiv oder dem Wald eintauschen.

Die Lehrer an der Grundschule Forsmannstraße gehen einen Schritt weiter. In der Forscherzeit, die zum normalen Unterricht gehört, sollen die Kinder keinen Stoff einüben. Ihre Frage muss sich in keinen Lehrplan fügen. "Die Lehrer interessiert allein, was die Schüler interessiert", formuliert Schulleiterin Ruth Jakobi das Grundprinzip des forschenden Lernens.